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14.12.2018 10:42:08
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Kolumne

Hüfners Wochenkommentar: "Loblied auf höhere Zinsen"



Hüfner nennt zehn Gründe, warum höhere Zinsen gut für Wirtschaft und Gesellschaft wären.
14. Dezember 2018. MÜNCHEN (Assenagon). Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, erklärt auch in dieser Woche wieder, mit wie viel Risiken Konjunktur und Inflation noch behaftet sind. Die Zinsen müssten daher vorerst noch niedrig bleiben. Das leuchtet jedem Makroökonomen ein (jedenfalls vielen). Dies insbesondere in der aktuellen Situation, in der sich die Konjunktur abschwächt.

Aber Makroökonomie ist nicht alles. Was oft verdrängt wird: Viele der heutigen Probleme in Wirtschaft und Gesellschaft sind auf die zu niedrigen Zinsen zurückzuführen. Wenn sie noch lange auf diesem Niveau bleiben, entstehen Schäden, die in dieser Generation vielleicht nicht mehr gut zu machen sind. Ich will hier einmal zehn Gründe aufzählen, weshalb wir höhere Zinsen brauchen.

Dabei verstehe ich unter höheren Zinsen ein Niveau, das ausreicht, um die bestehenden Ungleichgewichte in der Volkswirtschaft zu beseitigen. Das wären unter den gegenwärtigen Bedingungen rund 3 Prozent für zehnjährige Bundesanleihen (1,5 Prozent reales Wachstum plus 1,5 Prozent Preissteigerung). Zuletzt hatten wir solche Zinsen vor acht Jahren (Grafik). Davor waren die Zinsen in Deutschland immer höher.



Zu niedrig


Rendite 10-jähriger Bundesanleihen


Höhere Zinsen sind notwendig, erstens weil die Altersvorsorge sonst gefährdet ist. Wie will ein Privatmann bei Renditen von fast Null Prozent ausreichend für sein Alter vorsorgen? Die gesetzliche Rentenversicherung wird bei der absehbaren demografischen Entwicklung jedenfalls nicht in der Lage sein, auskömmliche Renten zu bezahlen und Altersarmut zu verhindern.

Zweitens brauchen wir höhere Sätze, um die Ungleichheit in der Gesellschaft nicht noch weiter zu verstärken. Die Reicheren profitieren von der höheren Rendite bei Aktien und Renten. Die Ärmeren sind auf Spareinlagen angewiesen, die nichts oder fast nichts abwerfen. Je länger die Zinsen so niedrig sind, umso größer wird die Ungleichheit.

Drittens sind höhere Zinsen nötig, um zu verhindern, dass die öffentliche Hand sich noch mehr verschuldet. Das ist in Deutschland im Augenblick vielleicht nicht das größte Problem (anders als in anderen Ländern). Aber auch hier wären höhere Zinsen hilfreich, den Finanzminister zu mehr Disziplin zu zwingen. Man hat schon manchmal den Eindruck, dass er aus dem Vollen wirtschaftet.

Viertens sind höhere Zinsen erforderlich, damit die Verschuldung von Unternehmen und Konsumenten nicht noch weiter steigt. Je länger sie so niedrig sind, umso größer der Anreiz, Kredite auch dann aufzunehmen, wenn Bedienung und Rückzahlung bei höheren Sätzen nicht unbedingt gewährleistet sind. Wenn die Zinsen dann doch steigen, drohen Zahlungsschwierigkeiten. Das ist genau das, was derzeit in Italien zu beobachten ist.

Fünftens brauchen wir höhere Zinsen zur Sicherung eines stabilen Finanzsystemes. Banken gehen bei den derzeitigen Sätzen mehr Risiken ein, um überhaupt noch Geld zu verdienen. Versicherungen haben Schwierigkeiten, aus ihren Kapitalanlagen die versprochenen Auszahlungen zu leisten. Kapitalsammelstellen können weniger ausschütten. Ein gesundes Finanzsystem ist aber Voraussetzung für eine funktionierende Volkswirtschaft.

Sechstens helfen höhere Zinsen, Fehlinvestitionen in der Wirtschaft zu vermeiden. Der Zins trennt bei Investitionen die Spreu vom Weizen. Wenn er zu niedrig ist, werden auch Maschinen und Ausrüstungen angeschafft und Bauten erstellt, die unter normalen Bedingungen nicht rentabel wären. Das kann sich später rächen.

Siebtens sind höhere Zinsen ein Rezept gegen spekulative Blasen an den Immobilienmärkten. Die überhöhten Preise für Grundstücke und Häuser in vielen Regionen Deutschlands und anderswo sind nicht zuletzt auf die niedrigen Finanzierungskosten zurückzuführen. Sie führen zu Wohnungsnot und hohen Mieten wenn an den falschen Stellen gebaut wird.

Achtens: Höhere Zinsen helfen auch gegen überzogene Bewertungen an den Aktien- und Rentenmärkten. Sie würden die Verhältnisse an den Kapitalmärkten wieder auf eine vernünftige Basis stellen.

Schließlich zwei generelle Punkte. Neuntens: Der Zins ist der Preis der Zukunft verglichen mit der Gegenwart. Je niedriger die Zinsen, umso weniger kümmern sich die Menschen um die Zukunft und umso mehr schauen sie auf die Gegenwart. Damit gerät das Wertesystem einer Gesellschaft in Unordnung. Es wird weniger gespart und investiert. Die Menschen leben von der Hand in den Mund. Das ist nicht gut.

Zehntens: Niedrige Zinsen begünstigen Schuldner und belasten Gläubiger. In der Gesellschaft überwiegen aber rein zahlenmäßig die Gläubiger. Es ist also nicht verwunderlich, dass es bei der Mehrheit eine verbreitete Unzufriedenheit in Gelddingen gibt. Nimmt man dazu noch die Spaltung der Gesellschaft in die von den Zinsen profitierenden "Eliten" und die weniger glückliche breite Masse der Bevölkerung, so hat man zwei wichtige Wurzeln des heutigen Populismus. Er ist einerseits ein Produkt der niedrigen Zinsen. Andererseits treten Populisten wieder für niedrige Zinsen ein. Ein fataler Zirkel.

Für Anleger

Normalerweise sind höhere Zinsen ein schlechtes Signal. Die Konjunktur schwächt sich ab, die Inflation nimmt zu und als Folge davon entwickeln sich auch Aktien und Rentenkurse negativ. Das gilt jedoch nur kurzfristig. Sowie der Markt versteht, dass die Überwindung der niedrigen Zinsen die Wirtschaft wieder auf eine gesündere Grundlage stellt, dreht sich die Stimmung und die Märkte reagieren positiv.

von Martin Hüfner
13. Dezember 2018 © Assenagon



Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon. Viele Jahre war er Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG und Senior Economist der Deutschen Bank AG. Er leitete fünf Jahre den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung in Brüssel. Zudem war er über zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender beziehungsweise Vorsitzender des Wirtschafts- und Währungsausschusses des Bundesverbandes Deutscher Banken und Mitglied des Schattenrates der Europäischen Zentralbank, den das Handelsblatt und das Wallstreet Journal Europe organisieren. Dr. Martin W. Hüfner ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem "Europa – Die Macht von Morgen" (2006), "Comeback für Deutschland" (2007), "Achtung: Geld in Gefahr" (2008) und "Rettet den Euro!" (2011).

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.


Bildquelle: Quelle: Bundesbank
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