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20.03.2017 10:24:31
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Kolumne

Gastkritik: "Lexikon mangelhafter internationaler Finanzbildung"



Das heutige Montagsbuch, das International Handbook of Financial Literacy, gibt einen umfassenden Überblick über den Stand, bzw. Missstand der Finanzbildung weltweit. Katja Dofel hat es für uns besprochen.
20. März 2017. FRANKFURT. "Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann (ei)ne Gedichtanalyse schreiben. In vier Sprachen." So fasste eine deutsche Abiturientin im Sommer 2015 nüchtern ihre Wirtschaftskenntnisse in einem Tweet zusammen - und sorgte damit für öffentliches Aufsehen. Denn sie ist nur eine von vielen Schülern und Erwachsenen, denen es so geht. Dabei sind Wirtschafts- und Finanzwissen elementar wichtig für das individuelle und kollektive Wohlergehen in einer Gesellschaft. Aber trotz jahrelanger Diskussionen gibt es keinen Konsens darüber, welche Wirtschafts- und Finanzkenntnisse wie und über welche Institutionen vermittelt werden sollen.

Warum institutionalisierte Finanzbildung wichtig ist


Aber was macht ein erfolgreiches persönliches Finanzmanagement aus? Wissenschaftler definieren, wer im Alltag mit den eigenen finanziellen Ressourcen auskommt, ausreichend fürs Alter vorsorgt, auf gesamtwirtschaftliche, auch krisenhafte Veränderungen angemessen reagiert und aus einem immer umfangreicheren Produktangebot die für die individuelle Lebenslage besten identifizieren kann.



Die Schufa beschreibt Finanzkompetenz einerseits mit dem umsichtigen Umgang mit Geld, aber auch mit der Kompetenz, finanzielle Mittel zu gewinnen, nachhaltig zu nutzen und sich gegebenenfalls beraten zu lassen. Individuelles Wirtschafts- und Finanzwissen beeinflusst auch die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Trends eines Landes. Es sollte daher nicht nur Familien und anderen kleinen Gruppen der Gesellschaft überlassen sein, dieses Wissen zu vermitteln.

Sie können das Montagsbuch wie immer gewinnen. Wir verschenken ein Exemplar. Schreiben Sie einfach bis nächsten Montag eine E-Mail an mitmachen@deutsche-boerse.com.
 

Orientierung im Dschungel der Konzepte

Wer sich systematisch, vielleicht sogar wissenschaftlich mit Finanzbildung, der sogenannten "Financial Literacy", beschäftigt, merkt schnell, dass es sich um ein umfassendes Themenfeld mit vielen Denkansätzen handelt. Bislang kostete es viel Zeit, sich über Theorien und Konzepte einen Überblick zu verschaffen. Nun können sich Lehrpersonal, Studierende, Finanzdienstleister und andere Interessierte leichter orientieren: mit Hilfe eines umfassenden Handbuchs über Finanzbildung.

 

Ein internationales Team aus Wirtschaftsprofessoren, darunter Carmela Aprea von der Friedrich Schiller Universität in Jena, Eveline Wuttke von der Goethe-Universität in Frankfurt und Klaus Breuer von der Johannes Gutenberg Universität in Mainz haben als Autoren und Herausgeber ein "International Handbook of Financial Literacy" zusammengestellt, das einen Überblick über verschiedene Ansätze von Finanzbildung gibt. Es wirft ein Schlaglicht auf die politische Diskussion über Lehrplaninhalte sowie die Auswirkungen politisch initiierter Finanz- und Wirtschaftsausbildung.

Katja DofelDofel
 

Wissensbasis für politische Entscheidungen

Das Handbuch fasst den Stand der Finanzbildung in zehn verschiedenen, entwickelten und weniger entwickelten Staaten zusammen, darunter Deutschland, die Schweiz, Indonesien, Mexiko, Südafrika, die USA und Großbritannien. Besonders anspruchsvoll ist der Versuch, den Grad an Finanzbildung zu messen und zu prüfen, inwieweit sich Finanzkenntnisse in Entscheidungen von jungen Verbrauchern widerspiegeln und wie es um den Umgang und die Wahrnehmung von Geld unter Jugendlichen bestellt ist. Es geht auch darum, ob die Vermittlung von Fakten genügt oder ob auch die individuelle Einstellung zu Geld und andere Persönlichkeitsmerkmale eine effektive Finanzbildung beeinflussen.

Nachholbedarf bei Lehrpersonalforschung

Abgesehen von den Fragen, welche Aspekte von Finanz- und Wirtschaftswissen vermittelt werden sollen und wie sie am besten weitergegeben werden, spielen auch Lehrer und ihre inhaltliche und pädagogische Kompetenz eine Rolle. Wo es keine oder nur mäßig mit Wirtschafts- und Finanzwissen ausgestattete Lehrer gibt, bleiben auch Schüler limitiert. Immerhin führt Baden-Württemberg ab Herbst 2017 für Siebtklässler in Haupt-, Real- und Gemeinschaftsschulen das Fach Wirtschaft ein. In Gymnasien wird es ab dem Sommer 2018 ein Fach "Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung" für die Schüler ab der achten Klasse geben. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, während andere Bundesländer über Inhalte und Ausformung eines Faches für Finanzbildung immer noch diskutieren.

von Katja Dofel ©, 20. März 2017

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