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Börse Frankfurt

Hüfners Wochenkommentar: Ende des starken Franken?

16. Januar 2013


Martin Hüfner analysiert in dieser Woche, inwieweit der Schweizer Franken seinen Höhenflug beendet, inwieweit eine Abwertung denkbar ist und was dies für Anleger bedeuten würde.

16. Januar 2013. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Beim Schweizer Franken bewegt sich etwas. Fast ein­einhalb Jahre war er gegenüber dem Euro auf den De­visenmärkten bei 1,20 Franken je Euro "einzemen­tiert". Die Notenbank gab zeitweise riesige Beträge aus, um eine stärkere Aufwertung zu verhindern. Ihre Devi­sen­reserven haben sich in dieser Zeit auf fast 500 Milliarden Euro verdoppelt. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt hat sie inzwischen mehr Reserven als China. Sie muss­te sich für dieses Vorgehen zeitweise harsche Kri­tik von der Politik anhören. Notenbankchef Hildebrand trat zurück (freilich nicht nur aus diesen Gründen).

Jetzt hat der Aufwärtstrend beim Franken nachgelassen. Der Kurs stieg zeitweise auf über 1,23 CHF je Euro. Das ist zwar noch nicht viel. Für die über die Aufwertung kla­gende Wirtschaft war es jedoch ein erstes Hoffnungs­zeichen. Dies umso mehr, als sich die Währungsreser­ven auch nicht mehr stärker erhöht haben. In der Eidgenossen­schaft nehmen jetzt die Erwartungen auf eine weitere Aufwertung zu. Zum Teil wird die Forderung er­hoben, die Notenbank solle ihre Interventionsschwelle von 1,20 auf 1,25 CHF je Euro anheben. Ist das vor­stellbar?

Die Aufwertung des Schweizer Franken EUR/CHF-Kurs
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Quelle: Bundesbank, Kurse vor 1999 aus den D-Mark-Kursen errechnet

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Im Augenblick ist der Franken aufgrund dieser letzten Höherbewertung deutlich überbewertet. Nach der his­torischen Betrachtung müsste er eher bei 1,40 CHF je Euro liegen. Das zeigen auch Kaufkraftvergleiche. Je­der, der über den Jah­reswechsel in der Schweiz Urlaub gemacht hat, dürfte das aus eigener Erfahrung bestäti­gen.

Für eine Abwertung in dieser Größenordnung spricht auch, dass der Krisenmodus auf den Finanzmärkten nachgelassen hat. Es gibt nicht mehr so viele Flucht­gelder aus den südeuropäischen Peripherieländern. Die Risikobereitschaft der Investoren hat sich erhöht. "Sichere Häfen" wie die Schweiz sind nicht mehr so stark gesucht. Natürlich kann (und wird) sich das auch mal wieder ändern, was dann erneut zu Geldzuflüs­sen in der Schweiz führen kann. Aber generell sieht das Umfeld günstiger aus.

Andererseits spricht auch eine Reihe von Faktoren ge­gen eine stärkere Abwertung des Franken. Vor allem kann ich mir nicht vorstellen, dass die Notenbank ihr Wechselkursziel auf 1,25 CHF je Euro anhebt. Das wäre eine Feinsteuerung, die auf unruhigen Devisenmärkten für eine Notenbank von der Größe der Schweiz kaum durchzuhalten wäre. Die Notenbank war schon glück­lich, dass es ihr dank außerordentlicher Anstrengungen ge­lun­gen ist, die Grenze von 1,20 CHF je Euro durch­zu­halten. Sie würde das Schicksal sicher nicht durch ein neues Ziel herausfordern wollen.

Freilich kann man annehmen, dass die Notenbank sich nicht gegen eine vom Markt herkommende Abwertung des Franken stellen würde. Das würde den Interessen der schweizer Wirtschaft entgegenlaufen. Was sie in einem solchen Fall allerdings tun würde, wäre zu ver­suchen, einen Teil ihrer hohen Währungsreserven ab­zugeben. Sie würde damit die Abwertung leicht ab­brem­sen.

Gegen eine größere Abwertung des Franken spricht auch, dass die Wirtschaft der Eidgenossenschaft mit dem hohen Wechselkurs besser zurande kommt, als das ursprünglich zu erwarten war. Das reale Bruttoin­landsprodukt entwickelt sich günstiger als das von Deutschland, obwohl die Schweiz ja auch viel in die von der Eurokrise betroffenen Länder exportiert. Im letzten Jahr dürfte es sich um 1 Prozent erhöht haben (Deutschland plus 0,7 Prozent). Für dieses Jahr rechnet die Notenbank mit einer Expansion von 1 Prozent bis 1,5 Prozent (Deutschland 0 Prozent bis 0,5 Prozent).

Dazu trägt auch bei, dass sich die Wirtschaft an das ho­he Wechselkursniveau angepasst hat. Nicht nur ha­ben die exportorientierten Firmen außerordentliche An­stren­gungen unternommen. Auch das gesamtwirtschaft­liche Preisniveau ist dank der niedrigeren Import­preise gefal­len. Es dürfte im letzten Jahr um 0,7 Prozent zu­rückge­gan­gen sein, während sich die Preise in Euroland um 2,5 Prozent er­höht haben. Das ergibt eine interne Abwertung der Schwei­zer Währung um über 3 Prozent ge­genüber dem Euro. Auch dadurch hat sich die Wett­bewerbsfähigkeit der Schweiz verbessert.

Für Anleger

Zwei Schlussfolgerungen: Erstens sieht es sehr danach aus, dass sich der Schweizer Franken gegen­über dem Euro im Verlauf des Jahres stärker abwerten würde, viel­leicht in eine Größenordnung von 1,30 Fran­ken. Zwei­tens wird es nicht bei der Stabilität des Fran­ken blei­ben. Wenn sich der Kurs von der Marke 1,20 löst, wird die Zentralbank nicht mehr so viel intervenie­ren und die Schwankungen werden größer. Da muss ein Anleger in Schweizer Papieren wieder mehr an Kursab­sicherun­gen denken. Kreditnehmer, die sich in Franken verschul­det haben, sollten die Abwertung freilich nicht zum An­lass nehmen, noch mehr Währungsrisiken ein­zugehen. Das Blatt kann sich auch schnell wieder wen­den.

Anmerkungen oder Anregungen? Martin Hüfner freut sich auf den Dialog mit Ihnen: redaktion@deutsche-boerse.com.

© 16. Januar 2013 /Martin Hüfner

Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon Asset Management S.A. Er war viele Jahre Chefvolkswirt beziehungsweise Senior Economist bei der HypoVereinsbank und der Deutschen Bank. In Brüssel leitete er den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung. Hüfner schreibt für große internationale Zeitungen wie die Neue Züricher Zeitung oder die Schweizer Finanz und Wirtschaft sowie für große Zeitungen in Deutschland. Er ist Autor mehrerer Bücher, u. a. "Europa Die Macht von Morgen" und "Comeback für Deutschland".

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.

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