BBC steht nach schweren Fehlern vor grundsätzlicher Reform
11.11.2012 16:42
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LONDON (dpa-AFX) - Die britische BBC ist wegen schwerer Fehler im Umgang mit
der Berichterstattung über Kindesmissbrauch in eine der größten Krisen ihrer
Geschichte gestürzt. Generaldirektor George Entwistle trat am Samstag nach nur
zwei Monaten im Amt zurück.
Er übernahm damit die journalistische Verantwortung für einen Film in der
Sendung "Newsnight", der den früheren Schatzmeister der britischen
Konservativen, Alistair McAlpine, fälschlicherweise als Kinderschänder
darstellte. Das war ein schwerer Recherchefehler. "Der Film hätte nie
ausgestrahlt werden dürfen", sagte Entwistle.
Zuvor war bekannt geworden, dass die BBC 2011 eine Sendung mit Vorwürfen
gegen ihren eigenen Musikmoderator Jimmy Savile unter den Teppich gekehrt hatte.
Erst der Konkurrenzsender ITV strahlte die Vorwürfe gegen den im vergangenen
Jahr im Alter von 84 Jahren gestorbenen Savile vor wenigen Wochen aus.
"Es waren zwei Fehler innerhalb sehr kurzer Zeit", sagte die britische
Medienexpertin Claire Enders der Nachrichtenagentur dpa in London. "Man hat das
Gefühl eines systematischen Versagens", sagte sie. "Die BBC muss sehr ernste
Fragen beantworten."
Der Vorsitzende des BBC-Rundfunkrates, Chris Patten, verlangte am Sonntag
grundlegende Reformen. "Es bedarf einer sorgfältigen, radikalen, strukturellen
Überarbeitung", sagte Patten, Präsident des BBC Trust. Ein neuer Generaldirektor
werde in den nächsten Wochen bestimmt, sagte Patten. In der britischen Politik
und der Medienwelt wurden Rufe nach einem Kandidaten von außen laut.
Kommissarisch hat Hörfunk-Chef Tim Davie auf dem BBC-Chefsessel Platz genommen.
Patten und Davie wollten noch am Sonntag darüber diskutieren, ob die Sendung
"Newsnight" - seit mehr als 30 Jahren eines der wichtigsten Politikmagazine der
BBC, nach den beiden schweren Fehlern weiter ausgestrahlt werden soll. Patten
räumte ein, auch seine eigene Position als Vorsitzender des Rundfunkrates stehe
unter Beobachtung. Er sehe es jedoch als seine Aufgabe an, das Vertrauen in die
Sendeanstalt zurückzugewinnen.
Kritik wurde am Sonntag an den Führungsstrukturen laut. Der Generaldirektor
einer großen Anstalt wie der BBC dürfe nicht länger journalistisch
verantwortlich für die Nachrichtenprogramme sein.
Die BBC hat mit zehn Fernsehsendern und der weitaus größten Reichweite bei
Nachrichten- und Informationsprogrammen eine beherrschende Stellung auf dem
Fernsehsektor in Großbritannien. "Für die Menschen von diesem Land ist diese
Thema von immenser Wichtigkeit", sagte Medienexpertin Enders. "Es handelt sich
um die größte Kultur-Organisation Großbritanniens." Die Zahlen zeigten, dass die
Zuschauer dem Sender bisher nicht den Rücken gekehrt hätten./dm/DP/he
