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Börse Frankfurt

Hüfners Wochenkommentar: "Die Hoffnungen auf einen Aufschwung"

13. Juni 2013


Viele Beobachter rechnen für 2014 mit einer wieder erstarkenden deutschen Wirtschaft, Hüfner ist kritisch ob die Erwartungen erfüllt werden und fordert weitere Wirtschaftsreformen.

13. Juni 2013. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Wenn man die Prognosen der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland liest, so scheint eins sicher zu sein: In diesem Jahr schwächt sich die Konjunktur stärker ab als erwartet. Im Gesamtjahr wird es nicht viel mehr als Stagnation geben. 2014 ist die Welt aber wieder in Ordnung. Das reale Bruttoinlandsprodukt wird deutlich steigen. Die Bundesbank rechnet mit einem Plus von 1,5 Prozent, die wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute sogar mit 1,9 Prozent. Wenn alle sich so einig sind, dann muss man aufpassen. Ist es wirklich so sicher, dass es 2014 wieder aufwärts geht?

Interessant ist, dass die Konjunkturexperten vor einem Jahr ganz ähnliche Erwartungen hatten. Damals rechneten die Forschungsinstitute für 2012 nur mit einem mageren Zuwachs, für 2013 waren sie aber sicher, dass sich die Aufschwungskräfte voll durchsetzen würden.

Deutsche Wirtschaft im Abschwung
Reales BIP seit 2006, ggü. Vorjahr in %

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Quelle: Bundesbank

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Bisher ist von dieser Trendwende der Konjunktur nach oben nichts zu sehen. Schauen Sie sich die Grafik an. Sicher wird das zweite Quartal beim Wachstum des Bruttoinlandproduktes besser sein. Eine Reihe von Ak­tivitäten mussten wegen des schlechten Wetters vom ersten auf das zweite Quartal verschoben werden. Das ist aber noch kein neuer Aufschwung. Woher könnte dieser kommen?

Die meisten setzen auf den Export. Die Wettbewerbsfä­higkeit der deutschen Unternehmen ist gut. Sie sind glo­bal breit aufgestellt. Das Problem ist nur, dass zwei der drei für die deutschen Exporteure wichtigsten Regionen schwächeln. Die eine ist Euroland. Es befindet sich in ei­ner anhaltenden Rezession. Die zweite sind die Schwel­len- und Entwicklungsländer insbesondere in Asi­en und Amerika. Vor allem bei den größten unter ih­nen, den so­genannten BRICs-Ländern, ist derzeit nicht viel Dynamik zu spüren. In China verlangsamt sich die Expansion, weil sich das Land in einem Umstrukturie­rungs­prozess be­findet. In Indien hat sich das Wachstum halbiert. In Bra­silien und Russland nahm das reale Brut­toinlands­pro­dukt zuletzt nur um gut 1 Prozent zu. Das kann sich im nächs­ten Jahr zwar bessern (in Brasilien zum Beispiel durch die Fußballweltmeisterschaft). Zu dem alten Schwung kehren diese Staaten aber nicht so schnell zu­rück.

Der einzige Markt, der weiter für deutsche Produkte auf­nahmefähig ist, sind die USA. Dort läuft die Konjunktur. Sie wird auch 2014 gut bleiben. Im letzten Jahr haben sich die deutschen Lieferungen in die Vereinigten Staa­ten um 17 Prozent ausgeweitet. Auf diesen Markt entfallen aber nur 7,9 Prozent der deutschen Ausfuhren.

Das zweite Standbein, auf das die Konjunkturexperten setzen, ist der private Verbrauch. Die Ausgangsbedin­gungen dafür sind in der Tat nicht schlecht. Löhne und Gehälter steigen (zuletzt knapp 3 Prozent). Die Beschäftigung erhöht sich. Die Zinsen sind niedrig, so dass Sparen nicht mehr so attraktiv ist. Die Preissteigerung hält sich in Grenzen. Nur: Deutsche Konsumenten waren noch nie ein besonders kraftvoller Konjunkturtreiber. Der pri­vate Verbrauch hat in den letzten 20 Jahren selten stär­ker als um 1,5 bis 2 Prozent pro Jahr zugenommen. Er macht lediglich 57 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus.

