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30.03.2016 15:34:06
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Kolumne

Hüfners Wochenkommentar: "Chaos auf den Weltaktienmärkten"



Hüfner sieht in vielen Industrie- wie Schwellenländern große Abweichungen zwischen den volkswirtschaftlichen Verhältnissen und der Entwicklung der Märkte. Und leitet daraus eine Empfehlung für Anleger ab.
30. März 2016. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Wenn man sich die Finanzmärkte mit der Brille des Volkswirtes anschaut, so scheint das Anlageuniversum klar zu sein. Die Welt ist zweigeteilt. Die Industrieländer stehen recht ordentlich da. Sie wachsen weiter, wenn auch nicht mehr so stark wie im vorigen Jahr. Die monetären Bedingungen sind gut. Da müsste man getrost investieren können. Auf der anderen Seite sollten sich Anleger in Schwellen- und Entwicklungsländern eher zurückhalten. Das Wachstum in dieser Region schwächt sich ab. Es gibt zum Teil erhebliche politische Probleme. Die Zentralbanken müssen die Zinsen hochhalten, um die Inflation zu bekämpfen und den Wechselkurs zu stabilisieren. Das ist kein gutes Umfeld für die Börsen.

So die Sicht des Volkswirtes. Schaut man sich aber die tatsächliche Entwicklung der Börsen an, so stellt sich die Lage ganz anders dar. In der Grafik habe ich die Entwicklung der Aktienkurse seit Jahresbeginn aufgezeigt. Daraus geht hervor, dass die Schwellen- und Entwicklungsländer die Industriestaaten in Sachen Aktien-Performance weit abhängen. Die Aktienkurse stiegen hier in den vergangenen drei Monaten zum Teil stark an. In den Industriestaaten überwogen in dieser Zeit dagegen die Minuszeichen. Das passt nicht zusammen.

Verkehrte Aktienwelt


Veränderung der Aktienindizes seit Jahresbeginn in %, lokale Währung. Quelle: Economist


Auch wenn man sich die Struktur innerhalb der einzelnen Ländergruppen anschaut, zeigen sich viele Ungereimtheiten. Nehmen Sie Brasilien. Das Land steckt in einer tiefen Rezession. Es gibt soziale Unruhen. Die Staatspräsidentin droht abgesetzt zu werden. Und der Aktienindex Bovespa? Er hat seit Jahresbeginn um 18 Prozent zugelegt. Oder Russland. Es leidet unter den niedrigen Ölpreisen und den Sanktionen des Westens. Die reale Wirtschaftsleistung geht stark zu¬rück. Gleichwohl hat der Aktienindex RTS um 8 Prozent zugelegt. Ähnlich in Venezuela mit einem Plus von 2 Prozent.

Verglichen mit diesen Ländern geht es China fundamental gesehen nach wie vor "gold". Das Wachstum schwächt sich hier zwar ab, es liegt aber immer noch bei über 6 Prozent. Trotzdem steigen die Aktienkurse nicht an, sondern sind seit Jahresbeginn um 15 Prozent gefallen. Auch in Indien gingen die Kurse zurück, obwohl das Land in puncto Wachstum, Reformen und politischer Stabilität wesentlich besser dasteht als viele Staaten der Dritten Welt.

Das einzige Schwellenland, in dem die Aktienmärkte das fundamentale Bild einigermaßen korrekt widerspiegeln, ist Argentinien. Hier hat zu Jahresbeginn ein neuer Staatspräsident sein Amt angetreten. Er will das Land reformieren und nach den Turbulenzen der letzten Jahre wieder in die globale Wirtschaft eingliedern. Die Börse hat das mit einem Plus von 11 Prozent seit Anfang Januar honoriert.

