Bitte warten...
Börse Frankfurt

Hüfners Wochenkommentar:"Zehn Überraschungen des Jahres 2013"

20. Dezember 2012

Zehn Szenarien, die in den üblichen Prognosen für 2013 so nicht vorkommen. Ein paar Beispiele: Der amerikanische Präsident Obama gibt den Friedensnobelpreis zurück. Der russische Konzern Gazprom übernimmt RWE. Benzin wird nicht teurer, sondern billiger. Der Euro erlebt einen Höhenflug und steigt auf 1,60 US-Dollar.

20. Dezember 2012. FRANKFURT (Börse Frankfurt).Überraschungen sind keine Prognosen. Prognosen sind Entwicklungen und Ereignisse, die man für wahrschein­lich hält und auf die man sich einrichtet. Überraschun­gen sind das Gegenteil. Mit ihnen rechnet man nicht und stellt sich nicht auf sie ein.

Seit acht Jahren schreibe ich nun diese "Überraschun­gen" des kommenden Jahres. Meist treffen ein oder zwei ein, manchmal auch erst Jahre später. Die Vorher­sagequalität dieser "Überraschungen" ist damit eher ma­ger. Das liegt einmal daran, dass das Potenzial der Überraschungen praktisch unendlich ist. Hier kann man alles aufführen, was einem einfällt. Ich greife aber nur zehn Möglichkeiten heraus. Zum anderen zeigt es aber auch, dass die üblichen Prognosen – entgegen allem, was gesagt wird – doch gar nicht so schlecht sind. Je besser die Prognosen, umso weniger Überraschungen gibt es.

Eigentlich wollte ich in diesem Jahr keine "Überraschun­gen" mehr schreiben. Wenn man etwas zu lange macht, droht es, zur Routine zu werden. Aber dann haben mich viele Leser doch gedrängt. Zwei schickten mir, vielleicht um mich zu motivieren, sogar eigene Vorschläge für Überraschungen. Ich danke ihnen dafür (und habe sie zum Teil auch übernommen). Es scheint also doch ein Interesse an solchen Thesen zu geben. In Technik und Natur tun wir alles, um Überraschungen zu vermeiden. Niemand möchte davon überrascht werden, dass eine Brücke einstürzt. Im wahren Leben (und in der Ökono­mie) ist das anders. Hier ist die Suche nach Überra­schungen (so sehr sie das Geschäft von Unternehmern, Politikern und Anlegern erschwert) vielleicht auch ein Teil der Lust am Leben. Wie langweilig wäre das Früh­stück, wenn die tägliche Zeitung keine Neuigkeiten brächte.

Hier also zehn Punkte, die im Jahr 2013 eintreten könn­ten.

Anzeige

Erstens

Der amerikanische Präsident gibt seinen Frie­densnobelpreis zurück. Er zeigt damit, dass sich die Hoffnungen, die sich an das "Yes we can" knüpften, weder in den USA noch für die Welt als Ganzes erfüllt haben (oder sich überhaupt erfüllen lassen).

Zweitens

Der russische Energiekonzern Gazprom übernimmt eine Beteiligung am deutschen Versorger RWE. Unternehmerisch ist das eine gute Kombination, zumal die Aktien von RWE so stark gesunken sind. Die Bundesregierung versucht, es mit allen Mitteln zu ver­hindern, um die Abhängigkeit von russischer Energie nicht zu groß werden zu lassen.

Drittens

Viele glauben, dass das Problem Griechen­land im Euroraum gelöst ist. Könnte es sein, dass die sozialen Unruhen in Athen zunehmen, die Regierung Samaras zurücktreten muss und die Antieuropäer bei der Oppositionspartei Siriza durchsetzen, dass das Land die Union doch verlässt?

