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Kolumne

pfp Advisory:"Lehman-Lektionen"



Christoph Frank nennt sechs wichtige Punkte, die sich ein Investor vor Augen halten sollte.
10. September 2018. FRANKFURT. (pfp Advisory). In diesen Tagen jährt sich die Insolvenz der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers zum zehnten Mal. Zweifelsohne war der 15. September 2008 eine der tiefsten Zäsuren der Börsengeschichte. Die Pleite wirkt bis in die Gegenwart hinein und ist auch ein Jahrzehnt später noch keineswegs aufgearbeitet. Es verwundert daher nicht, dass zu diesem traurigen "Jubiläum" unzählige Artikel erscheinen, die in oft weit ausholenden Bögen die Folgen für Finanzmarkt und Gesellschaft beschreiben. Ich kann das in einer kurzen Kolumne naturgemäß nicht und beschränke mich daher auf einen einzigen Aspekt: was Investoren aus der Lehman-Krise (und den Börsencrashs davor) lernen können.

Für mich persönlich war die Lehman-Pleite 2008 die dritte schwere Baisse, die ich am Aktienmarkt erlebte. Den Crash von 1987 bekam ich zwar am Rande mit, hatte als Schüler aber andere Dinge im Kopf und auch kein "skin in the game". Ganz anders war das von August bis Oktober 1998, als der DAX im Umfeld der Asienkrise (Teil 2), der Russlandkrise und der Pleite des Hedgefonds LTCM binnen elf Wochen über 38 Prozent an Wert verlor. Ich erinnere mich noch, wie ich im Oktober 1998 nach einem Börsenbericht im Radio kurzzeitig die Fassung verlor. Zum Glück war ich alleine im Auto! Viereinhalb Jahre später gab ich mich derlei Unbeherrschtheiten nicht mehr hin, obwohl der Kursverfall des DAX nach der New-Economy-Blase mit minus 73 Prozent meine damalige Vorstellungskraft bei weitem sprengte. Während der Finanzmarktkrise 2008/09 war der Crash mit "nur" minus 56 Prozent im DAX zwar nicht ganz so aufwühlend, erfolgte dafür aber in wesentlich kürzerer Zeit. Trotzdem erschütterte mich die Krise bei weitem nicht mehr so wie ihre Pendants von 1998 bzw. ab 2000.

Diese kleine, persönliche Auflistung zeigt sechs wichtige Punkte: Erstens gehören Krisen mit hohen Kursverlusten von über 35 Prozent zum normalen Börsenalltag. Zweitens werden sie in der Regel überwunden. Denn nach jedem Einbruch erreichte der DAX anschließend ein neues Allzeithoch, machte also selbst diejenigen glücklich, die zu extrem ungünstigen Zeitpunkten eingestiegen waren. Drittens können Investoren über lange Zeiträume lernen, mit Krisen professioneller umzugehen. Leider lässt sich diese Lektion nicht über das Studium von Büchern lernen, sondern nur durch Miterleben und Miterleiden unmittelbar am Markt, am besten mit eigenem Geld. Wer das nicht kann bzw. will, scheidet als Marktteilnehmer fast zwangsläufig aus. Nicht umsonst gibt es noch immer viele Deutsche, die seit dem Absturz des Neuen Markts zur Jahrtausendwende keine Lust mehr auf Aktien haben.



Rationale Anleger bekommen immer Recht

Der damalige US-Notenbankchef Alan Greenspan witterte bereits Ende 1996 "irrational exuberance", da gab es zum Beispiel den Neuen Markt in Deutschland noch gar nicht. Obwohl Greenspan zu Recht irrationalen Überschwang konstatierte und die Aktienbewertungen immer absurdere Ausmaße annahmen, vervielfachten sich die Aktienkurse aber bis März 2000 nochmals, ehe der große Absturz folgte. Ich erinnere mich noch gut an eine Geschichte aus der "Wirtschaftswoche" vom September 1999 mit dem Titel "Die Bären sterben aus". Bevor die letzten verbliebenen Bären dann doch Recht bekamen, stieg der DAX binnen sechs Monaten allerdings um über 50 Prozent und der Neue-Markt-Index um rund 180 Prozent . Das zeigt, dass Sie als rationaler Anleger irgendwann tatsächlich Recht bekommen werden, das allerdings so spät sein kann, dass Sie nichts mehr davon haben. Wiederstehen Sie deshalb der Versuchung, den Markt timen zu wollen.

Dies gilt nicht nur auf Börsengipfeln, sondern auch in Talsohlen: Als Lehman Brothers im September 2008 Insolvenz beantragte, dachten viele - auch ich - das sei nun der klassische Auslöser für den finalen Ausverkauf und nach einigen weiteren hektischen Tagen würde der Markt seinen Boden erreichen. Pustekuchen: Alleine vom 15.9.2008 bis zum endgültigen Tief am 9.3.2009 verlor der DAX noch einmal über 40 Prozent.

