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Kolumne

Hüfners Wochenkommentar: "Jetzt US-Bonds kaufen?"



Hüfner skizziert fünf Gründe, warum man trotz verlockend stark anziehender Zinsen nicht in US-amerikanische Anleihen investieren solle.
29. August 2018. MÜNCHEN (Assenagon). In jüngster Zeit hört man immer häufiger, dass die Renditen in den USA ein Niveau erreicht haben, das für langfristige Investoren wieder interessant ist. Wer in Europa für erstklassige Staatsanleihen gerade mal 0,3 Prozent an Kupon bekommt, überlegt es sich schon, ob er nicht doch lieber in entsprechende US-Papiere investiert. Dort liegt die Rendite bei knapp 3 Prozent. Soll man also in US-amerikanische Rentenanlagen wechseln? Ich rate ab, auch wenn es dem einen oder anderen nicht gefällt.

Zugegeben, der Chart sieht interessant aus. Über Jahrzehnte sind die Renditen in den USA und im Euroraum weitgehend parallel gelaufen. Wenn es in den USA nach oben ging, dann stiegen auch die Renditen in Europa und umgekehrt. Das war eine Konstante, auf die man sich verlassen konnte. Die beiden Renditeniveaus waren von der Größe zwar nicht ganz gleich. Der Abstand zwischen den beiden betrug im Schnitt aber nicht mehr als einen halben Prozentpunkt (seit 1990).

Jetzt ist es damit plötzlich vorbei. Seit die Federal Reserve auf einen Kurs der geldpolitischen Normalisierung umgeschwenkt ist, steigen die US-Zinsen an. Die europäischen gingen dagegen lange Zeit weiter zurück. Der Abstand zwischen beiden hat sich bei gleicher Laufzeit und Bonität auf 2,5 Prozentpunkte ausgeweitet. Allein seit Jahresbeginn ist er noch einmal um einen halben Prozentpunkt größer geworden.



Renditedifferenz?


Zinsen 10-jährige Staatsanleihen in Prozent


Wenn das kein Kaufsignal ist! Mit dem heutigen Niveau der US-amerikanischen Bondzinsen kann man zwar nicht reich werden. Aber man kann doch wieder Geld verdienen, zumal die Renditen aus europäischer Sicht über der Preissteigerungsrate liegen. Andererseits bleibt die Welt nicht stehen. Ein Kauf US-amerikanischer Treasuries lohnt sich nur, wenn die Differenz der Zinsen nicht noch größer wird. Danach sieht es aber in der Tat aus. Hier ein paar Argumente.

Ein Grund für das Auseinanderlaufen der Zinsen sind die unterschiedlichen konjunkturellen Gegebenheiten diesseits und jenseits des Atlantiks. Auf beiden Seiten lief es im vorigen Jahr bei voll ausgelasteten Kapazitäten und weitgehender Vollbeschäftigung gut. Die Wachstumsraten waren in etwa gleich hoch. Jetzt aber hat die US-Wirtschaft durch die Steuerreform einen neuen Push bekommen. Er führt dazu, dass das Sozialprodukt in Amerika in diesem und dem nächsten Jahr erheblich schneller wachsen wird als das in Europa. Es wäre überraschend, wenn sich das nicht auf die Zinsen auswirken würde.

Ein zweiter Grund ist die Inflation. Tatsächlich steigen die Preise in den Vereinigten Staaten aktuell mit 2,9 Prozent bei den Verbraucherpreisen schneller als im Euroraum mit 2,1 Prozent. Es könnte sein, dass sich die Inflation in den Vereinigten Staaten nicht zuletzt aufgrund der Handelsrestriktionen stärker erhöht als in Europa. Das würde die Zinsen dort noch stärker nach oben treiben, auch wenn es sicher richtig ist, dass die US-Amerikaner nicht so sensibel auf Preissteigerungen reagieren wie Europäer.