In den Industrieländern ist der Unterschied zwischen den Fundamentalfaktoren und dem tatsächlichen Geschehen an den Märkten nicht ganz so krass. Aber richtig in Ordnung ist es auch nicht. Schauen Sie sich die Verhältnisse diesseits und jenseits des Atlantiks an. Eigentlich müssten sich die Börsen in Europa wegen der lockeren Geldpolitik besser entwickeln als in den USA. Die EZB hat zuletzt beschlossen, die Liquidität noch einmal kräftig aufzustocken. Umgekehrt ist die Federal Reserve dabei, die Zinsen zu erhöhen. Trotzdem hat sich der EURO STOXX 50 mit minus 6 Prozent wesentlich schlechter entwickelt als der Dow Jones (plus 1 Prozent).

Allein in Japan passen die volkswirtschaftlichen Verhältnisse zu der Entwicklung der Märkte. Das Wachstum kommt nicht in Fahrt. Die Preise bleiben trotz ultralockerer Geldpolitik im Tief. Die Aufwertung des Yen knabbert an den Gewinnen der Unternehmen. Folgerichtig ist der Nikkei-Index um 10 Prozent zurückgegangen.

Nun sind Unterschiede zwischen den volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen und der tatsächlichen Entwicklung der Märkte nichts Neues. Man kann Fundamentaldaten nicht 1:1 in Marktentwicklungen übersetzen. Das gilt vor allem dann, wenn man so kurze Zeiträume vergleicht wie die vergangenen drei Monate. Solche Diskrepanzen können viele Gründe haben. Da spielt die unterschiedliche Liquidität der Märkte eine Rolle ebenso wie verschiedene Wirtschaftsstrukturen. Schwellen- und Entwicklungsländer sind in der Regel stärker von den Rohstoffpreisen abhängig. Es kann auch daran liegen, dass sich die Märkte in unterschiedlichen Phasen befinden. Der russische RTS beispielsweise hat in den letzten fünf Jahren 50 Prozent verloren, der amerikanische Dow Jones dagegen 40 Prozent gewonnen. Das sind natürlich ganz andere Investitionsbedingungen.

Wenn die Unterschiede zwischen Fundamentaldaten und Marktentwicklungen aber so groß werden, wie sie sich derzeit darstellen, muss man aufpassen. Es ist ein Zeichen dafür, dass es den Märkten an Orientierung fehlt. Investoren wissen nicht, wohin die Reise geht. Sie verlegen sich daher auf kurzfristige Strategien. Dabei kommen Titel der Schwellen- und Entwicklungsländer wegen des insgesamt niedrigeren Kursniveaus derzeit zwangsläufig besser weg. Phasen der Unsicherheit sind daher immer auch Zeiten, in denen es größere Bewegungen auf einzelnen Märkten geben kann.

Für Anleger

Die Diskrepanz zwischen Fundamentalfaktoren und Marktentwicklung ist ein Warnzeichen. Wenn den Märkten der Kompass fehlt, schichten die Anleger häufiger um und es kann zu größeren Schwankungen kommen. Wenn Sie in diesen Zeiten investieren, sollten Sie nicht nur auf die volkswirtschaftlichen Daten achten. Legen Sie daher nicht nur in Industriestaaten an. Schauen Sie daneben auch auf die Schwellen- und Entwicklungsländer. Dort kann es für kurzfristig orientierte Investoren zu interessanten Konstellationen kommen. Schließlich erneut mein allgemeines Kredo: Streuen Sie Ihre Anlagen regional, um Risiken zu vermeiden.

von: Martin Hüfner
© 30. März 2016 - Assenagon

Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon. Viele Jahre war er Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG und Senior Economist der Deutschen Bank AG. Er leitete fünf Jahre den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung in Brüssel. Zudem war er über zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender beziehungsweise Vorsitzender des Wirtschafts- und Währungsausschusses des Bundesverbandes Deutscher Banken und Mitglied des Schattenrates der Europäischen Zentralbank, den das Handelsblatt und das Wallstreet Journal Europe organisieren. Dr. Martin W. Hüfner ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem "Europa – Die Macht von Morgen" (2006), "Comeback für Deutschland" (2007), "Achtung: Geld in Gefahr" (2008) und "Rettet den Euro!" (2011).

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.

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