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Kolumne

Hüfners Wochenkommentar: "Bei Gold muss man anders denken"



Hüfner legt dar, warum Gold keine Krisenabsicherung, sondern - sehr langfristig betrachtet - ein wirklich rentables Investment sei.
22. August 2018. MÜNCHEN (Assenagon). In den vergangenen Monaten sind die Anleger um eine Illusion ärmer geworden. Gold galt lange Zeit als Schutz gegen Krisen. Sein Preis stieg, wenn die Turbulenzen an den Märkten zunahmen. Er fiel, wenn es wieder ruhiger wurde. Jetzt haben wir schwierige Zeiten. Argentinien schrammte knapp an einer Pleite vorbei. Mit der Türkei-Krise kam die Angst auf vor einem neuen Schwellenländer-Crash. Die USA versuchten, China und Russland durch Sanktionen und Handelskrieg in die Knie zu zwingen. Italien denkt über den Austritt aus der EU nach. Und was geschieht mit dem Goldpreis? Er steigt nicht, sondern verringert sich kontinuierlich. In den vergangenen vier Monaten ist er in US-Dollar gerechnet um über 10 Prozent gefallen.

In Gold investieren? - Goldpreis in US-Dollar je Feinunze, log. Maßstab


Quelle: realterm.de
Manch einer denkt jetzt daran, sich von seinen Goldbeständen zu verabschieden. Wenn Gold nicht als Krisenschutz taugt, dann braucht man es nicht mehr (außer vielleicht für Schmuck). Ich halte das nicht für richtig. Gold hat es nicht verdient, in Bausch und Bogen verdammt zu werden. Es hat nach wie vor seinen Appeal, der aber auf ganz anderen Gebieten als auf dem Schutz gegen Krisen liegt. Wir müssen Gold neu denken.



Nach traditioneller Sicht kann man mit Gold derzeit nur verlieren. Die Stimmung auf den Märkten hat sich deutlich verschlechtert. Viel Geld ist aus börsennotierten Goldfonds und -verbriefungen (ETFs und ETCs) abgezogen worden. Hedgefonds halten so viele "Short-Positionen" in Gold wie schon lange nicht mehr. Sie wetten darauf, dass sich der Preis weiter verringert.

Dafür gibt es gute Gründe. Einer ist, dass die US-amerikanische Notenbank die Zinsen erhöht. Zehnjährige US-Staatsanleihen werfen wieder eine Rendite von knapp 3 Prozent ab. Das ist angesichts der niedrigen Inflation schon nicht mehr so unattraktiv. Schließlich gibt es bei Gold keine Zinsen. Ein anderer Grund ist der starke US-Dollar. Käufer außerhalb der USA müssen Gold in für sie teurer werdenden US-Dollar kaufen. Damit sinkt die Nachfrage, der Goldpreis fällt.

Die Türkei-Krise spielt natürlich auch eine Rolle. Allerdings nicht in dem Sinne, in dem viele meinen. Die Türkei gehörte im vergangenen Jahr zu den großen Käufern von Gold. Sie wollte damit für schwierige Zeiten vorsorgen. Jetzt fällt das Land als Nachfrager aus. Vielleicht hat es in den letzten Wochen auch Gold verkauft. Das wirkt sich natürlich auf den Preis aus.

Wenn es so viele Gründe für einen sinkenden Goldpreis gibt, warum sollte man es trotzdem halten? Die Antwort: Sein Appeal ist nicht die kurzfristige Spekulation, sondern die langfristige, und zwar die ganz langfristige Stabilität. Die Grafik zeigt den Goldpreis über die vergangenen 200 Jahre. Hier werden drei große Vorteile des Goldes als Anlagevehikel deutlich.

Erstens ist Gold beständiger und nachhaltiger als andere Asset-Klassen. Es hat sich über die ganzen Jahre nicht verändert. Von welcher anderen Anlageart kann man das behaupten? Immobilien wurden zum Teil durch Kriege zerstört beziehungsweise die Grundstücke enteignet. Aktien gab es vor 200 Jahren überhaupt noch nicht. Von den Unternehmen, die es vor 150 Jahren gab, haben sich nur einige wenige erhalten.

Anleihen werden heute zwar schon wieder mit 100-jähriger Laufzeit emittiert. In der Vergangenheit fielen sie aber den großen Inflationen zum Opfer. Wer vor 100 Jahren Festverzinsliche Wertpapiere gekauft hat, besitzt heute vielfach gar nichts mehr davon. Das gilt nicht nur für Venezuela oder Simbabwe mit ihren großen Geldentwertungen, sondern auch für als so stabil angesehene Staaten wie Deutschland.

Zweitens ist der Goldpreis langfristig relativ stabil und unterliegt nicht den großen Schwankungen anderer Anlagen. Die Grafik zeigt, dass der Goldpreis fast 200 Jahre nur um wenige US-Dollar geschwankt hat. Das lag natürlich daran, dass der Preis staatlich fixiert und stabilisiert wurde. Aber auch als der Preis Anfang der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts freigegeben wurde, waren die Schwankungen relativ gering. Es gab nur zwei Spitzen - eine 1980 und eine 2011. Wenn sich das so fortsetzen sollte, dann käme die nächste Spitze erst wieder in 20 Jahren.

Drittens sind Goldinvestments trotz der geringen Preisbewegungen rentabel. Ein Barren, der von 1790 bis heute gehalten wurde, erbrachte durch die Preissteigerungen eine "Verzinsung" von knapp 2 Prozent p. a. Das ist aus heutiger Sicht gar nicht so schlecht. Wer Barren "nur" von 1950 bis heute hielt, erzielte eine Rendite von 5 Prozent p. a. Wenn man die Rendite für die Zeit seit der Freigabe des Goldpreises 1970 rechnet, ergibt sich sogar ein Wert von 7,5 Prozent p. a. Das ist mehr als das, was man in dieser Zeit mit Aktien verdienen konnte.

Bei diesen Berechnungen muss man allerdings berücksichtigen, dass der private Goldbesitz lange Zeit verboten war. In Deutschland wie in anderen Industrieländern ist er erst seit 1970 wieder erlaubt. Insofern sind die Renditen zum Teil nur theoretisch. Im Übrigen bezieht sich all das auf die Vergangenheit. Ob es auch in Zukunft so sein wird, weiß niemand. Der Preis eines einzelnen Metalls ist natürlich immer mit Risiken verbunden.

Für Anleger

Gold als Schutz gegen Krisen zu halten, ist nicht mehr als Gambling. Niemand weiß, ob der Goldpreis in der nächsten Krise steigt. Gold sollte als Langfristanlage gesehen werden. Über 20 oder 30 Jahre kann man bei Gold mit Preissteigerungen rechnen. Dann ist Gold als Asset-Klasse interessant.

von Martin Hüfner
22. August 2018 © Assenagon

Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon. Viele Jahre war er Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG und Senior Economist der Deutschen Bank AG. Er leitete fünf Jahre den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung in Brüssel. Zudem war er über zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender beziehungsweise Vorsitzender des Wirtschafts- und Währungsausschusses des Bundesverbandes Deutscher Banken und Mitglied des Schattenrates der Europäischen Zentralbank, den das Handelsblatt und das Wallstreet Journal Europe organisieren. Dr. Martin W. Hüfner ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem "Europa – Die Macht von Morgen" (2006), "Comeback für Deutschland" (2007), "Achtung: Geld in Gefahr" (2008) und "Rettet den Euro!" (2011).

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