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17.05.2018 08:03:59
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Kolumne

Hüfners Wochenkommentar: "Über den Einfluss politischer Krisen"



Hüfner befasst sich mit den Auswirkungen politischer Krisen auf die Aktienmärkte und blickt dazu weit in die Vergangenheit. Allerdings hätten politische Börsen nicht immer kurze Beine.
17. Mai 2018. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Mehr als sonst ist in den Börsenkommentaren in diesem Jahr nicht nur von ökonomischen Faktoren die Rede. Immer mehr Raum wird den politischen Krisenherden in der Welt eingeräumt. Da geht es um Iran und Israel, um die Türkei, um China und Nordkorea, auch um Protektionismus und Populismus. Das entspricht der allgemeinen Gefühlslage der Anleger. Ist es aber auch richtig? Haben politische Faktoren für die Märkte derzeit wirklich eine so große Bedeutung?

Ich möchte hier ein paar Fragezeichen setzen. Dazu habe ich mir die Zusammenhänge etwas genauer angeschaut. In der Grafik habe ich die Entwicklung des US-amerikanischen Aktienmarktes (jeweils Veränderungen zum Vorjahr) seit dem Zweiten Weltkrieg mit wichtigen Krisen in der Welt in Verbindung gebracht. Es zeigt sich, dass die politischen Krisen die Aktienmärkte weit weniger durcheinander wirbeln als vermutet.

S&P 500 seit dem zweiten Weltkrieg


Monatlich, in % yoy, Quelle: Yahoo Finance, eigene Recherchen



Der größte Einbruch am Aktienmarkt bisher war die Subprime-Krise in den USA in den Jahren 2008/2009. Sie war allein wirtschaftlich bedingt und hatte nichts mit geopolitischen Veränderungen zu tun. Die Politik kam nur insofern ins Spiel, als sie später ein Ausufern der Krise verhinderte.

Bei der zweitgrößten Krise ist die Sache nicht so eindeutig. Bewirkt wurde sie durch die drastische Anhebung der Ölpreise, die zu einer Explosion der Inflation, einer starken Erhöhung der Zinsen und einer weltweiten Rezession führte. Die Ursache der Ölpreisanhebung hatte freilich viel mit den politischen Veränderungen im Nahen Osten (u. a. Jom Kippur Krieg) zu tun.

Große politische Krisen dagegen wie der Koreakrieg Anfang der 50er Jahre, der Vietnamkrieg in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts oder die Kubakrise, die im Oktober 1962 fast zu einem Atomkrieg geführt hätten, spielten für die Aktienmärkte kaum eine Rolle. In den zweieinhalb Monaten des zweiten Irakkriegs 2003 ist der S&P 500 nicht gefallen, sondern um fast 5 Prozent gestiegen. In der Kubakrise des Jahres 1962 hat er praktisch gar nicht reagiert.

Anfang des Jahrtausends, als es neben den Anschlägen auf das World Trade Center in New York auch noch das Platzen der New Economy-Krise gab, ging der S&P in der Spitze um etwas mehr als 25 Prozent zurück. Das war verglichen mit der Bedeutung der dahinter stehenden Mega-Events relativ wenig.

Das alles bestätigt die alte Weisheit: Politische Börsen haben kurze Beine. Sie führen manchmal zu großer Aufregung und Untergangsszenarien. In den allermeisten Fällen zeigt sich dann aber, dass Wirtschaft und Börsen davon nicht stärker tangiert werden. Aktien werden in erster Linie durch wirtschaftliche Dinge wie Konjunktur, Inflation, Geldpolitik und Wechselkurse bestimmt. Politische Faktoren kommen nur insofern ins Spiel, als sie diese Variablen nachhaltig beeinflussen. Das ist seltener der Fall als man annimmt. Politik und Wirtschaft sind zu einem großen Teil jeweils eigenständige Regelkreise.

Auch der Goldpreis reagiert auf geopolitische Krisen weniger als vermutet. In jedem Fall lässt sich die These, dass der Goldpreis ein verlässliches Krisenbarometer ist, mit den Fakten nicht belegen.

Können wir geopolitische Ereignisse also vergessen? Nein, so weit würde ich nicht gehen. Zum einen gibt es immer wieder große geopolitische Ereignisse, die die Welt verändern und deren Einfluss sich auch die Finanzmärkte nicht entziehen können. Siehe etwa die Ölpreiskrisen in den 70er und 80er Jahren. Zum anderen sind geopolitischen Risiken eine Art von Kosten, die die wirtschaftliche Aktivität insgesamt belasten und auf die Finanzmärkte abstrahlen. Ein Beispiel ist der aktuelle Trend zu mehr Protektionismus. Umgekehrt entwickeln sich die Börsen umso besser, je ruhiger das weltwirtschaftliche Umfeld ist. Siehe etwa die positive Entwicklung in den 90er Jahren, die auch mit den vergleichsweise geringen Spannungen nach dem Fall des eisernen Vorhanges zusammenhing.

Im Übrigen erhöhen die geopolitischen Risiken natürlich die Volatilität an den Märkten. Investoren stellen Projekte vorübergehend zurück. Anleger sichern ihre Positionen ab. Bestes Beispiel dafür ist die Unsicherheit, die von dem Verhalten des US-amerikanischen Präsidenten Trump ausgeht. Die Unsicherheiten über den Ausgang der Brexit-Verhandlungen belasten die britischen Börsen.

Für Anleger

Lassen Sie sich von politischen Krisen und Veränderungen nicht ins Bockshorn jagen. Nur weil man politische Veränderungen nicht mag (etwa weil man eine andere Meinung hat), heißt das noch lange nicht, dass sie auch schlecht für die Finanzmärkte sind. Die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA haben viele nicht gemocht. Für die nüchtern kalkulierenden Finanzmärkte war aber die Einschätzung entscheidend, dass dadurch die Gewinne der Unternehmen steigen könnten. In diesem Jahr wird es wegen der vielfältigen geopolitischen Unsicherheiten geringere Kurssteigerungen und höhere Volatilität geben, aber keinen größeren Absturz bei den Kursen.

von Martin Hüfner
17. Mai 2018 © Assenagon

Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon. Viele Jahre war er Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG und Senior Economist der Deutschen Bank AG. Er leitete fünf Jahre den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung in Brüssel. Zudem war er über zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender beziehungsweise Vorsitzender des Wirtschafts- und Währungsausschusses des Bundesverbandes Deutscher Banken und Mitglied des Schattenrates der Europäischen Zentralbank, den das Handelsblatt und das Wallstreet Journal Europe organisieren. Dr. Martin W. Hüfner ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem "Europa – Die Macht von Morgen" (2006), "Comeback für Deutschland" (2007), "Achtung: Geld in Gefahr" (2008) und "Rettet den Euro!" (2011).

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