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07.08.2017 08:03:21
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Kolumne

Börse Frankfurt Magazin: "Wirtschaftsmächte im Jahr 2050 - Kräftemessen der Kontinente"



Während Trader die kurzfristigen Marktbewegungen genau im Auge behalten, schauen strategische Investoren über den Tellerrand hinaus. Die Wirtschaftsexperten von PWC skizzieren für die kommenden Jahrzehnte grundlegende Verschiebungen der volkswirtschaftlichen Kräfte.
7. August. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Die gute Nachricht gleich vorweg: Die weltweite Wirtschaft wird in den kommenden Jahrzehnten laut PWC-Studie weiter wachsen. Um durchschnittlich 2,6 Prozent pro Jahr soll sich das Bruttoinlandsprodukt zwischen 2016 und 2050 erhöhen, womit sich die weltweite Wirtschaftsleistung bis zum Jahr 2042 exakt verdoppelt hätte. Dabei sollten insbesondere die Emerging Markets profitieren, die im Laufe der Zeit ihren Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung dramatisch erhöhen werden.

Auch zukünftig dürfte das Wachstum in erster Linie von den heutigen Emerging Markets und den weiteren sich entwickelnden Ländern getragen werden. Allen voran sind dies die E7-Staaten Brasilien, Russland, China, Indien, Indonesien, Mexiko und die Türkei, die in den kommenden 34 Jahren im Schnitt um 3,5 Prozent pro Jahr wachsen sollen. Die G7-Staaten Kanada, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, Großbritannien und die USA werden in diesem Zeitraum lediglich noch Zuwächse von jährlich 1,6 Prozent verzeichnen können. Um es auf den Punkt zu bringen: 2050 sollten die E7 für rund die Hälfte der weltweiten Wirtschaftsleistung verantwortlich sein, während der Anteil der G7 auf nur noch gut ein Fünftel zusammenschrumpfen wird.

China ist das Maß aller Dinge

Schon heute hat China die USA überholt und ist zur weltweit größten Volkswirtschaft aufgestiegen, wenn man die kaufkraftbereinigten Werte (Purchasing Power Parity oder PPP = Kaufkraft-Parität) betrachtet. Das Land vollzieht derzeit weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit einen geradezu historischen Wandel. Die Zeiten, in denen China die günstige Werkbank der Welt war, die Spielzeuge von Wal-Mart oder die Handys von Apple zusammenschraubte, sind längst vorbei. Inzwischen gibt China mehr als 2 Prozent seines Bruttosozialprodukts für Forschung und Entwicklung aus, doppelt so viel wie vor 8 Jahren und mehr als die 1,8 Prozent der EU. Darüber hinaus investiert China massiv in Bildung. Hatte das Land im Jahr 2010 noch einen Weltmarktanteil von 18 Prozent an den globalen Universitätsabschlüssen, wird dieser Anteil bis 2020 auf 29 Prozent steigen.



Aufgrund der Bildungs- und Technologieoffensive Chinas rechnen viele Beobachter deshalb damit, dass China zukünftig in vielen Schlüsselbranchen wie der Hochtechnologie, aber auch in den Bereichen Automobil, alternative Energien, Luft- und Raumfahrt Maßstäbe setzen wird. Qualitätsunterschiede zwischen chinesischen Autos und ausländischen Marken sind gemessen an den Werkstattaufenthalten schon heute fast nicht mehr erkennbar. Im Mobilfunkbereich gelingt es chinesischen Herstellern wie Oppo oder Huawei zunehmend, den etablierten westlichen oder auch koreanischen und japanischen Marken Marktanteile abzunehmen.

Schon heute ist China das Land, das den schnellsten Supercomputer der Welt gebaut hat, den Sunway TaihuLight, der ausschließlich mit chinesischen Prozessoren arbeitet. Diese Innovationskraft und das neue Selbstbewusstsein Chinas lassen sich auch an den erfolgreich aufgebauten globalen Marken ablesen. Einer Einschätzung von Brandz, dem weltgrößten Spezialisten für die Bewertung von Marken, zufolge sind die 100 wertvollsten chinesischen Markennamen zusammen derzeit 557 Milliarden US-Dollar wert.

