Bitte warten...
Börse Frankfurt

HINTERGRUND: 'Peak Car' - wenn der Automarkt nicht mehr wachsen will

16.12.2012 11:35

Anzeige

    FRANKFURT (dpa-AFX) - "Peak Car" klingt zwar ein bisschen nach Pik Bube, ist
aber kein Trumpf aus dem Skatblatt für Autobauer. Im Gegenteil: Die Branche
fühlt sich bei dem Begriff wohl eher an den Schwarzen Peter erinnert. Denn er
beschreibt den Moment, ab dem der Hunger nach immer mehr Autos gestillt ist. Die
Menschen setzen sich seltener hinters Steuer - und wo weniger Auto gefahren
wird, werden auch weniger Neuwagen verkauft. Viele Industrieländer haben diesen
Punkt aus Sicht von Ökonomen schon erreicht, womöglich ganz Europa.

    Zumindest sanken die Neuzulassungen in der EU im November den 14. Monat in
Serie, wie der europäische Branchenverband ACEA am Freitag mitteilte. In den
ersten elf Monaten wurden sogar so wenig Neuwagen zugelassen wie seit dem Jahr
1993 nicht mehr. Das dürfte zwar zum Großteil auf das Konto der flauen
Konjunktur gehen - ist aber auch ein Vorbote gesellschaftlicher Veränderungen,
die die Autoindustrie treffen. 

    Denn junge Leute und damit potenzielle Neukunden werden rar. Mehr Menschen
leben in Städten, brauchen dank Bus und Bahn seltener den eigenen Wagen - und
sparen sich lieber das lästige Parkplatzsuchen. Gerade für junge Stadtmenschen
verliert das Auto an Bedeutung. Und weil Neuwagen dank steigender Qualität immer
länger gefahren werden, wird der nächste Autokauf zusätzlich auf die lange Bank
geschoben.

    Und so zeichnet die US-Investmentbank Morgan Stanley   in
einer Studie ein düsteres Bild vom europäischen Automarkt. Die Analysten
vermuten, dass der "Peak Car" schon erreicht ist und die Nachfrage bis Ende des
Jahrzehnts unter dem Ersatzbedarf liegen könnte. Das heißt: Im Schnitt würden
weniger Neuwagen gekauft als alte Autos ausrangiert. Wachstum? Fehlanzeige!

    Ganz so pessimistisch sieht Auto-Experte Stefan Bratzel von der FH
Bergisch-Gladbach die Situation noch nicht. Die Folgen eines stagnierenden
Marktes seien aber schon jetzt nicht zu übersehen. "Wir haben eine enorm hohe
Wettbewerbsintensität", sagt er. Die Hersteller könnten ihren Absatz in Europa
nur noch steigern, wenn sie der Konkurrenz die Kunden ausspannten. Der
Verdrängungskampf in Europa wird damit noch härter und wer nicht rentabel genug
produziert, dessen Zukunft ist ungewiss.

    Wie die aussehen könnte, zeigt ein Blick nach Japan, wo der "Peak Car" schon
1990 erreicht wurde. Seitdem brachen die Neuzulassungen von 7,8 Millionen auf
gut 5 Millionen dieses Jahr ein. Wer wie Mazda  oder Mitsubishi damals
zu sehr auf den Heimatmarkt ausgerichtet war, geriet in arge Schieflage. Mazda
kämpft heute noch ums Überleben. Dagegen gingen Honda   und
Toyota   gestärkt aus der Krise hervor. Sie verkauften schon
damals viele Autos in Nordamerika, retteten sich damit über die Flaute - und
konnten so die Konkurrenz ausstechen.

    Auch in Europa scheinen die Rollen klar verteilt: Während VW ähnlich wie
damals Honda oder Toyota sehr international ausgerichtet ist, stehen die übrigen
Volumenhersteller Peugeot   Citroen, Renault 
, Fiat  , Ford   und die GM-Tochter
Opel in Europa massiv unter Druck. Mehr als die Hälfte von ihnen kündigte
bereits Werksschließungen an.

    Da gerade junge Neukunden Mangelware sind, könnte unter den Herstellern auch
ein Kampf um die Gunst der älteren Generationen entbrennen. "Man muss seine
Produktpalette an eine solche Entwicklung anpassen", sagt Volker Lange,
Präsident des des Verbandes der Internationalen Kraftfahrzeughersteller VDIK.
Denn das Alter der Käufer steige. Und ältere Menschen hätten zum Teil andere
Ansprüche an Autos. Experte Bratzel sieht Chancen, etwa durch Assistenzsysteme
für Bremsen oder Steuerung sogar deutlich betagtere Menschen sicher hinters
Steuer zu setzen./mmb/DP/fbr

    --- Von Max-Morten Borgmann, dpa-AFX ---


Anzeige