Die Geldpolitik ist in den USA sehr viel "hawkischer" als in Europa. So wie es jetzt aussieht, wird die Europäische Zentralbank die Leitzinsen zum ersten Mal im Sommer 2019 erhöhen. Bis dahin wird die Fed vermutlich noch vier Mal an der Zinsschraube drehen. Die Fed Funds werden dann bei knapp 3 Prozent notieren. Der Einlagenzins der EZB wird dann immer noch bei minus 0,4 Prozent liegen, die Hauptrefinanzierungsfazilität bei Null. Das übersetzt sich natürlich nicht eins zu eins in den Kapitalmarkt. Ich würde mich aber wundern, wenn es sich nicht auch am langen Ende des Marktes zinstreibend auswirkt. Andernfalls würde die Zinsstruktur in den USA invers, was dann entsprechende Konsequenzen für die Konjunktur hätte. In jedem Fall steigen die amerikanischen Zinsen stärker als die europäischen.

Weiterer Punkt: Die öffentlichen Defizite sind in den USA schon jetzt höher als in Europa. In den Vereinigten Staaten betrug allein der Fehlbetrag des Bundes im vorigen Jahr 3,4 Prozent des Sozialproduktes, verglichen mit 1,1 Prozent Fehlbetrag beim Gesamtstaat im Euroraum. Das Defizit wird in den USA wegen der Steuerreform noch weiter deutlich steigen. Es ist klar, dass dies die Renditen langfristiger Staatsanleihen in Amerika nach oben treibt.

Schließlich darf man auch die Wertpapierkäufe der Zentralbanken nicht vergessen. Die Federal Reserve ist derzeit dabei, Wertpapiere aus ihrem Portefeuille wieder zu verkaufen. Das erhöht tendenziell die Zinsen. Die EZB wird dagegen zum Jahresende nur damit aufhören, neue Papiere zu erwerben. An einen Verkauf der Wertpapiere denkt hierzulande noch niemand. Auch das müsste dazu führen, dass die langfristigen Zinsen in den USA stärker steigen.

Natürlich ist nichts ohne Risiko. Was die US-Zinsen derzeit trotz allem noch so niedrig hält, sind die politischen und wirtschaftlichen Risiken in der Welt. Fluchtgelder, die aus den Krisenherden abfließen, gehen zum überwiegenden Teil nicht in den Euro, sondern in den Dollar und drücken dort das Zinsniveau. Auch das wird weitergehen.

Für Anleger

Im Augenblick sind die Zinsen an den europäischen Bondmärkten für erstklassige Bonitäten zu niedrig. Anleger verlieren wegen der erheblich höheren Preissteigerung Geld. Vordergründig macht es daher Sinn, in den USA zu investieren. Ich würde es trotzdem nicht tun. Ich vermute nämlich, dass die US-amerikanischen Renditen weiter und schneller steigen als die europäischen. Hinzu kommen die Wechselkursrisiken. Ein Renditevorteil von 2, 3 Prozentpunkten kann durch entsprechende Wechselkursveränderungen in wenigen Tagen verloren gehen. Niemand weiß, ob das wirklich geschieht. Es ist aber kein Fehler, sich darauf vorzubereiten.

von Martin Hüfner
29. August 2018 © Assenagon

Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon. Viele Jahre war er Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG und Senior Economist der Deutschen Bank AG. Er leitete fünf Jahre den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung in Brüssel. Zudem war er über zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender beziehungsweise Vorsitzender des Wirtschafts- und Währungsausschusses des Bundesverbandes Deutscher Banken und Mitglied des Schattenrates der Europäischen Zentralbank, den das Handelsblatt und das Wallstreet Journal Europe organisieren. Dr. Martin W. Hüfner ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem "Europa – Die Macht von Morgen" (2006), "Comeback für Deutschland" (2007), "Achtung: Geld in Gefahr" (2008) und "Rettet den Euro!" (2011).

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