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23.04.2019 11:00:49
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Kolumne

pfp Advisory: "Wer anderen Wohnungen abnimmt, schafft keinen neuen Wohnraum"



Roger Peeters wundert sich über die aufkommende Enteignungsdiskussion und sieht darin gefährliche Tendenzen mit kritischen Effekten für die hiesige Wirtschaft.
23. April 2019. FRANKFURT (pfp Advisory). Wahrscheinlich hatte jeder in seiner Kindheit den einen mehr oder minder nahe stehenden Freund oder Klassenkameraden, der mit Niederlagen schlecht umgehen konnte. Würfelpech beim "Mensch ärgere dich nicht" oder, schlimmer noch, falsche Entscheidungen bei nicht komplett auf Glück und Zufall basierenden Spielen wie "Monopoly" - mit diesem Schicksal wird sich dann nicht abgefunden und stattdessen trotzig das Spielfeld umgeworfen. Steigern lässt sich dieses auch bei Kindern peinliche Verhalten nur, wenn der Spielabbrecher dann gleich eine neue Partie anbietet.

Aus Kindern werden Leute, manche Verhaltensweisen werden damit aber nicht abgelegt. Die seit Wochen immer stärker ausufernde Debatte über staatlich angeordnete Enteignungen von Wohnungsbeständen erinnert mich irgendwie deutlich an das genannte "Brett umschmeißen", verbunden mit einem für sich selber vorteilhaften Neuanfang.

Kurze Erinnerung: 2004 verkaufte der rot/rote Senat in Berlin die landeseigene Immobiliengesellschaft GSW mit rund 65.000 Wohnungen an Finanzinvestoren (die von Politikern zu der gleichen Zeit auch wenig schmeichelhaft mit "Heuschrecken" umschrieben wurden). Diese brachten die GSW 2011 an die Börse, bevor sie 2013 von der größeren und ebenfalls börsennotierten Deutsche Wohnen AG übernommen wurde. Deren Entwicklung der vergangenen Dekade lässt sich durchaus als Erfolgsgeschichte beschreiben. Wie manch anderer so genannter Bestandshalter profitierte der Konzern sehr maßgeblich von der historisch niedrigen Zinsphase, bzw. setzte diese vorteilhaft für seine Anteilseigner ein. Ganz wesentlich auf Basis dieser Zinspolitik, dem seit vielen Jahren vorliegenden Ungleichgewicht zwischen (neuem) Wohnungsangebot und der in Metropolen stark wachsenden Nachfrage sowie einem Basiseffekt eines besonders in Berlin für eine Hauptstadt extrem niedrigen Preisniveaus setzte eine viele Jahre andauernde Goldgräberstimmung mit steigenden Bestands- und Unternehmensbewertungen ein.



Das freut die Lenker der entsprechenden Firmen und deren Aktionäre. Es ärgert aber vielleicht auch manche Politiker, die nun feststellen, dass der oben genannte Verkauf (und viele weitere Privatisierungen von öffentlichen Wohnraumbeständen) vielleicht zu früh und zu günstig erfolgt ist. Manche nehmen dies gelassen, manche verbittert. Aber dann gibt es auch die, die gerne alles noch mal umschmeißen wollen (Sie erinnern sich ans Spielbrett).

Wenn jetzt, wie immer mehr festzustellen ist, von mitunter führenden Politikern eine auf den ersten Blick grotesk anmutende Enteignungsdebatte angefeuert und scheinbar ernsthaft diskutiert wird, dass der Staat großen Immobilienkonzernen gegen deren Willen zu künstlich niedrigen Preisen Wohnungen "zwangsabkaufen" kann, dann ist dies aus zweierlei Gründen bedenklich. Zum einen würde der Wirtschaftsstandort Deutschland nachhaltig beschädigt werden. Man kann sich leicht vorstellen, wie sich die Investitionen nach Deutschland verändern würden, wenn Eigentumsrechte hier so - sagen wir - "flexibel" interpretiert würden.

Zum anderen darf nicht vergessen werden, dass diese für den Staat (und somit den Steuerzahler) immer noch sehr aufwändige Operation nicht eine einzige weitere Wohnung schafft, das Problem der Knappheit in den Metropolen somit überhaupt nicht angegangen wird. Dabei könnten Politiker gerade hier sehr viel Gutes bewirken, wenn sie denn wollen. Angefangen von einem deutlich vereinfachten und weniger bürokratischen Genehmigungsprozess über wesentlich entschlackte Bauauflagen bis hin zu einer dringend nötigen Senkung der in den vergangenen zehn Jahren massiv erhöhten Grunderwerbssteuer gäbe es reichlich gute Ansatzpunkte.

Der Staat ist ganz sicher nicht der bessere Unternehmer und auch nicht der bessere Wohnungsbesitzer. Aber er kann viel, viel mehr beitragen, die vorhandenen Kräfte der Privatwirtschaft zu unterstützen oder gar zu bestärken. Damit wäre am Ende allen gedient, auch den demonstrierenden Mietern oder den vielen Wohnungssuchenden, zumal deren angebrachte und ernst zu nehmende Sorgen momentan ganz gefährlich populistisch missbraucht werden.

von Roger Peeters
23. April 2019, © Deutsche Börse AG

Über den Autor

Roger Peeters ist geschäftsführender Gesellschafter der pfp Advisory GmbH. Gemeinsam mit seinem Partner Christoph Frank steuert der seit über 20 Jahren am deutschen Aktienmarkt aktive Experte den DWS Concept Platow Fonds (WKN DWSK62), einen 2006 aufgelegten und mehrfach ausgezeichneten Stock-Picking-Fonds. Weitere Infos unter www.pfp-advisory.de. Peeters ist weiterhin Mitglied des Vorstands der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) e.V.. Roger Peeters schreibt regelmäßig für die Börse Frankfurt.

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