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23.03.2016 13:20:52
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Kolumne

Hüfners Wochenkommentar: Kein "L" bei den Ölpreisen



Hüfner analysiert die Ölpreisentwicklung und zieht Parallelen zu zurück liegenden Niedrigpreisphasen - allein keine Zeichen für eine schnelle Verteuerung, aber auch kein langfristiger Zustand.
23. März 2016. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Für Konjunktur, Inflation und Finanzmärkte ist die Entwicklung der Ölpreise zu einem entscheidenden Faktor geworden. Geht es mit dem Ölpreis wieder nach oben, dann wird, so die allgemeine Annahme, alles wieder gut. Die Konjunktur erholt sich, die Inflation kommt wieder auf vertretbare Größenordnungen. Sinkt der Ölpreis, dann muss mit Rezession, Deflation und vielleicht auch einem Crash an den Finanzmärkten gerechnet werden. Auf was soll man sich einstellen?

Zur Überraschung vieler hat sich der Ölpreis in den vergangenen zwei Monaten kräftig erholt. Mitte Januar lag er noch bei 28 US-Dollar je Barrel (gemessen an Nordseeöl Brent). Inzwischen steht er bei 42 US-Dollar. Das ist eine Zunahme von 50 Prozent. Eigentlich sollte man erwarten, dass der Tiefpunkt damit endgültig hinter uns liegt. Aber die meisten Beobachter bleiben vorsichtig. Sie trauen dem Braten nicht, zumal nicht klar ist, warum die Preise so gestiegen sind.

Zyklen der Ölpreise


Jeweils Höhepunkt = 100, WTI Abszisse: Monate nach dem Höhepunkt. Quelle: Fred


Ich habe mir dazu einmal die Preisbewegungen in der Vergangenheit angeschaut. Natürlich wiederholt sich die Geschichte nicht. Man kann auch keine zwingenden Schlussfolgerungen aus früheren Entwicklungen ziehen. Die Historie gibt aber manchmal nützliche Ideen und Hinweise. In den vergangenen vierzig Jahren sind die Ölpreise insgesamt drei Mal so stark eingebrochen wie heute. Siehe dazu die Grafik. Vergleicht man diese Preiszyklen, so zeigt sich:

Erstens: Gemessen an der Vergangenheit müsste der Tiefpunkt der Preise inzwischen weitgehend erreicht sein. Noch nie ist der Ölpreis stärker gefallen als diesmal. Meist gingen die Ölpreise in den ersten Monaten sehr stark nach unten, dann folgte eine Stabilisierung.

Zweitens: Den starken Anstieg der Ölpreise in den vergangenen zwei Monaten sollte man nicht zu ernst nehmen. So etwas gab es früher immer wieder. Vor einem Jahr beispielsweise stiegen die Ölpreise in wenigen Monaten um über 40 Prozent. Die Bewegung endete dann aber abrupt und führte zu neuen Tiefs. Auch davor waren solche vorübergehenden Schwankungen nicht ungewöhnlich.

Drittens: Hinsichtlich des weiteren Verlaufs der Preise gibt es nach den Erfahrungen der Vergangenheit verschiedene Möglichkeiten. Es gibt das "V", in dem die Preise zuerst stark nach unten gehen und sich dann wieder im gleichen Tempo erhöhen. Es gibt das "U", in dem die Preise zuerst fallen, dann eine Weile unten bleiben und erst am Schluss nach oben geben. Es gibt auch Kombinationen aus "U" und "V". Was es aber nicht gibt - und das ist wichtig - ist das "L". Das heißt, die Ölpreise bleiben nach der Abwärtsbewegung nicht ewig so niedrig, sondern gehen irgendwann wieder nach oben. Das ist tröstlich.

Viertens: Auch hinsichtlich der Länge der Preiszyklen gibt es keine feste Regel. Die bisherigen Zyklen dauerten zwischen drei und fünf Jahren. Der jetzige Zyklus ist noch nicht einmal zwei Jahre alt. Wir müssen uns, gemessen an der Vergangenheit, also noch auf zwei bis drei Jahre mit niedrigen Ölpreisen einstellen.

