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04.08.2017 13:23:06
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Kolumne

Halvers Woche: "Leidet das deutsche Auto-Imperium unter spätrömischer Dekadenz? "



Halver denkt über die Ausmaße des Dieselskandals und seine möglichen Folgen für die deutsche Wirtschaft nach.
4. August 2017. MÜNCHEN (Baader Bank). In der Automobilkultur ist Deutschland Spitze. Weltweit träumen unzählige Menschen davon, einmal im Leben ein deutsches Premium-Auto zu fahren. Ja, "Vorsprung durch Technik" wird geliebt.

Diese Hochachtung darf man nicht verspielen. Denn mit Diesel-Abgasskandalen und Innovationsträgheit drohen diese Träume zu platzen. So mancher, der am Fließband für Diesel-Fahrzeuge steht, fragt sich bereits "Was mache ich hier eigentlich?"

Wenn man selbst nichts zum Laufen bringt, muss man anderen eben Steine in den Weg legen

Sicher, die ausländische Auto-Konkurrenz hat keinen Grund, ihre Hände in Unschuld zu waschen. Auch sie hat viel Dreck am Stecken. London, Paris, Rom oder New York gehen auch nicht als Luftkurorte durch. Jedoch haben Automobile in Deutschland wirtschaftlich und für das germanisch-industrielle Selbstwertgefühl eine viel größere Bedeutung. Und da im internationalen Autoabsatz-Krieg alle Mittel erlaubt sind, streuen die Rivalen der Autoszene jetzt sackweise Zucker in die Tanks deutscher Dieselautos. Auch die britische Regierung drischt auf Diesel-Deutschland ein, indem sie ein Dieselauto-Verbot ab 2040 ausspricht. Selbst wenn bis dahin noch viel Zeit vergeht, wird im Kopfkino der Autofahrer deutscher Diesel-Technologie dennoch immer mehr die Spritzufuhr gekappt. In Trumps Amerika ist man ohnehin für jeden Skandal der deutschen Autoindustrie mit ihrer "bösen" Exportstärke dankbar. Dann kann man ihr öffentlichkeitswirksam mit Schauprozessen das Fell über die Ohren ziehen. Wenn man selbst nichts zum Laufen bringt, muss man anderen eben Steine in den Weg legen.

Für die deutsche Wirtschaft steht viel auf dem Spiel. Automobile sind unsere Leitindustrie. Etwa 800.000 Jobs und ein Fünftel unserer Exporte hängen direkt davon ab. Und wenn sich beim Diesel in puncto Zuverlässigkeit, Qualität und Innovation Schwächen offenbaren, gerät auch die gesamte deutsche Automobilbranche in Sippenhaft, wird angeschwärzt, sozusagen eingerußt.

Rettet den Diesel! "Fort NOx" muss keine uneinnehmbare Festung bleiben

Aufgrund ihres Stellenwerts wurde die deutsche Autoindustrie seit Jahrzehnten von allen Politikern und sogar von den Grünen verwöhnt wie ein Einzelkind. Gerne wurden großzügige Geschenke wie Abwrackprämien verteilt und vielleicht die Diesel-Ampeln an den richtigen Stellen gerne auch mal auf grün gesetzt. So schwebte die Auto-Industrie über allen stinkenden Diesel-Wolken, war unangreifbar, sozusagen too big to fail.

Die Umweltverbände werden die Diesel-Inquisition weiter betreiben
Doch angesichts der aktuellen Diesel-Konterrevolution muss die Branche aus ihrer Komfortzone heraus. Mit den jetzt auf dem Diesel-Gipfel für Altfahrzeuge vereinbarten Software-Updates auf Herstellerkosten sollen der Öffentlichkeit bis zur Bundestagswahl Nasenklammern verpasst werden, so dass die würzigen "Dieseldüfte" einstweilen nicht mehr stören. Eine stabile Seitenlage ist aber keine Lösung. Leider setzt sich der Gestank letztendlich durch. Die Umweltverbände werden die Diesel-Inquisition weiter betreiben und versuchen, vor Gericht Fahrverbote in Städten durchzusetzen.

Doch niemand will enteignet werden. Wir sind ja nicht im Sozialismus. Also geht es zur nachhaltigen Schadstoffreduktion insbesondere um sicherlich viel teurere Hardware-Nachrüstungen auf autoindustrielle Kosten. Ansonsten betreibt die Diesel-Kultur "Made in Germany" Geisterfahrerei. Sie erleidet dann einen irreparablen Totalschaden. Für den nächsten Diesel-Gipfel nach der Wahl im September kann man sich schon mal auf die Suche nach einer Lokalität machen.

Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass die Diesel-Technologie nicht tot wie ein Dinosaurier ist. Eher wird sie von ideologischen Kreisen gerne mit viel gespielter Empörung tot geredet. Es ist schon seltsam, wie Deutschland sich manchmal wirtschaftlich selbst kaputt schlägt. Was spricht denn gegen eine konsequente Weiterentwicklung des Diesels mit akzeptablen Abgaswerten? Deutsche Auto-Ingenieure sind über Nacht doch nicht dümmer geworden. Überhaupt, es wird noch lange Verbrennungsmotoren geben.