An der Spitze steht das Internetunternehmen Tencent, dessen Markenwert allein im vergangenen Jahr um 29 Prozent auf 106 Milliarden US-Dollar gestiegen ist. Dahinter folgt Alibaba, dessen Marke mit 58 Milliarden US-Dollar bewertet wird. Der chinesische Internetriese stellte Anfang Juni im Rahmen eines Investor Day seine strategischen Ziele vor. Demnach will das Unternehmen bereits 2019 auf seinen Internetplattformen ein Handelsvolumen von einer Billion US-Dollar erreichen, dabei zwei Millionen Kunden bedienen und Alibaba als weltweite Marke weiter etablieren. Bis zu den Regionen von Google und Apple, die als wertvollste Marken der Welt jeweils knapp 230 Milliarden US-Dollar zugebilligt bekommen, ist es zwar noch ein weiter Weg, der Trend zeigt allerdings klar nach oben.

Wirtschaftsboom in Indien

Im PPP-Ranking der weltweit größten Volkswirtschaften drittplatziert ist heute bereits Indien, das schätzungsweise bis 2040 an den USA vorbeiziehen wird. Dann wären China und Indien die beiden größten Volkswirtschaften der Welt. Seit der Amtsübernahme von Ministerpräsident Narenda Modi vor gut drei Jahren hat sich der Aufwärtstrend Indiens noch einmal beschleunigt. Trotz einer verpatzten Währungsreform im vergangenen Jahr wächst die indische Wirtschaft jährlich zwischen 7 und 8 Prozent. Die für Juli angekündigte Steuerreform könnte für einen zusätzlichen Schub sorgen. Ähnlich wie die Steuerpläne in den USA soll auch die Reform in Indien in erster Linie die Unternehmen deutlich entlasten. Komplizierte Steuervorschriften sollen vereinheitlicht und transparenter gestaltet, die Steuersätze auf 0, 5, 12, 18 und 28 Prozent festgeschrieben werden. Schon jetzt sorgt der Wirtschaftsboom für kräftig steigende Kurse an der indischen Börse. Seit Ende 2016 stieg der indische Leitindex BSE Sensex von knapp 26.000 auf mehr als 31.000 Punkte.

Emerging Markets auf der Überholspur

Einer der wichtigsten Faktoren ist die schnell wachsende und junge Bevölkerung, die den privaten Konsum befeuert und ausreichend Arbeitskräfte stellt. Während die Zahl der arbeitenden Bevölkerung in Ländern wie Nigeria, Pakistan und Indien deutlich steigt, sinkt sie in den überalterten Bevölkerungen in Japan, Deutschland und Italien. Wird dieses Potenzial durch Investitionen in die Bildung genutzt und die Strukturen für ein makroökonomisches Wachstum geschaffen, sind diese jungen, aufstrebenden Länder kaum aufzuhalten.

Trotz des angekündigten Konjunkturprogramms der US-Regierung und der Aufbruchsstimmung in Europa werden die heutigen Industrienationen nach und nach den Anschluss verlieren. Bis 2050, so schätzen es die Experten von PWC, wird eine Nation wie Frankreich nicht mehr zu den 10 größten Volkswirtschaften der Welt gehören, auch wenn das Land nach dem Wahlsieg von Emmanuel Macron neue Energie zu tanken versucht. Großbritannien, das mitten in den Brexit-Verhandlungen steht, wird dann nur noch auf Platz 10 rangieren, die deutsche Volkswirtschaft nur einen Platz besser. Das gegenwärtige deutsche Wirtschaftswachstum, das derzeit zwischen 1,5 und 2 Prozent liegt, scheint kaum mehr ausbaufähig zu sein. Im Jahr 2050 kommen sechs der sieben größten Volkswirtschaften, gemessen an der kaufkraftbereinigten Auswertung, aus den Reihen der heutigen Emerging Markets. Einzig die USA als Nummer 3 spielt dann noch in vorderster Liga mit.

