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16.03.2017 16:37:03
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Kolumne

Hüfners Wochenkommentar: "Populismus und Arbeitslosigkeit"



Martin Hüfner analysiert den Arbeitsmarkt und erläutert, warum Deutschland bei Wachstum und Beschäftigung noch lange nicht am Ziel sei.
16. März 2017. MÜNCHEN (Assenagon). Jeder weiß, dass es einen Zusammenhang zwischen Populismus und der wirtschaftlichen Lage gibt. Der amerikanische Präsident Trump wäre nicht gewählt worden, wenn es den USA wirtschaftlich besser gegangen wäre. Marine Le Pen hätte weniger Erfolg, wenn die Arbeitslosigkeit in Frankreich geringer wäre. Der frühere US-Präsident Clinton hat das auf die griffige Formel gebracht: "It's the economy, stupid".

Gemessen daran dürfte es in Deutschland eigentlich keine Probleme geben. Die Wirtschaft läuft gut. Die Exportunter-nehmen feiern einen Rekord nach dem anderen. Die Ar-beitslosigkeit geht trotz des Zustroms der Flüchtlinge Monat für Monat zurück. Deutschland war in der großen Finanzkrise das einzige Industrieland, das keinen größeren Anstieg der Arbeitslosenzahlen hatte.

Aber wie kommt es dann, dass es auch in Deutschland immer mehr Radikale gibt und die AfD erstaunlich viele Anhänger hat? Manche führen das auf die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen zurück oder auf mangelnde Sozialleistungen. Sie fordern daher unter anderem eine Deckelung der Manager-Gehälter oder eine Ausweitung der Sozialleistungen. Das alles mag eine Rolle spielen. Es gibt aber noch einen viel einfacheren, naheliegenderen Grund: Die wirtschaftliche Lage ist nicht so gut, wie viele meinen.



Ich habe mir dazu einmal die Arbeitslosenstatistik in Deutschland genauer angeschaut (siehe Grafik). Die Zahlen sind nämlich gar nicht so brillant, wie immer wieder gesagt wird. Die Arbeitslosenquote liegt bei 5,9 Prozent. Sie ist erheblich höher als beispielsweise in den USA (4,7 Prozent). Sie geht zwar zurück, aber bei weitem nicht so stark, wie in vergleichbaren Zeiten früher. Es gibt in Deutschland immer noch 2,6 Millionen Arbeitslose, aber nur 690.000 offene Stellen. Ich erinnere mich noch an Zeiten, wo es mehr offene Stellen als Arbeitslose gab.

Deutschland hat heute so viele Arbeitslose wie in den schwierigen Jahren unmittelbar nach der Wiedervereinigung. In den 60er und 70er Jahren des vorherigen Jahrhunderts, einschließlich der Weltrezession 1975 war die Arbeitslosenquote wesentlich niedriger. In den 60er Jahren lag die Quote unter einem Prozent, die Zahl der Arbeitslosen manchmal sogar unter 100.000. Das war damals vielleicht etwas zu viel des Guten.

Hohe Arbeitslosigkeit - Arbeitslose in Prozent der zivilen Erwerbspersonen, Deutschland

Quelle: Bundesbank

Nun muss man bei der Bewertung und dem internationa- len Vergleich der Arbeitslosigkeit berücksichtigen, dass sie in den einzelnen Ländern unterschiedlich berechnet wird. Schaltet man diese Effekte aus, dann sieht es für Deutschland etwas besser aus. Die OECD gibt die bereinigte Arbeitslosigkeit mit 3,9 Prozent an verglichen mit 4,7 Prozent in den USA (Österreich 5,7 Prozent). Gut ist das aber immer noch nicht.

Nun gibt es natürlich Gründe, weshalb die Arbeitslosigkeit heute höher ist als früher. Die Welt hat sich verändert. Die regionale Mobilität ist niedriger. Die fachlichen Anforderungen sind gestiegen. Nicht jeder kann sie noch erfüllen. Es gibt mehr alte Menschen, die nicht mehr für alle Stellen oder für alle Unternehmen in Frage kommen. Die soziale Absicherung der Arbeitslosen ist besser. Andererseits sind das keine Naturgesetze. In den USA, wo es die gleichen Veränderungen gibt, ist die Arbeitslosigkeit heute so hoch wie vor sechzig Jahren.

Manche verweisen auf die wachsende Zahl der Flüchtlinge, die den Arbeitsmarkt belasten. Das fängt aber jetzt erst an zu wirken. Für die Vergangenheit ist es nicht verantwortlich.

Festzuhalten ist in jedem Fall: Es gibt in Deutschland über 2,5 Millionen Menschen, die gerne arbeiten würden, aber keinen Job haben. Wenn man dazu noch die Angehörigen berücksichtigt, kommt man sicher auf 4 bis 5 Millionen Menschen, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Sie sind mit ihrer eigenen wirtschaftlichen Lage und mit der Lage im Land unzufrieden und können das in Wahlen zum Ausdruck bringen.

Dazu könnte man dann noch all die zählen, die in niedrig bezahlten Jobs arbeiten oder die zu Teilzeitarbeit gezwungen sind. Ferner die Familien, die von Hartz IV leben müssen (4,3 Millionen im Jahr 2016). Insgesamt ist es sicherlich nicht zu hoch gegriffen, wenn man die Zahl derer, die in ungenügenden wirtschaftlichen Verhältnissen leben, auf über 10 Millionen beziffert.

Niemand wird behaupten, dass sie alle radikal oder Populisten sind. Aber es sind diese wirtschaftlichen Verhältnisse, die zu Unzufriedenheit und Instabilität in der Gesellschaft führen. Die Deutschen sollten sich daher nicht damit beruhigen, dass die Arbeitslosigkeit niedrig ist und es dem Land gut geht und dass es eigentlich keinen Grund für Populismus gibt. Wichtig ist, dass weiter mehr für Wachstum und Beschäftigung getan wird. Dazu gehören mehr Bildung und Ausbildung, mehr berufliche Qualifikation und mehr regionale Mobilität. Dass man die Arbeitslosigkeit damit noch erheblich unter das gegenwärtige Niveau senken kann, zeigen die früheren Jahre. Natürlich muss es darüber hinaus auch Sozialleistungen geben. Aber sie müssen nach dem Prinzip des Förderns und Forderns organisiert werden.

Für den Anleger

Deutschland ist bei Wachstum und Beschäftigung noch lange nicht am Ziel. Die Wirtschaftspolitik hat genug Grund, die Wirtschaft durch Reformen weiter zu fördern und wettbewerbsfähiger zu machen. Das sind gute Nachrichten für die Kapitalmärkte. Denn auch sie profitieren von niedrigeren Arbeitslosenzahlen und einer stabilen Gesellschaft. Die Aktienkurse haben längerfristig gesehen das Ende der Fahnenstange auch von dieser Warte her gesehen noch nicht erreicht.

von Dr. Martin Hüfner
16. März 2017, © Assenagon

Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon. Viele Jahre war er Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG und Senior Economist der Deutschen Bank AG. Er leitete fünf Jahre den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung in Brüssel. Zudem war er über zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender beziehungsweise Vorsitzender des Wirtschafts- und Währungsausschusses des Bundesverbandes Deutscher Banken und Mitglied des Schattenrates der Europäischen Zentralbank, den das Handelsblatt und das Wallstreet Journal Europe organisieren. Dr. Martin W. Hüfner ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem "Europa – Die Macht von Morgen" (2006), "Comeback für Deutschland" (2007), "Achtung: Geld in Gefahr" (2008) und "Rettet den Euro!" (2011).

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.

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