ROUNDUP 2: ThyssenKrupp streicht nach Mega-Verlust Dividende
10.12.2012 21:49
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(neu: Schulden, Ausblick, operatives Geschäft)
ESSEN (dpa-AFX) - Die beschlossene Trennung von seinen milliardenschweren
Fehlinvestitionen in Übersee reißt neue Löcher in die Bilanz des angeschlagenen
Industriekonzerns ThyssenKrupp . Das Unternehmen schrieb weitere 3,6
Milliarden Euro auf die erst vor Kurzem fertiggestellten Anlagen in der
Brasilien und den USA ab, wie es am Montagabend in Essen mitteilte. Das führte
zu einem Verlust von 5 Milliarden Euro im Ende September abgelaufenen
Geschäftsjahr. Bereits vor einem Jahr hatte der Konzern wegen hoher
Wertberichtigungen einen auf die eigenen Aktionäre anfallenden Verlust von 1,8
Milliarden Euro verbucht.
Der Horror-Verlust führt zu einem Novum in der Geschichte von ThyssenKrupp -
die Dividende fällt aus. Der Einzelabschluss weise kein ausschüttungsfähiges
Ergebnis aus, erklärte das Unternehmen. Diese Entscheidung gilt als
Überraschung. Der Konzern sah sich bislang einer Kontinuität bei seiner
Dividendenpolitik verpflichtet. Vor allem der größte Aktionär, die
Krupp-Stiftung, drängte auch in schlechten Zeiten immer auf einer Ausschüttung.
Mit dem Geld finanziert sie ihre wohltätigen Förderprojekte.
UNREALISTISCHER BUCHWERT DER STAHLWERKE
Die Stahlwerke in Übersee standen zuletzt noch mit einem Wert von sieben
Milliarden Euro in den Büchern. Diese Einschätzung erklärte der Konzern nun als
unrealistisch. In den Verkaufsverhandlungen zeichnete sich schon früh ab, dass
ThyssenKrupp nur zwischen drei und vier Milliarden Euro für die Anlagen erlösen
kann. Einen Käufer präsentierte ThyssenKrupp noch nicht. Der Prozess verlaufe
planmäßig, erklärte ThyssenKrupp. Das Stahlgeschäft in Übersee wird künftig als
nicht-fortgeführte Aktivität in der Bilanz geführt. Analysten der Commerzbank
zufolge hatte der Markt bereits zuvor Verluste von 4 Milliarden Euro durch die
Wertberichtigungen eingepreist. Im nachbörslichen Handel verlor die Aktie
dennoch rund drei Prozent.
ThyssenKrupp hatte nach früheren Angaben rund 12 Milliarden Euro in die
Werke gesteckt - hinzu kam ein weiterer operativer Verlust von rund einer
Milliarde Euro im vergangenen Geschäftsjahr. Wegen Planungsfehlern und
veränderter Rahmenbedingungen wie der Aufwertung der brasilianischen Währung
haben sie sich zu einem Milliardengrab entwickelt. Der seit Anfang 2011
amtierende Vorstandschef Heinrich Hiesinger hatte im Mai die Reißleine gezogen
und die Werke zum Verkauf gestellt.
RAUSWURF DES HALBEN VORSTANDS BESTÄTIGT
Inzwischen läuft im Konzern die Suche nach den Schuldigen. Der Aufsichtsrat
bestätigte den in der vergangenen Woche angekündigten Rauswurf des halben
Vorstands. Der für gute Unternehmensführung (Compliance) zuständige Jürgen
Claassen muss ebenso wie Technologiechef Olaf Berlien und Stahlchef Edwin
Eichler zum Jahresende gehen. Hintergrund sind neben den drohenden Verlusten bei
den Stahlwerkprojekten in Übersee auch zahlreiche Fälle von unsauberen
Geschäftspraktiken. Den Vorständen wird vorgeworfen, bei den Problemen nicht
richtig durchgegriffen zu haben.