Investments in größere Unternehmen = risikoärmer?

Im Jahr 2000 hatten viele Investoren keine echte Vorstellung mehr davon, dass es überhaupt etwas anderes geben könnte als steigende Aktienkurse. Wer nicht mindestens 18 Jahre im Geschäft war, hatte keine Baisse mehr am eigenen Leibe erlebt. Zwar war die Jahrhunderthausse von 1982 bis 2000 immer wieder (z. B. 1987, 1990, 1992 und 1998) vorübergehend unterbrochen worden, doch waren diese Verluste stets wenige Jahre später wieder ausgebügelt worden. Dauerhafte Kursrückgänge als dominierenden Trend kannten die vielen jungen Neu-Börsianer der späten Neunziger gar nicht.

Ab März 2000 änderte sich dies freilich grundlegend. Wer in bewährter Manier Kursrückgänge als willkommene Kaufgelegenheiten "nutzte", versenkte bereits in den ersten Monaten der Baisse seine letzten Liquiditätsreserven und nahm den starken Kursverfall von 73 Prozent im DAX und über 95 Prozent bei den Neuer-Markt-Titeln mit entsprechend hohem Exposure mit. Am Tiefpunkt, im März 2003, gab es ebenso wie am Tief nach Lehman, im März 2009, kaum noch Aktienoptimisten mehr. Die Lage schien zappenduster, Leitmedien schrieben Abgesänge auf Aktien im Speziellen und die Finanzmärkte im Allgemeinen. Natürlich trat nichts davon ein und der Weltuntergang fiel auch diesmal aus. Stattdessen folgten, als die Nacht am schwärzesten schien, zwei starke Haussen als nächste Haupttrends. Und sechstens, der Vollständigkeit halber: Kein Unternehmen ist durch Größe davor gefeit, zugrunde zu gehen und seine Aktionäre zu ruinieren. Lehman Brothers war seinerzeit die viertgrößte amerikanische Investmentbank, doch schützten sie Masse und Bedeutung nicht vor dem Untergang. Misstrauen Sie daher Ratschlägen, dass Investments in große Unternehmen automatisch risikoärmer seien.

Investieren Sie langfristig

Was kann ein Investor also tun? Lernen Sie, mit Krisen als notwendigem Teil des normalen Marktgeschehens umzugehen. Investieren Sie langfristig, dann treffen Sie diese Krisen nur gedämpft, als Zacken in Ihrer aufwärts zeigenden Vermögenskurve. Setzen Sie nur Geld ein, das Sie nicht zum Leben brauchen - sonst müssen Sie Ihre Aktienbestände womöglich gerade während einer Krise zu ungünstigen Kursen losschlagen. Versuchen Sie nicht, den Markt zu timen oder das Ende starker Trends vorauszusehen. Investieren Sie am besten regelmäßig zu vorher definierten Zeitpunkten, dann müssen Sie sich über das Timing erst gar nicht den Kopf zerbrechen.

Das Allerwichtigste: Seien Sie überhaupt dabei! Im Nachhinein macht es kaum einen Unterschied, ob Sie zu günstigen, mittelprächtigen oder schlechten Kursen investiert haben. Wenn Sie lange genug in Aktien oder Aktienfonds investiert sind, werden Sie wahrscheinlich die typischen 7 bis 9 Prozent pro Jahr erzielen, die der DAX seit seinem Start gemacht hat.

Direkt "nach Lehman", im Herbst 2008, hatte ich meinen Bestand am DB Platinum IV Platow Fonds zu Kursen von etwa 65 Euro deutlich ausgebaut. Fünf Monate später hätte ich das zu rund 55 Euro gekonnt, also mit 15 Prozent Abschlag. Bereue ich meinen mehr schlecht als recht getimten Kauf? Sicher nicht. Viel wichtiger war die Entscheidung, den Bestand überhaupt aufzustocken. Ob zu 55 oder zu 65 Euro, ist im Rückblick vollkommen nebensächlich. Heute notieren die damals gekauften Fondsanteile bei rund 300 Euro und den anfänglichen 15 Prozent-Rückgang kann ich im Zehnjahreschart nur noch mit der Lupe erkennen. Dabei sein ist eben alles!

von Christoph Frank

13. Juli 2018, © pfp Advisory

Über den Autor

Christoph Frank ist geschäftsführender Gesellschafter der pfp Advisory GmbH. Gemeinsam mit seinem Partner Roger Peeters steuert der seit über 20 Jahren am deutschen Aktienmarkt aktive Experte den DB Platinum IV Platow Fonds (WKN DWS030), einen 2006 aufgelegten und mehrfach ausgezeichneten Stock-Picking-Fonds. Weitere Infos unter www.pfp-advisory.de. Frank schreibt regelmäßig für die Börse Frankfurt.

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