Elektro-Mobilität ist in aller Munde, aber…

Zurzeit wird die E-Mobilität mit Blick auf Umweltfreundlichkeit überall angepriesen. Aber mit Verlaub, auch die E-Mobilität hat Schwächen. Der Strom kommt doch nicht einfach aus der Steckdose. Strom aus z.B. Windkraft haben wir zwar genug. Dieser kommt nur leider noch nicht befriedigend dort an, wo er ankommen soll. Die Energiewende muss Produktion und Lieferung umfassen. Heißt das etwa im Umkehrschluss, dass zurzeit Kohle-, Gas- oder sogar Atomkraftwerke E-Mobilität ermöglichen? Es gibt auch viel ökologische Heuchelei!

Und selbst wenn die Akku-Qualitäten verbessert wurden, sind viele Fahrer mit Blick auf die Reichweite noch beunruhigt. Denn wo sind in Deutschland die E-Tankstellen, die man vielfach wie Nadeln im Heuhaufen suchen muss? Die E-Infrastruktur muss stimmen. Man kann ja auch nicht Eier verlangen und vergessen, die Hühner zu füttern.

Neben der Nachrüstung geht es aber vor allem um die automobile Vorrüstung

Selbstverständlich muss sich auch Deutschland zügig auf die Zeit nach Verbrennungsmotoren einstellen. Auf den weltweiten Straßen sollen bitte auch morgen und übermorgen noch deutsche Autos mit Zukunftstechnologie fahren.

Hier ist allerdings einiges verbummelt worden. Man hat sich zu sehr auf den Lorbeeren von gestern ausgeruht. Doch welken diese in einer global wettbewerbsfähigen Auto-Welt schneller als tote Fisch anfangen, zu stinken. Deutschland hat das automobile Industrie-Zeitalter beherrscht wie seinerzeit das Römische Reich die Welt. Doch jetzt sind wir in der spätrömischen Epoche angekommen. Das selbstgerechte deutsche Auto-Imperium wird angegriffen wie früher Rom durch die Germanen.

Amerika mit seinen führenden Technologieunternehmen sieht endlich die Chance gekommen, Deutschland vom Auto-Thron zu stoßen. Die Branche wird sich zukünftig immer mehr Richtung E-Mobilität, digitaler Produktionstechnik und Social Media entwickeln. Nachdem das Auto im Rohbau von modernster Robotertechnologie hergestellt wurde, beginnt erst im Innenausbau die eigentliche Wertschöpfung durch moderne Antriebe, Selbstfahrbarkeit oder revolutionäre Kommunikation. Doch diese Innovationen drohen immer weniger aus Deutschland, sondern vor allem aus den USA zu kommen. Nicht mehr Germania, sondern Amerika könnte die internationalen Spielregeln in der Autobranche bestimmen. Heute lacht niemand mehr über Tesla. Da gibt es mittlerweile 500.000 Vorbestellungen.

"Nicht mehr Germania, sondern Amerika könnte die Spielregeln in der Automobilbranche bestimmen"

Mehr Bundesregierung, weniger Bundesverwaltung

Hierbei sind deutsche Auto-Unternehmen unbedingt leistungsfähig. Aber sie brauchen dringend wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen wie das Auto seine Reifen. Ansonsten zieht es sie nach Amerika. Und dann nehmen sie leider auch die Arbeitskräfte mit.

Das deutsche Kaputt-Regulieren, weil man hinter jeder Innovation nur Ängste und Risiken sieht, nicht aber wie in anderen Industrieregionen die Chancen, muss sofort aufhören. Symptomatisch für diese Technologiefeindlichkeit ist u.a., dass Deutschland bei Glasfaseranschlüssen ein Entwicklungsland ist. Ich frage mich, ob wir ein deutsches Wirtschaftswunder mit der heutigen Technologierenitenz, Hasenfüßigkeit und Bedenkenträgerei hinbekommen hätten?

Es ist wirtschaftspolitisch höchste Zeit, aus der spätrömischen Dekadenz aufzuwachen. Wir sind dabei, die automobile Zukunft zu verspielen und von der Substanz zu leben. Aus Made in Germany darf niemals Madig in Germany werden. Technologieführerschaft geht vor Innovationsalarm. "Vorsprung durch Technik" ist auch morgen unsere einzige Chance.

Schaffen wir das? Falsche Frage, wir müssen es schaffen. Das ist der entscheidende Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit in einem Land, in dem wir dann erst gut und gerne leben.

Das kommt natürlich auch deutschen Autoaktien zugute, die zwar im Vergleich zum Leitindex DAX teilweise nur halb so hohe Bewertung haben. Das gibt Raum für zwischenzeitliche Erholungsbewegungen. Damit sie aber auch langfristig attraktive Investments darstellen, sind innovationsbegeisterte Hersteller und reformfreudige Autoproduktionsstandorte eine unternehmerische und wirtschaftspolitische Bringschuld.

Ich wünsche mir sehr, dass für die deutsche Autoindustrie und ihre Aktien bald wieder das Motto des früheren VW Käfers gilt: Er läuft und läuft und läuft. Schaffen wir das? Falsche Frage, wir müssen es schaffen. Das ist der entscheidende Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit in einem Land, in dem wir dann erst gut und gerne leben.

"Aus Made in Germany darf nie Madig in Germany werden"
4. August 2017, © Baader Bank

Über den Autor

Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank und Halvers Woche Bestandteil des wöchentlichen Kapitalmarktmonitors.

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.

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