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23.05.2019 10:08:29
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Kolumne

Hüfners Wochenkommentar: "Dienstleistungen - der unterschätzte Wachstumstreiber"



Während die klassische Industrie in Deutschland unter Druck ist, boomen Dienstleistungen. Hüfner analysiert den sehr heterogenen Sektor, der einen Anteil von gut zwei Dritteln an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung hat.
23. Mai 2019. MÜNCHEN (Assenagon). Die deutsche Konjunktur ist gespalten wie selten. In der Industrie geht es nach unten. Die Einkaufsmanagerindizes sind auf deutlich unter 50 gesunken. Das deutet auf einen tiefen Einbruch hin. Bei den Dienstleistungen ist das Wachstum dagegen nach wie vor in Ordnung. Der Einkaufsmanagerindex liegt weit über 50. Wer setzt sich jetzt durch? Zieht die Industrie die Services nach unten? Oder können sich die Dienstleistungen gegen das verarbeitende Gewerbe durchsetzen und die Gesamtkonjunktur stabilisieren?

Normalerweise würde man vermuten, dass die Industrie die Oberhand hat. Sie gilt als der Kern der Wirtschaft. Zu ihr gehören die Bluechips unter den Unternehmen. Hier finden die Dynamik, die Innovation und die Produktivitätssteigerung statt. Sie ist überall auf den Weltmärkten präsent. Wenn es im verarbeitenden Gewerbe größere Probleme gibt - wie derzeit bei Autos, Stahl oder in der Chemie - dann ist alles verloren.

So jedenfalls die allgemeine Meinung. Sie entspricht jedoch nicht den Tatsachen. Der Dienstleistungssektor ist zwar nicht so schlagzeilenträchtig. Er wird vielfach unterschätzt. Zum einen ist er viel größer als die Industrie. In ihm werden in Deutschland 68 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung erstellt, in der Industrie nicht mal halb so viel. Vier von fünf Unternehmen werden dem Dienstleistungssektor zugerechnet.



Hightech an der Spitze


Quelle: Bundesbank


Zum anderen ist der Dienstleistungsbereich - anders als viele denken - dynamischer als das verarbeitende Gewerbe. Er ist in den vergangenen 30 Jahren deutlich schneller gewachsen als die Industrie (siehe Grafik). In konjunkturellen Schwächephasen hat er die gesamtwirtschaftliche Aktivität abgefedert. 2009 beispielsweise verringerte sich die Industrieproduktion um 17 Prozent, während das Sozialprodukt nur um knapp 6 Prozent zurückging. Andererseits sind die Services jedenfalls in Deutschland nicht in der Lage, einen gesamtwirtschaftlichen Aufschwung aus sich heraus zu generieren.

Im Übrigen sind die Services bei weitem nicht so langweilig, wie viele meinen. Zum Dienstleistungssektor gehören nämlich nicht nur Klempner, Friseure oder Metzger. Dazu rechnen auch nicht nur langsam wachsende, arbeitsintensive und wenig produktive Branchen. Dazu rechnen vielmehr auch viele "Top Shots". Die Spannbreite der Leistungen, die hier erbracht werden, ist außerordentlich breit.

Hier ein paar Beispiele: Zu den Dienstleistungen gehört, was wenige wissen, der gesamte Bereich der Information und Kommunikation. Das umfasst in Deutschland so innovative Unternehmen wie SAP oder viele Startups. Hier werden fast 5 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung erstellt. Eigentlich würde man vermuten, dass Deutschland in diesem Sektor international eher zu den Schlusslichtern gehört. Das ist aber nicht der Fall. In den USA ist I & K trotz Silicon Valley nach Berechnungen der OECD mit einem Anteil von 6 Prozent an der Wertschöpfung kaum größer. Österreich ist mit 3,3 Prozent etwas kleiner. Zur Stabilisierung der Konjunktur trägt dieser Sektor freilich nicht bei, da er selbst im Zeitverlauf viel schwankt.

Der Gegenpol zu Hightech sind öffentliche Dienste, Erziehung und Gesundheit. Dieser Bereich entspricht am meisten dem Bild, das man von den Dienstleistungen hat.

Er ist sehr personalintensiv und weist relativ geringe Produktivitätssteigerungen auf. Er wächst allerdings gar nicht so langsam, wie immer wieder unterstellt wird. Das liegt an der demografischen Alterung, die die Nachfrage nach Gesundheits- und Pflegediensten stark steigen lässt. Der Bereich ist sehr groß. In Deutschland werden hier 18 Prozent des Sozialprodukts erwirtschaftet, in den USA sogar noch mehr (22 Prozent). Andererseits ist der Bereich vergleichsweise resistent gegen Konjunkturschwankungen. Altersheime, Kitas und Schulen werden auch dann gebraucht, wenn sich die gesamtwirtschaftliche Aktivität abschwächt.

Ein ebenfalls großer Bereich ist der Handel, das Gastgewerbe und der Verkehr. Hier werden 16 Prozent des BIPs erarbeitet. Was diesen Bereich im Augenblick stabilisiert, ist der hohe Zuwachs bei den verfügbaren Einkommen durch die gute Entwicklung am Arbeitsmarkt und relativ hohe Lohnsteigerungen. Wenn es in der Wirtschaft allerdings richtig schlecht geht, verzichtet man auch schon mal auf einen Restaurantbesuch, eine Autofahrt oder geht weniger shoppen. In der großen Finanzkrise ging die Wertschöpfung in diesem Bereich um 7 Prozent zurück.

Ein großer und wichtiger Dienstleistungsbereich ist ferner das Grundstücks- und Wohnungswesen (nicht zu verwechseln mit der Bauindustrie). Es macht 11 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung aus. Es umfasst Unternehmen, die sich mit der Vermietung, Verpachtung und Verwaltung von Immobilien befassen. Auch das Vermittlungsgeschäft gehört dazu. Das ist ein relativ stabiles und schwankungsarmes Geschäft. Wohnen ist ein Grundbedürfnis, das zu allen Zeiten gebraucht wird.

Für Anleger

Vergessen Sie in Ihrem Portfolio nicht die Dienstleistungen. Natürlich ist die Industrie wichtig; sie stellt unter den Aktiengesellschaften den größten Anteil. Im Dienstleistungsgewerbe finden sich aber hochinteressante moderne Unternehmen, sowohl was Wachstum und Technologie als auch was Stabilität und solide Erträge angeht. Je wichtiger Software gegenüber Hardware wird, umso größer wird auch der Dienstleistungsbereich in der Volkswirtschaft.

von Martin Hüfner
24. Mai 2019 © Assenagon

Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon. Viele Jahre war er Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG und Senior Economist der Deutschen Bank AG. Er leitete fünf Jahre den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung in Brüssel. Zudem war er über zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender beziehungsweise Vorsitzender des Wirtschafts- und Währungsausschusses des Bundesverbandes Deutscher Banken und Mitglied des Schattenrates der Europäischen Zentralbank, den das Handelsblatt und das Wallstreet Journal Europe organisieren. Dr. Martin W. Hüfner ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem "Europa – Die Macht von Morgen" (2006), "Comeback für Deutschland" (2007), "Achtung: Geld in Gefahr" (2008) und "Rettet den Euro!" (2011).

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