Die No-Names rücken nach

Länder und Volkswirtschaften, die heute kaum eine Rolle im Konzert der Großen spielen, rücken in den kommenden drei Jahrzehnten deutlich nach vorne und an einigen etablierten Kräften vorbei. So sollen die Volkswirtschaften Mexikos oder Indonesiens per 2050 größer sein als jene von Großbritannien oder Frankreich. Exoten wie Pakistan oder Ägypten werden Italien oder Kanada auf PPP-Basis überholen, weil auch dort das Wirtschaftswachstum um ein Vielfaches höher liegt. Besonders schnell wachsen dürften in den kommenden 34 Jahren Länder wie Vietnam, Pakistan oder Bangladesch, für die PWC ein jährliches Wachstum von rund fünf Prozent prognostiziert. Für Pakistan geht es im Ranking der führenden Wirtschaftsnationen damit von Rang 24 auf 16 nach oben, die meisten Plätze macht Vietnam gut mit einem Sprung von 32 auf 20.

Ein Vergleich beider Länder ist nicht nur in Bezug auf das Wirtschaftswachstum, sondern auch in Bezug auf die Börsenentwicklung überaus interessant. Vietnam könnte in absehbarer Zeit nach Pakistan in den MSCI Emerging Markets Index aufgenommen werden. Pakistan wurde in diesem Frühsommer in den Index aufgenommen, nachdem das Land zwei Jahre zuvor bereits auf die Watchlist gesetzt wurde. Schon 2012 begann die Spekulation um eine Aufnahme, was die Notierungen an der Karachi Stock Exchange seither steigen ließ. Weil die vietnamesische Regierung seit Monaten auf das Gaspedal drückt, um die Voraussetzungen für die Aufnahme in den MSCI EM Index zu erfüllen, gewinnt die Spekulation um eine baldige Aufnahme immer mehr an Fahrt und führte den Leitindex VNI zuletzt auf ein neues Mehrjahreshoch.

Der günstigste Aktienmarkt liegt in Afrika

Auf dem afrikanischen Kontinent unternimmt insbesondere Nigeria Anstrengungen, seine Wirtschaft zu restrukturieren und zu liberalisieren. Das 180-Millionen-Einwohner-Land ist zwar schon die größte Wirtschaftsmacht Afrikas, wird aber immer wieder von ethnischen Konflikten, Korruption und Gewalt gebeutelt. Das Ziel der Regierung ist, die Abhängigkeit vom Erdöl zu reduzieren und ein stetiges Wirtschaftswachstum von 4,6 Prozent p.a. bis 2020 zu erreichen. Damit soll auch die Arbeitslosigkeit und die Inflationsrate sinken.

Die nigerianische Börse verlor in den vergangenen fünf Jahren, bedingt durch den Preisrückgang beim Erdöl, über 80 Prozent. Laut den Analysten von Renaissance Capital sind nigerianische Aktien mit einem KGV von 6,9 sehr günstig bewertet. Anleger sollten sich jedoch vor einem Engagement unbedingt der erhöhten Risiken bewusst sein.

Kleine Änderung - große Wirkung: Aus G7 wird E7

Auch wenn die führenden sieben Industrienationen der Welt beim diesjährigen G7-Gipfel Ende Mai in Italien Stärke demonstrierten, wird das Kräftemessen der Kontinente in den kommenden Jahrzehnten zu einem Wechsel an der Führungsspitze von den heutigen G7 zu den E7 führen. Noch 1991 hatten die E7 gemessen an PPP-Werten gerade mal 35 Prozent der Wirtschaftskraft der G7-Länder, 25 Jahre später haben die E7 die G7 bereits überholt. Blickt man noch einmal 25 Jahre weiter, könnte das PPP-BIP der E7 doppelt so groß wie das G7-BIP ausfallen. Einer der größten Verlierer dieser Rechnung wird Europa sein. Allein die Wirtschaftsleistung Indiens soll im Jahr 2035 jene der zukünftig 27 EU-Mitgliedsstaaten insgesamt übertreffen. Der weltweite Anteil der Europäischen Union wird sich von aktuell 15 Prozent auf gerade einmal noch 9 Prozent im Jahr 2050 ermäßigen.

Die massiven Veränderungen und Verschiebungen innerhalb der weltweiten Wirtschaft werden nicht nur extrem spannend zu beobachten sein, sondern bieten auch gewaltige Potenziale für die jeweiligen Aktienmärkte.

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