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04.05.2018 10:23:39
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Kolumne

Halvers Woche: "Europas Balanceakt, die Handels-Kuh vom Eis zu holen"



Halver sieht in den Auseinandersetzungen um Handelszölle einen "nachhaltigen handelspolitischen Strukturbruch" und Europa mit schwindender Gegenwehr.
4. Mai 2018. MÜNCHEN (Baader Bank). Weder Macron noch Merkel konnten mit ihren Besuchen bei Gottvater Trump handelspolitisch punkten. Selbst der in Washington wie ein Popstar gefeierte französische Staatspräsident brachte nur die Erkenntnis mit, dass er vielleicht ein Schuppenproblem hat.

Zu lange hatte sich die EU eingebildet, dass Trump nur ein typischer Politiker ist: Im Wahlkampf auf die Protektionismus-Pauke hauen, um dann in der Amtszeit zur Handels-Geige zu greifen. Der Blick in die Biographie des US-Präsidenten hätte allerdings schnell klarmachen müssen, dass er nicht nur spielt, sondern es ernst meint. In der Personalie Trump hat sich Europa gnadenlos geirrt. Wofür werden politische Denkfabriken in Europa eigentlich gebraucht, wenn sie weniger Menschenkenntnis haben als der Friseur oder Obstverkäufer um die Ecke?

Alte deutsch-amerikanische Handels-Liebe ist nicht rostfrei

Dafür wird Trump bei uns zwar vielfach gehasst. Doch das wirkt auf ihn wie Dünger bei Balkonblumen: Er lebt auf. Auf eine zukünftig wieder harmonischere Handelspolitik Amerikas sollte in Europa niemand setzen. Zunächst scheint Trump Gefallen an seinem Job gefunden zu haben. Er kann auch acht Jahre Amtszeit voll machen.

Und sicherlich, die oppositionellen Demokraten kritisieren Trump von morgens bis abends wegen der vermeintlichen Einmischung Russlands in den Wahlkampf oder seines Privatlebens. Aber in puncto Handelsstreitigkeiten stellen sie sich nicht eindeutig auf die Seite des Freihandels und damit auf die von Europa. Am derzeitigen Buy America-Zeitgeist kommen auch sie nicht vorbei.

Wir haben es wohl mit einem nachhaltigen handelspolitischen Strukturbruch zu tun. Die guten alten transatlantischen Zeiten kommen so wenig zurück wie die Jugend. Aus dem früher Europa-fürsorglichen Adler Uncle Sam ist heute ein Kuckuck geworden, der versucht, andere aus dem Nest zu werfen. Die alte westliche Nachkriegsordnung ist tot.

"Aus dem früher Europa-fürsorglichen Adler Uncle Sam ist heute ein Kuckuck geworden, der versucht, andere aus dem Nest zu werfen"
 

Und so werden die USA nicht mehr den weltweiten Konjunkturzug anschieben, auf den Europa und vor allem Deutschland außenhandelsseitig dann mit wenig eigenem Kohleneinsatz aufspringt. Ohnehin, wie die Bäume im Herbst ihre Blätter, verliert Europa immer mehr an geostrategischer Bedeutung. Früher im Kalten Krieg war Deutschland für die USA ein entscheidender Frontstaat, den man pflegen musste wie einen Hundewelpen. Heute dagegen gehören wir zwar zur westlichen Großfamilie. Doch fühlt sich Amerika von uns oft genug belästigt wie der Tortenliebhaber von Wespen auf der Obsttorte.

"Die alte westliche Nachkriegsordnung ist tot"
 

Selbst Trump wird den Handels-Bogen nicht überspannen

Dass Macron, Merkel und die EU bislang nicht zu Handels-Kreuze gekrochen sind, hat Trump vielleicht sogar ein bisschen imponiert. Gegenwehr scheint dem Alphatier zu gefallen. Dass Trump der EU jetzt eine weitere Schonfrist bei Stahl- und Aluminiumzöllen bis 1. Juni gewährt, könnte dafürsprechen. Trotzdem ist sein letztes Ultimatum asozial und der Versuch, die EU schließlich doch noch handels-nachgiebig wie amerikanisches Toastbrot zu machen. Vor allem mit seiner neuesten Drohung, Importquoten für Güter aufzulegen, will man Export-Europa erpressen und das protektionistische Gruseln lehren.

Doch käme diese Trumpsche Handelssanktion wie ein Bumerang in die USA zurück. Importquoten könnten zwar die Auslastungsgrade z.B. der amerikanischen Metallindustrie erhöhen. Doch sorgen sie auch für Produktionsengpässe, die gemeinsam mit weniger ausländischem Wettbewerbsdruck auch den Preisdruck erhöhen. Amerikanische Verbraucher würden dann z.B. für jede Cola-Dose mehr zahlen müssen. Damit wirkt der Wegfall der hoch optimierten Zulieferketten in den USA wie eine Sondersteuer auf viele Konsumunternehmen und früher oder später auch negativ auf Aktien. Überhaupt, während bei Zöllen der US-Fiskus immerhin noch Geld verdient, geht er bei Quoten komplett leer aus.