Viertens

In Europa wird ein Nachfolger für den bisheri­gen Präsidenten Van Rompuy gesucht. Die deutsche Bundeskanzlerin wird dafür ins Gespräch gebracht, weil sie als eine der dienstältesten Regierungschefs in Euro­pa über die meiste Erfahrung verfügt, weil sie von allen geschätzt wird (und vielleicht auch weil mancher glaubt, mit einem Nachfolger in Berlin "ein leichteres Spiel" zu haben). Frau Merkel überlegt sich das. In Berlin beginnt die Suche nach Nachfolgern.

Fünftens

In der arabischen Welt, vor allem in Ägypten und Syrien, hält die Eskalation noch eine Weile an, dann entspannt sich die Situation aber. Der arabische Früh­ling, kommt wieder. Die Eskalation zeigt, wie schwierig und blutig der Weg zu Demokratie ist. Vor allem aber dauert er länger, als viele meinen.

Sechstens

Auf den Devisenmärkten steigt der Euro auf 1,60 US-Dollar. Statt stolz zu sein, dass sich die Gemeinschaftswährung erholt und international wieder geschätzt wird, setzt in Europa allgemeines Wehklagen ein. Der europäische Export leidet und die Anpassungen in den Peripherieländern werden schwerer. Die Amerikaner freuen sich.

Siebtens

Alle rechnen in einer wachsenden Weltwirt­schaft mit steigenden Ölpreisen (derzeit 110 US-Dollar je Barrel Brent). Könnte es sein, dass Energie stattdessen billiger wird, weil in den USA durch Fracking immer mehr Öl und Gas gefördert wird? Das stärkt die Kauf­kraft der Verbraucher und hilft der Konjunktur.

Achtens

Der Goldpreis (derzeit 1.700 US-Dollar) sinkt kräftig, weil China einen Teil seiner Goldbestände auf den Markt wirft. Ausländische Zentralbanken, die in den letz­ten Jahren ihre Dollarbestände in Gold getauscht hatten, überlegen, nunmehr die chinesische Währung in ihre Portefeuilles aufzunehmen. Die USA, aber auch private Goldbesitzer, stehen im Regen. Die Chinesen freuen sich, weil es die Bedeutung ihrer Währung aufwertet.

Neuntens

Überraschung im deutschen Bundestags­wahlkampf. Der Herausforderer von Bundeskanzlerin Merkel stößt in seiner eigenen Partei auf Widerstand. Bei der Bevölkerung gelingt es ihm nicht, genügend Sympathien aufzubauen. Die SPD muss in aller Eile einen neuen Kandidaten küren.

Zehntens

Cyber-Unfall in einer deutschen Großstadt. Für fast eine Woche fallen nicht nur Strom und Heizung aus, sondern alle digitalen Verbindungen. Bei den Men­schen macht sich eine tiefe Depression breit, da sie nicht mehr mit anderen kommunizieren, vor allem nie­mandem von ihrem Unglück erzählen können.

Dies ist der letzte Hüfners Wochenkommentar in diesem Jahr. Ich bedanke mich bei Ihnen für die treue Leser­schaft, vor allem auch für viele interessante Kommen­ta­re, die Sie mir geschrieben haben. Für mich war es eine Überraschung, dass die Zahl der Leser im letzten Jahr so stark gestiegen ist, wie in den vergangenen zehn Jahren nicht.

Ich wünsche Ihnen viel Glück (und viele positive Über­raschungen im nächsten Jahr).

Anmerkungen oder Anregungen? Martin Hüfner freut sich auf den Dialog mit Ihnen: redaktion@deutsche-boerse.com.


© 20. Dezember 2012 /Martin Hüfner


Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon Asset Management S.A. Er war viele Jahre Chefvolkswirt beziehungsweise Senior Economist bei der HypoVereinsbank und der Deutschen Bank. In Brüssel leitete er den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung. Hüfner schreibt für große internationale Zeitungen wie die Neue Züricher Zeitung oder die Schweizer Finanz und Wirtschaft sowie für große Zeitungen in Deutschland. Er ist Autor mehrerer Bücher, u. a. "Europa Die Macht von Morgen" und "Comeback für Deutschland".
Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.

Anzeige