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12.06.2018 11:14:53
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Kolumne

Natixis Economics: Die EZB feiert ihr 20-jähriges Bestehen und das Ende der Sorglosigkeit



Sylvain Broyer nimmt den 20. Geburtstag zum Anlass, ihre Erfolge zu würdigen, sieht aber auch etliche Herausforderungen in der nächsten Zukunft.
12. Juni 2018. FRANKFURT (Natixis). Der Kontrast könnte nicht markanter sein: Während die älteste noch amtierende Zentralbank der Welt, die Riksbank, in diesem Jahr 350 Kerzen ausblies, feiert die EZB in diesem Monat ihr 20-jähriges Bestehen. Die Jugend des Frankfurter Instituts steht einer Beurteilung nicht entgegen. Wir betrachten nicht nur, ob die EZB ihr Mandat erfüllt hat, sondern auch, was ihre größten Erfolge waren und welche Herausforderungen sie in Zukunft haben wird.

Während der vergangenen zwanzig Jahre betrug die Inflation im Eurogebiet durchschnittlich 1,7 Prozent. Die EZB hat daher ihr vorrangiges Ziel der Preisstabilität eingehalten. Es sei daran erinnert, dass Otmar Issing, ihr erster Chefökonom und großer Architekt der EZB-Strategie, die Bedingungen seinerzeit als eine jährliche Erhöhung des HVPI um 1,7 Prozent oder mehr, aber weniger als 2 Prozent erläuterte. Und nach dieser strengen Formulierung hat die EZB in zweihundertvierzig Monaten ihres Mandats nur 39 Monate Preisstabilität erreicht. Doch glücklicherweise wurde und wird auch heute der mittelfristige Zeithorizont für die Zielerfüllung betont.

Allerdings hat die EZB viel mehr getan. Erstens erwies sie sich ab dem Tag der großen Finanzkrise durch den Einsatz eines Arsenals von Maßnahmen zur Eindämmung einer Liquiditätskrise für Banken (LTROs, TLTROs, Vollzuteilung usw.) und Mitgliedstaaten (SMP, OMT) als eine pragmatische Institution. In diesem Zusammenhang sowie bei zunehmender Komplexität der geldpolitischen Instrumente hat sie eine Rolle als Kreditgeber der letzten Instanz übernommen; eine Rolle, die der Europäische Vertrag absichtlich unklar ließ und die das EZB-Mandat - insbesondere das Verbot der direkten Finanzierung eines Mitgliedstaates - verkompliziert. Die Fed, die BoJ und die BoE sind alle frei von einer solchen Einschränkung.



Zweitens kann die EZB - vielleicht wegen ihrer Jugend - von sich behaupten, die Kommunikation der etablierten Zentralbanken inspiriert zu haben. Mit der Einführung von Pressekonferenzen am Ende bestimmter geldpolitischer Sitzungen hat die Fed unter Bernanke eine von der EZB initiierte Praxis kopiert, die zu weniger Volatilität der Marktzinsen beiträgt. Der Anstieg des Euro-Anteils an den internationalen Devisenreserven von 18 Prozent vor zwanzig Jahren auf heute 20 Prozent (und sogar bis zu 27 Prozent vor der europäischen Krise 2012 und der Internationalisierung des RMB) ist ein weiterer Erfolg, den die EZB sich selbst nicht auf die Fahnen schreibt.

Aber die größte Errungenschaft der EZB, die sie natürlich mit den anderen europäischen Institutionen teilt, besteht darin, dass sie die Akzeptanz des Euro in der Bevölkerung der Mitgliedstaaten in zwanzig Jahren erhöht hat: von 44 Prozent bei der Einführung des Euro auf 80 Prozent Ende 2017 in Deutschland, von 62 Prozent auf 71 Prozent in Frankreich, von 66 Prozent auf 78 Prozent in den Niederlanden und von 69 Prozent auf 82 Prozent in Spanien. Nur in Italien ist der Anteil der vom Euro überzeugten Bevölkerung deutlich gesunken: von 79 Prozent im Jahr 1998 auf heute 59 Prozent. Es zeigt sich, wer vom Euro profitiert.

Sind Sie für eine europäische Wirtschafts- und Währungsunion mit einer einheitlichen Währung, dem Euro? (Ja in Prozent der Antworten)



Blicken wir endlich in die Zukunft. Leider deutet nichts auf Sorglosigkeit für die EZB hin. Trotz einiger institutioneller Fortschritte auf EU-Ebene bleibt der Euroraum ein suboptimaler Währungsraum. Auch eine gemeinsame Geldpolitik wird immer schwieriger zu führen sein.

Dass die EZB in den vergangenen Jahren von der Konvergenz der Kerninflation zwischen den Mitgliedstaaten profitieren konnte, ist vor allem auf das Eindringen chinesischer Produkte in den in Europa konsumierten Waren zurückzuführen. Da dieser Prozess hoffentlich zu Ende geht, dürfte sich der Einfluss von Lohnkostenunterschieden zwischen den Mitgliedstaaten auf die Kerninflation ausweiten.

Nicht nur der Zusammenhalt der Mitgliedsländer ist zu locker, sondern - wie Italien belegt - ist die Eurozone nicht ausreichend organisiert, um regionale Schocks aufzufangen. In einem kürzlich veröffentlichten Papier kommt die EZB sogar zu dem Schluss, dass die Absorptionsfähigkeit des Euroraums seit 2012 nicht zugenommen hat, wobei der Euroraum asymmetrische Schocks drei Mal weniger absorbiert als die US-amerikanische Steuer- und Währungsunion durch Steuertransfers, Bankkredite und überregionale finanzielle Beteiligung.

Herzlichen Glückwunsch, EZB!

von Sylvain Broyer,
© 12. Juni 2018 © Natixis



Über den Autor

Dr. Sylvain Broyer, Head of Economics bei Natixis. Er hat an den Universitäten Frankfurt und Lyon promoviert und ist von der International Securities Market Association (ISMA) zertifiziert.

Broyer ist seit 2008 Head of Economics und seit 2015 Mitglied der Geschäftsleitung der Frankfurter Niederlassung von Natixis. Er schreibt Kolumnen für führende europäische Wirtschaftsmagazine, lehrt an der Universität Paris-Dauphine im Masterstudiengang “Banking” und hat zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten sowie Kapitel in akademischen Lehrbüchern veröffentlicht. Dr. Broyer ist seit November 2012 Mitglied im EZB-Schattenrat, dem Gremium führender europäischer Ökonomen des Handelsblatts.

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