"Trumpsche Handelssanktionen kommen wie ein Bumerang nach Amerika zurück"
 
Überhaupt, selbst die Farmer - also mit die treuesten Wähler Trumps - fürchten die Retourkutsche von europäischen Importhürden für ihre landwirtschaftlichen Produkte. Die Gefahr liegt auf der Hand, dass sich Trump ins eigene Wirtschafts-Knie schießt. Insgesamt ist zu erwarten, dass die Weisheit im Weißen Haus noch keine aussterbende Spezies ist.

Wer nur moralisch gewinnen will, hat wirtschaftspolitisch schon verloren

Auf Trumps Kanonenbootpolitik darf Europa jetzt nicht mit blanker moralischer Überlegenheit reagieren. Moral allein ist noch keine gute Wirtschaftspolitik. Auf amerikanische Zölle auf Stahl- und Aluminiumimporte mit trotzigen Gegenmaßnahmen zu reagieren, bringt außer politischem Mütchen kühlen wenig. Das ist wie Öl ins Trumpsche Handels-Feuer zu gießen. Leider kann der US-Präsident nahezu uneingeschränkt Handelsbarrieren beschließen, ohne den Kongress zu fragen.

Bei aller emotionaler Wut im Bauch muss man rational feststellen, dass die EU bei einem sich hochschaukelnden Handelskrieg mehr zu verlieren hat als Amerika. Unsere Politiker müssen dafür Sorge tragen, dass der Kamin auch morgen und übermorgen noch raucht. Wirtschaft ist zwar nicht alles, aber ohne Wirtschaft ist eben alles andere nichts. Und wie soll dann noch die Sozialstaatlichkeit funktionieren? Alternative Steuererhöhungen für die sogenannten starken Schultern auch aus der Industrie führen nur dazu, dass sie noch mehr nach Amerika rübermachen. Denn tatsächlich sind die USA trotz Ekel Trump in puncto Steuern, Digitalisierung und allgemein in der Standortqualität deutlich besser als Europa aufgestellt.

"Unsere Politiker müssen dafür Sorge tragen, dass der Kamin auch morgen noch raucht"
 
Und bilden wir uns bitte nie ein, dass alternativ China unsere Handelsprobleme löst. China denkt wirtschaftspolitisch nur an eins: An sich. Der Panda ist nur dann süß, wenn er wirtschaftlich von der EU bekommt, was er will. Eine vollständige Abhängigkeit von China darf Europa nie eingehen.

Diplomatie oder solange man spricht, führt man keinen Handelskrieg

Einen Kuschelkurs gegenüber Trump soll die EU sicherlich nicht fahren. Mit Musketier-ähnlicher Standhaftigkeit von Gesamt-Europa müssen zum Wohl der europäischen Exportwirtschaft die internationalen Freihandelsregeln so weit wie möglich erhalten bleiben.

Gleichzeitig soll Brüssel handelspolitisch flexibel bleiben. Hier wäre die Wiederbelebung eines neuen und einfachen Freihandelsabkommens zwischen der EU und den USA eine Lösungsmöglichkeit: Wenn man beidseitig auf breiter Front die Umkehrung bestehender Strafzölle - auch im Agrarbereich - in Zollsenkungen verhandelt, könnte man Trump Wind aus seinen Segeln nehmen. Mit aufgehellten amerikanischen Exportchancen könnte er im US-Kongresswahlkampf sein Gesicht wahren. Auch die zuletzt zerfallenen transatlantischen Beziehungen bekämen eine dringend benötigte Frischzellenkur. Danach, bei ruhigerer politischer Strömung können auch gegenseitige Marktzugangsbeschränkungen, Digitalsteuern von US-Unternehmen in Europa und Verteidigungsfragen angesprochen werden.

"Die EU muss das Kunststück fertigbringen, dass Trump sein Gesicht wahrt"
weiter
 
Das klingt wie Musik für deutsche Export-Ohren, erzeugt bei anderen EU-Ländern aber eher Tinnitus. In Europa ist sich immer noch jeder selbst der Nächste. Da hilft auch die deutsch-französische Freundschaft wenig. Da Frankreich weniger exportstark als Deutschland ist, hat es von Zollsenkungen zunächst weniger Nutzen, allerdings höheren Schaden durch gesunkene Importzölle für amerikanische Agrarprodukte. Frankreich ist nämlich der größte Agrarstaat der EU und Macron will seinen Bauern nicht wehtun.

Es ist dringend geboten, dass Europa mit einer Stimme spricht, um nicht von Trump gespalten zu werden. Für Europa steht die handelspolitische Quadratur des Kreises an. Schwierig ja, aber eine Alternative gibt es nicht.

von Robert Halver.
4. Mai 2018, © Baader Bank

Über den Autor

Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank und Halvers Woche Bestandteil des wöchentlichen Kapitalmarktmonitors.

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.

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