Bleiben die Investitionen. Hier sieht das Bild leider nicht so rosig aus. Die Ausgaben der Unternehmen für Ma­schi­nen und Ausrüstungen sind real seit mehr als einem Jahr absolut rückläufig. Die Firmen sparen und redu­zieren die Kosten. Nur wenige denken daran, neue Märkte zu erschließen und Kapazitäten zu erweitern (jedenfalls nicht im Inland).

Hier zeigt sich, dass die deutsche Wirtschaft – anders als die der USA – den Krisenmodus noch nicht verlas­sen hat, in dem sie sich seit 2008 befindet. Die Unter­nehmen sind noch nicht ausreichend gesundet. Den Banken fehlt es an Eigenkapital. Es gibt keine Reform­stimmung, wie sie etwa vor zehn Jahren herrschte. Das gilt auch für die Politik. Sie sieht – jedenfalls vor den Wahlen – den Handlungsbedarf weniger bei der Moder­nisierung als bei der Herstellung von Gerechtigkeit. So wichtig das ist – in einem solchen Klima kann sich kaum Wachstumsdynamik entwickeln. Deutschland ist stark bei den Mahnungen an die Krisenländer im Euroraum, Reformen in Angriff zu nehmen. Im eigenen Land ist der Reformelan aber eher mager.

Wo Expansionsspielraum besteht ist beim Bau. Die Zinsen sind niedrig. Die Baupreise steigen. Nach dem Rück­gang der Bauinvestitionen im letzten Jahr um real 1,5 Prozent besteht Nachholbedarf. Deutschland braucht In­frastrukturinvestitionen nicht nur im Verkehr, sondern auch im Zusammenhang mit der Energiewende und dem Ausbau der Netze für die neuen Technologien. Die Bauinvestitionen machen beachtliche 10 Prozent des deut­schen Bruttoinlandsprodukts aus. Aber reicht das für den Aufschwung der ganzen Wirtschaft?

Für den Anleger

Ich teile nicht den herrschenden Konjunkturoptimismus für 2014. Das Bild für die wirtschaftliche Entwicklung 2014 sieht für Deutschland eher gemischt aus. Zwar spricht nichts für Stagnation oder gar Rezession. Aber ein Aufschwung mit Wachstumsraten von über 1 Prozent ist auch schwer vorstellbar. Nur wenn sich die Eurokrise stärker bessern würde oder sich die Weltwirtschaft er­holt, ist neue Dynamik vorstellbar. Das hat Konse­quen­zen für die Kapitalmärkte. Wenn sich die Impulse von der Liquidität abschwächen, steht für die Aktien­märkte nicht – wie in den USA – die Konjunktur als "Ersatzmaschi­ne" bereit, die die Kurse stützen könnte. Hilfe könn­te dann nur von einer Erholung der Märkte in den Peripherieländern kommen. Viele internationale Investoren scheinen derzeit auf Europa zu setzen.

Anmerkungen oder Anregungen? Martin Hüfner freut sich auf den Dialog mit Ihnen: redaktion@deutsche-boerse.com.

© 13. Juni 2013 /Martin Hüfner

Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon. Viele Jahre war er Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG und Senior Economist der Deutschen Bank AG. Er leitete fünf Jahre den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung in Brüssel. Zudem war er über zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender beziehungsweise Vorsitzender des Wirtschafts- und Währungsausschusses des Bundesverbandes Deutscher Banken und Mitglied des Schattenrates der Europäischen Zentralbank, den das Handelsblatt und das Wallstreet Journal Europe organisieren. Dr. Martin W. Hüfner ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem "Europa – Die Macht von Morgen" (2006), "Comeback für Deutschland" (2007), "Achtung: Geld in Gefahr" (2008) und "Rettet den Euro!" (2011).

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