"Das Projekt Steel Americas und die verschiedenen Compliance-Verstöße haben
nicht nur einen immensen finanziellen Schaden verursacht", sagte Vorstandschef
Hiesinger. "Wir haben dadurch auch an Vertrauen und Glaubwürdigkeit verloren."
Der Aufsichtsrat habe mit den Veränderungen im Vorstand ein "klares" Zeichen für
einen Neuanfang gesetzt. Die Entscheidungen seien eng mit ihm abgestimmt. "Wir
etablieren konsequent eine neue Führungskultur, die auf Ehrlichkeit, Transparenz
und Leistungsorientierung basiert. Dafür stehen wir als Vorstand ein." Im Rahmen
des Kulturwandels soll nun das gesamte Führungsmodell überprüft werden.
SCHWÄCHE AUCH IM EUROPÄISCHEN STAHLGESCHÄFT
Auch im rein operativen Geschäft erlebte ThyssenKrupp wegen der
Konjunkturschwäche und der Verluste in Übersee einen herben Gewinneinbruch. Das
um Sondereffekte wie Abschreibungen bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern
sackte um rund drei Viertel auf 399 Millionen Euro ab. Dazu trug auch das
schwächelnde Stahlgeschäft in Europa bei. Wegen der unsicheren
Wirtschaftsaussichten ist die Nachfrage schwach. Das drückt auf die Preise. Bei
ThyssenKrupp arbeitet deshalb ein Teil der im Stahlbereich tätigen Beschäftigten
seit dem Sommer kurz.
Ausgeklammert aus den Berechnungen des operativen Gewinns ist das defizitäre
Edelstahlgeschäft, das ThyssenKrupp derzeit an den finnischen Konkurrenten
Outokumpu verkauft. ThyssenKrupp betrachtet die Sparte seit der im Januar
getroffenen Grundsatzvereinbarung mit den Finnen als nicht-fortgeführte
Aktivität. Nach der Genehmigung durch die EU im November soll der Verkauf bis
zum Jahresende abgeschlossen sein.
HOHE SCHULDEN
Der Verkauf soll rund 2,7 Milliarden Euro in die leeren ThyssenKrupp-Kassen
spülen. Das Geld kann der Konzern gut gebrauchen. Ende September saß die
Dax-Gesellschaft auf einem Schuldenberg von 5,8 Milliarden Euro. Entstanden sind
die Verbindlichkeiten vor allem durch die Fehlinvestitionen in die neuen
Stahlwerke. Der Konzern betonte, dass seine Finanzierung gesichert sei.
Mit dem bereits 2011 gestarteten Verkauf von Geschäftsbereichen, die zuvor
rund ein Viertel des gesamtem Umsatzes ausmachten, will Vorstandschef Hiesinger
Luft für geplante Investitionen in Zukunftstechnologien gewinnen. Dazu sollen
auch Einsparungen beitragen, die in den nächsten drei Jahren das Ergebnis vor
Zinsen und Steuern (EBIT) zusammen um 2 Milliarden Euro entlasten sollen.
Hiesinger will vor allem die Technologiesparte ausbauen. Das Geschäft mit dem
Bau von Großanlagen, Aufzügen, Marineschiffen und Autokomponenten blieb im
vergangenen Jahr erneut recht stabil.
GEGENWIND AUCH LAUFENDEN JAHR
Im laufenden Geschäftsjahr rechnet ThyssenKrupp mit weiterem Gegenwind aus
der Konjunktur und wegen der ungelösten Schuldenkrise. Der Umsatz - ohne
Edelstahl und die Stahlwerke in Übersee - dürfte von 42,3 Milliarden auf etwa 40
Milliarden Euro sinken. Das bereinigte EBIT aus fortzuführenden Geschäften soll
bei einer Milliarde Euro liegen - im abgelaufenen Geschäftsjahr lag der
Vergleichswert 1,4 Milliarden Euro./enl/she
