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Kolumne

pfp Advisory: "Von Österreich lernen!"



Christoph Frank blickt auf den besser performenden Aktienmarkt der Alpenrepublik und legt dar, was Deutschland für Schlüsse daraus ziehen kann.
8. April 2019. FRANKFURT (pfp Advisory). Es gibt nur wenige Aktienindizes, die dem österreichischen ATX auf Dreijahressicht das Wasser reichen können. Mit einer Rendite von über 40 Prozent lässt der Leitindex unseres kleinen Nachbarn im Süden so ziemlich jedes europäische Aktienbarometer weit hinter sich. Seine Pendants in den großen EU-Staaten Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien sind hoffnungslos abgeschlagen, ebenso wie gesamteuropäische Indizes wie der EURO STOXX 50 oder der STOXX 600. Selbst wenn wir berücksichtigen, dass mit Blick auf die im Schnitt deutlich größere Marktkapitalisierung der Indexmitglieder in diesen Indizes der MDAX oder der SDAX passendere Vergleichsmaßstäbe wären, ergibt sich kein anderes Bild. Der ATX liegt auf Dreijahressicht (per 5.4.2019) mit 43 Prozent im Plus. DAX und MDAX kommen mit 16 Prozent und 20 Prozent nicht einmal auf die Hälfte dieses Zuwachses, der SDAX ist mit 25 Prozent nur unwesentlich besser. (Da der ATX im Gegensatz zu gängigen deutschen Indizes kein Performance-Index, sondern ein Kursindex ist, verwende ich für einen sauberen Vergleich jeweils die um Dividenden bereinigten Varianten von DAX, MDAX und SDAX.)

Warum waren österreichische Aktien deutschen Anteilscheinen seit 2016 so überlegen? Gewiss, es gab einen gewissen "Nachholbedarf", denn in den Jahren zuvor dümpelten die Kurse an der Wiener Börse eher vor sich hin. Dass dieser Nachholbedarf sich aber ausgerechnet ab 2016 manifestierte, der ATX ab diesem speziellen Jahr so plötzlich davonzog und nicht etwa 2014 oder 2018, ist meines Erachtens aber kein Zufall. Vielmehr sehe ich einen klaren Zusammenhang mit der Steuerreform, die in Österreich am 1. Januar 2016 in Kraft trat. Sie entlastete relativ gesehen vor allem kleinere und mittlere Einkommen. Das verbesserte die Stimmung der Konsumenten, weil Entlastungen erfahrungsgemäß gerade bei Geringverdienern den stärksten und unmittelbarsten Einfluss auf den Konsum haben. Denn während Großverdiener nach einer Steuersenkung nicht unbedingt den zweiten oder dritten Geländewagen kaufen, fließt in den unteren Einkommensgruppen jeder zusätzliche Euro oft ungeschmälert in den Konsum und wirkt damit unmittelbar nachfragesteigernd.

Vergleich ATX (blau) zum EURO STOXX 50 (orange)


Quelle: tradingview.com



So stieg denn auch das Wirtschaftswachstum in der Alpenrepublik laut Statistik Austria von 1,1 Prozent im Jahr 2015 auf 2,0 Prozent (2016), 2,6 Prozent (2017) und 2,7 Prozent im Jahr 2018. Vergleichen Sie das einmal mit den deutschen Raten (Quelle: Statista) von 1,7 Prozent (2015), 2,2 Prozent (2016 und 2017) bzw. 1,4 Prozent (2018)! Diese Zeitreihen zeigen signifikant, dass die österreichische Wirtschaft der deutschen in den vergangenen Jahren in puncto Wachstum den Rang abgelaufen hat. Der Favoritenwechsel am Aktienmarkt findet eine überdeutliche Entsprechung in der Realwirtschaft. Daraus lassen sich zwei wichtige Erkenntnisse ableiten. Erstens: Es kann sich für deutsche Anleger lohnen, über den heimischen Tellerrand hinauszuschauen. Bei österreichischen Aktien ist dies sogar mit einem besonders günstigen Aufwand-Ertrag-Verhältnis zu bewerkstelligen, liegen doch beispielsweise Geschäftsberichte und wichtige Informationsmaterialien in deutscher Sprache vor. Ein weiteres Zuckerl aus deutscher Sicht: Mit Investments in österreichische Aktien lassen sich Branchen abdecken, die in Deutschland nicht bzw. kaum an der Börse vertreten sind, z. B. die Öl- und Gasindustrie mit den ATX-Mitgliedern OMV oder dem Zulieferer Schoeller-Bleckmann Oilfield Equipment. Eine Beimischung österreichischer Titel kann das Portfolio also nicht nur aus regionaler Sicht abrunden, sondern auch zu einem ausgewogeneren Branchenmix führen.

Zweitens: Es kann sich für deutsche Politiker lohnen, über den heimischen Tellerrand hinauszuschauen. Was hindert Angela Merkel oder Peter Altmaier eigentlich daran, ebenfalls eine Steuerreform nach dem Vorbild Österreichs anzugehen? Stattdessen schwächen sie die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie mit einer überhasteten "Energiewende", überzogener Regulierung und verteilen teure Wahlgeschenke wie die "Mütterrente" oder die "Rente mit 63", mit deren Finanzierung künftige Generationen noch viel "Freude" haben werden. Dabei zeigt das Beispiel Österreich doch überdeutlich, dass die Senkung hoher Steuersätze in satten Industriestaaten marktwirtschaftliche Kräfte freisetzen kann, die einen wirtschaftlichen Aufschwung auslösen oder verstärken, von dem am Ende alle profitieren. Meines Erachtens ist es auch kein Zufall, dass mit der Dreijahresrendite des ATX nur noch die US-amerikanischen Indizes mithalten können - denn auch jenseits des großen Teichs gab es in diesem Zeitraum eine Steuerreform mit massiven Entlastungen. Was hindert die Deutschen daran, es Österreich und den USA gleich zu tun? Aus heutiger Sicht ist es zwar nur ein schöner Traum, aber ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sich irgendwann vielleicht auch die Deutschen wieder trauen, einen wirtschaftspolitisch erfolgversprechenderen Kurs zu fahren als in den vergangenen zehn Jahren.

von Christoph Frank
8. April 2019, © Deutsche Börse AG

Über den Autor

Christoph Frank ist geschäftsführender Gesellschafter der pfp Advisory GmbH. Gemeinsam mit seinem Partner Roger Peeters steuert der seit über 20 Jahren am deutschen Aktienmarkt aktive Experte den DWS Concept Platow (WKN DWSK62), einen 2006 aufgelegten und mehrfach ausgezeichneten Stock-Picking-Fonds. Weitere Infos unter www.pfp-advisory.de. Frank schreibt regelmäßig für die Börse Frankfurt.

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