Das sind natürlich alles nur formale Parallelen. Um sie zu beurteilen, muss man nach den treibenden Kräften fragen, die dahinter stehen. Warum sollte es am Ölmarkt überhaupt wieder bergauf gehen?

Die meisten verweisen hier auf die konjunkturelle Nachfrage, auf die Entwicklung von Lagerbeständen und der Zahl der Ölplattformen in den USA. Das führt meines Erachtens nicht viel weiter. Der Ölmarkt ist kein Markt wie jeder andere, auf dem sich die Preise langfristig auf dem Niveau der Kosten einpendeln. Er ist ein Oligopol mit wenigen Anbietern und einer Vielzahl von Nachfragern. Alles hängt davon ab, welche Politik die Oligopolisten, also die großen Ölproduzenten, verfolgen. Bisher hat vor allem Saudi Arabien die Preise nach unten gedrückt, um die Amerikaner aus dem Markt zu drängen. Entscheidend ist, wie lange das Land diesen Kurs durchhalten kann.

Ich vermute, dass das nicht mehr allzu lange der Fall sein wird. Bereits jetzt sind die Finanzen des Landes knapp. Das Haushaltsdefizit beträgt rund 15 Prozent des BIP. Das Land spricht davon, Teile seines "Tafelsilbers" (insbesondere seine eigene Ölgesellschaft Aramco) zu veräußern. Es muss sich bei Banken verschulden - eine Vorstellung, die noch vor ein paar Jahren absurd erschienen wäre. Es hat sich bereits mit seinem "Erzfeind" Russland getroffen, um eine Begrenzung des Angebots zu erreichen. Ich wäre nicht überrascht, wenn es in nicht allzu ferner Zeit zu einer Kürzung der Förderung kommt mit der Folge, dass der Ölpreis steigt.

Für den Anleger

So wie es aussieht, werden die Ölpreise nicht so niedrig bleiben. Im zweiten Halbjahr werden sie etwas höher sein als im ersten. Es wird aber nicht schnell und steil wieder nach oben gehen. Dazu sind die Läger zu voll; zudem drängen große Ölproduzenten wie Iran, Irak, Russland, aber auch Nigeria und Venezuela darauf, ihre Förderung auszudehnen. Erwarten Sie an den Kapitalmärkten nicht zu viel von niedrigeren Ölpreisen. Es wird eine vorübergehende Entlastung der Weltwirtschaft geben. Die Angst vor einer Rezession nimmt ab. Die Inflation geht wieder nach oben, Kreditrisiken im Energiebereich verringern sich. Andererseits gibt es neue Probleme. Die Renditen werden steigen mit entsprechenden Kursverlusten bei Festverzinslichen. Rohstoffaktien dürften sich zwar gut entwickeln. Das allgemeine Klima an den Aktienmärkten wird aber eher leiden, wenn die Zinsen nach oben gehen.

von: Martin Hüfner
© 23. März 2016 - Assenagon

Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon. Viele Jahre war er Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG und Senior Economist der Deutschen Bank AG. Er leitete fünf Jahre den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung in Brüssel. Zudem war er über zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender beziehungsweise Vorsitzender des Wirtschafts- und Währungsausschusses des Bundesverbandes Deutscher Banken und Mitglied des Schattenrates der Europäischen Zentralbank, den das Handelsblatt und das Wallstreet Journal Europe organisieren. Dr. Martin W. Hüfner ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem "Europa - Die Macht von Morgen" (2006), "Comeback für Deutschland" (2007), "Achtung: Geld in Gefahr" (2008) und "Rettet den Euro!" (2011).

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.

Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon. Viele Jahre war er Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG und Senior Economist der Deutschen Bank AG. Er leitete fünf Jahre den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung in Brüssel. Zudem war er über zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender beziehungsweise Vorsitzender des Wirtschafts- und Währungsausschusses des Bundesverbandes Deutscher Banken und Mitglied des Schattenrates der Europäischen Zentralbank, den das Handelsblatt und das Wallstreet Journal Europe organisieren. Dr. Martin W. Hüfner ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem "Europa – Die Macht von Morgen" (2006), "Comeback für Deutschland" (2007), "Achtung: Geld in Gefahr" (2008) und "Rettet den Euro!" (2011).

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