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Kolumne

Hüfners Wochenkommentar: "Das Produktivitätsparadox"



Hüfner erklärt, warum technischer Fortschritt nicht automatisch mit Wachstum der Produktivität einhergeht und warnt in dem Kontext Anleger.
24. April 2019. MÜNCHEN (Assenagon). Eines der großen Rätsel der Ökonomie ist das Produktivitätsparadox. Es besagt, dass der technische Fortschritt immer schneller wird, dass die Produktivität der Volkswirtschaft dabei aber nicht mitzieht. Sie nimmt im Gegenteil immer langsamer zu. Der Nobelpreisträger Robert Solow hat das schon vor dreißig Jahren auf die einprägsame Formel gebracht: "Sie können das Computerzeitalter überall sehen, nur nicht in den Produktivitätsstatistiken".

Das ist ein weltweites Phänomen. Es gilt sowohl für die USA, die durch ihr Silicon Valley zu einem Treiber der modernen Techniken geworden sind, wie auch für Deutschland, das noch hinterherhinkt. Die Grafik zeigt die Entwicklung der Produktivität je Arbeitsstunde in Deutschland in den letzten 25 Jahren. In den 90er Jahren lag die Zuwachsrate noch bei im Schnitt 2 Prozent p. a. Inzwischen ist sie auf unter 1 Prozent gefallen. 2018 ist sie gesunken.

Immer weniger Wachstum


Quelle: Bundesbank


Wie passt das zusammen? Wie kommt es, dass der technische Fortschritt boomt, das Wachstum der Produktivität aber eher lahm ist? Ganz einfach. Dahinter steht ein Missverständnis. Das ist die Annahme, technischer Fortschritt und Produktivitätswachstum seien praktisch Synonyma. Das ist aber nicht der Fall. Es gibt zwar Bereiche, in denen technischer Fortschritt die Produktivität verbessert. Es gibt aber mindestens genauso viele Fälle, in denen er nichts mit dem Produktivitätswachstum zu tun hat.



Schauen wir uns das genauer an. Technischer Fortschritt, das sind Innovationen und Erfindungen. Er wird häufig gemessen an der Zahl der Patente, die in einem Zeitraum angemeldet werden. Er bezieht sich zum Teil auf neue Produkte, zum Teil auf neue Prozesse.

Gerade bei den Produkten hat sich in letzter Zeit viel getan. Man denke nur an die Smartphones, die den Markt in den vergangenen Jahren überschwemmt haben. Oder an Autos, Kühlschränke oder Fernsehapparate, die durch neue Erfindungen besser geworden sind. All das hat nichts mit der Produktivität zu tun. Es verbessert direkt den Nutzen der Kunden. Insofern enthält die Produktivität nur einen Teil des gesamten technischen Fortschritts.

Die Produktivität bezieht sich allein auf die Produktionsprozesse. Sie ist definiert als Output je Beschäftigtem oder Beschäftigtenstunde. Ihre Höhe hängt natürlich von den jeweils vorhandenen beziehungsweise eingesetzten Technologien ab. Vor zehn Jahren wurde anders produziert als heute. Insofern vergrößert technischer Fortschritt für sich genommen die Produktivität. Daneben spielen aber auch viele andere Dinge eine Rolle.

Wichtig ist hier vor allem die Umsetzung des technischen Fortschritts in den Betrieben. Die Erfindung der Dampfmaschine hat für die Volkswirtschaft per se überhaupt nichts gebracht. Erst als sie in den Betrieben zum Antrieb von Maschinen oder im Verkehr als Lokomotive genutzt wurde, wurde sie volkswirtschaftlich bedeutsam und hat die Produktivität erhöht.

Bei dieser Umsetzung hapert es vielfach. Es müssen neue Maschinen angeschafft werden. Produktionsprozesse müssen umgestaltet werden. Das Personal muss geschult werden. Per Saldo erhöht das den Output in den meisten Fällen zunächst überhaupt nicht. Es steigen nur die Kosten. Wenn sich nach einer gewissen Zeit die positiven Effekte zeigen sollten, kommen oft schon wieder neue Technologien, deren Einführung wieder Geld kostet. Das ist ein permanenter Prozess, eine Innovation löst die andere ab. Man muss sich nur die großen IT-Abteilungen in den Unternehmen anschauen, die immer größer werden. All das verlangsamt das Wachstum der Produktivität.

Hinzu kommt, dass die Umsetzung des technischen Fortschritts in den Betrieben mit sehr unterschiedlichem Tempo erfolgt. Große Unternehmen können es sich meist leisten, Innovationen schneller einzusetzen. Im Mittelstand dauert es in der Regel etwas länger. Nach Berechnungen der OECD haben die 5 Prozent produktivsten Betriebe ihren Output je Stunde zwischen 2001 und 2013 um 40 Prozent erhöht. Die restlichen 95 Prozent der Betriebe (vor allem im mittelständischen Bereich) haben ihre Produktivität in dieser Zeit dagegen kaum angehoben. Im Durchschnitt ergibt sich daraus eine Zunahme von gerade einmal 2 Prozent, fast gar nichts.

Daneben gibt es noch einen anderen Faktor, der nichts mit dem technischen Fortschritt zu tun hat. Die Umfeldbedingungen des Wirtschaftens müssen stimmen. Eine Volkswirtschaft kann technisch noch so gut und fortschrittlich sein und viele Patente anmelden. Wenn ihre Straßen und Brücken schlecht sind und die Güter nicht schnell genug transportiert werden können oder wenn es bei der Aus- und Weiterbildung der Arbeitskräfte hakt, bleibt das Wachstum niedrig und die Produktivität erhöht sich nur langsam.

All das erklärt, weshalb das Produktivitätswachstum trotz hohen technischen Fortschritts so langsam ist und eher noch weiter abnimmt. Es ist zu vermuten, dass sich daran auch nicht so schnell etwas ändern wird. In jedem Fall wird es kaum ausreichen, um die negativen Effekte der demografischen Alterung auf das Wirtschaftswachstum auszugleichen.

Für Anleger

Für den Anleger ist die Unterscheidung zwischen technischem Fortschritt und Produktivität wichtig. Im Augenblick kommen viele Firmen mit klugen Ideen und Innovationen an die Börse. Sie sehen attraktiv aus, sind als Unternehmen aber noch nicht so weit, dass sie Geld verdienen. Die britische Zeitschrift Economist erwähnt ein Dutzend solcher Firmen, die derzeit entweder schon gelistet sind oder den Antrag gestellt haben. Sie machen insgesamt Verluste in Höhe von 14 Milliarden US-Dollar. Das ist gefährlich für Anleger. Sie sollten es sich genau überlegen, in Firmen zu investieren, die noch kein Geld verdienen. Lassen Sie sich nicht blenden.

von Martin Hüfner
24. April 2019 © Assenagon

Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon. Viele Jahre war er Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG und Senior Economist der Deutschen Bank AG. Er leitete fünf Jahre den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung in Brüssel. Zudem war er über zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender beziehungsweise Vorsitzender des Wirtschafts- und Währungsausschusses des Bundesverbandes Deutscher Banken und Mitglied des Schattenrates der Europäischen Zentralbank, den das Handelsblatt und das Wallstreet Journal Europe organisieren. Dr. Martin W. Hüfner ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem "Europa – Die Macht von Morgen" (2006), "Comeback für Deutschland" (2007), "Achtung: Geld in Gefahr" (2008) und "Rettet den Euro!" (2011).

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