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19.10.2018 20:35:24
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Börsen-Zeitung: Ansteckungsrisiko, ein Marktkommentar von Dietegen

Müller

Frankfurt (ots) - Die Haushaltsplanung der instabilen römischen

Regierungskoalition stößt in Brüssel auf Ablehnung - und auch an den

Finanzmärkten. Der Risikoaufschlag zwischen zehnjährigen

Bundesanleihen - Triple-A-geratet - und entsprechenden italienischen

Papieren - die noch zwei Stufen über Ramsch eingestuft werden - ist

zum Wochenschluss zeitweise auf 338 Basispunkte gestiegen. Das ist

der höchste Stand seit März 2013.

Ende der neuen Woche wird S&P Global Ratings neu darüber

entscheiden, wie Italien bonitätsmäßig bewertet wird. Eine Mehrheit

der Marktakteure geht von einer Senkung des Ausblicks aus. Moody's

und Fitch haben ihren Ausblick bereits auf "negativ" gesenkt.

Längerfristig wird befürchtet, dass die italienischen Staatspapiere

dann ihre anlagewürdige Einstufung verlieren könnten. Die Folge wäre

ein enormer Verkaufsdruck, da viele institutionelle Investoren dann

gezwungen wären, die Buoni del tesoro poliennali aus dem Portfolio zu

nehmen.

In der kommenden Woche wird aber auch die Europäische Zentralbank

(EZB) wieder ihre Zinssitzung abhalten. Spekuliert wird, ob die

gestiegene Inflationsrate die Währungshüter dazu bewegen könnte, sich

etwas "hawkisher" zu äußern oder mehr Details zur Normalisierung der

Geldpolitik zu geben, etwa, ob auslaufende Anleihen reinvestiert

werden.

Eine straffere europäische Geldpolitik ist wegen der zahlreichen

Risikofaktoren für die Konjunkturentwicklung - der Handelsstreit ist

nur einer davon - jedoch unwahrscheinlich. Darüber hinaus hat das

Thema Italien hohe Qualität, zu einer sich selbst erfüllenden

Prophezeiung an den Märkten zu werden.

Wer auf steigende italienische Renditen wettet, hat derzeit eine

Reihe schwer widerlegbarer Argumente zur Hand. Da ist die steigende

Wahrscheinlichkeit, dass es nach einer außergewöhnlich langen Phase

des Wachstums zu einer Abkühlung der Konjunktur kommt. Dies würde

auch das Wachstum Italiens begrenzen. Das Land leidet ohnehin bereits

unter einem niedrigen Potenzialwachstum. Dadurch besteht die Gefahr,

dass der Primärüberschuss, den Italien in den vergangenen Jahren

stets erzielen konnte, ins Negative dreht. Der Haushaltssaldo wäre

dann noch tiefer im Minus als geplant, der Schuldendienst noch

belastender.

Andererseits könnte Italien am Markt Probleme bekommen. Das

Auslaufen des EZB-Anleihekaufprogramms dürfte die Finanzierungskosten

tendenziell ohnehin etwas erhöhen. Die Gretchenfrage ist, welche

Risikoprämie der Markt bald von Italien verlangt. Laut UBS sind die

italienischen Staatstitel so gepreist, als wären sie Ramsch. Doch

neigen Märkte zum Überschießen. Sollten tatsächlich in großem Stil

Investoren (auch Banken) italienische Anleihen abstoßen, stiegen die

Rendite weiter, obwohl dies durch die - nachlaufende -

Ratingentwicklung nicht gedeckt ist. Ein anderes Risiko wäre ein

"Käuferstreik", ein Szenario, das etwa die DekaBank für möglich hält,

sollte Italien sein Investment-Grade-Rating verlieren.

Weil viele italienische Investoren große BTP-Bestände halten,

würde ein Einbruch der Kurse zu einem nationalen Teufelskreis führen,

der aber das Potenzial hat, sich über den Bankensektor als

Ansteckungskanal auf ganz Europa auszudehnen. Nach wie vor leiden

italienische, aber auch viele andere europäische Banken unter

schwacher Profitabilität. Da bleibt wenig Spielraum für Probleme.

Dass sich am Freitag der Chef von Ubi Banca bemüßigt sah zu sagen,

sein Institut habe in den Stresstests der europäischen Bankenaufsicht

EBA nie schlecht abgeschnitten und werde damit nun auch "nicht

beginnen", spiegelt die Nervosität, die in Italiens Finanzsektor

herrscht. Laut der Ratingagentur Fitch dürften italienische Banken

durch die ausgeweiteten Anleihespreads wahrscheinlich bedeutsame

Kapitaleinbußen erlitten haben. Der Banken-Sektorindex ist auf den

niedrigsten Stand seit 2016 abgerutscht.

Unter solchen Vorzeichen ist es gut möglich, dass die EZB ihre

erste Zinserhöhung seit 2011 hinauszögert. Die Notenbank hat bisher

stets erklärt, sie halte die Zinsen bis "mindestens über den Sommer

2019" auf Rekordtief. Laut Reuters wird eine Leitzinsanhebung am

Markt nun erst im Oktober 2019 statt im September 2019 erwartet.

Das "mindestens" könnte auch deswegen mehr Gewicht erhalten, weil

in der abgelaufenen Woche erstmals deutlich anziehende Renditen in

spanischen und portugiesischen Staatspapieren zu sehen waren. Die

Ansteckungsgefahr, die von Italien ausgeht, ist real. Dies dürfte

auch mit ein Grund dafür sein, dass europäische Aktien nun unter

ihrem fairen Wert notieren - wie die Deutsche Bank errechnet hat.

OTS: Börsen-Zeitung

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