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15.11.2018 11:11:31
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Kolumne

Hüfners Wochenkommentar: "Tu Felix Austria"



Hüfner erinnert an den Höhenflug der österreichischen Wirtschaft und sieht einiges an Potential am dortigen Aktienmarkt.
15. November 2018. MÜNCHEN (Assenagon). Der Termin lässt sich ziemlich genau bestimmen. Es war Mittwoch, der 29. Juni 2016. An diesem Tag drehte sich der Wind. Für Österreich begann ein Höhenflug, den kaum einer - nicht einmal in Österreich selbst - für möglich gehalten hätte. So ein Umschwung kommt in modernen Industriestaaten selten vor. Dass es ihn gibt, ist aber ein gutes Zeichen. Es lohnt sich daher, genauer hinzusehen.

Begonnen hat die Sache am Aktienmarkt. Im Juni 2016 ist der Wiener Aktienindex ATX, nach sechs Jahren mehr oder weniger Stagnation, mit einem Mal geradezu explodiert. Er stieg 19 Monate lang fast ununterbrochen. Das brachte den Anlegern ein Kursplus von insgesamt über 80 (!) Prozent.

Seitdem sind die Kurse aber nicht abgestürzt, wie man hätte vermuten können. Der ATX entwickelte sich auch heute noch besser als der vergleichbare DAX-Kursindex. Er ist jetzt in die Liga der Indizes aufgestiegen, denen auch internationale Anleger stärker Aufmerksamkeit schenken.



Das war keine Blase, die durch irgendwelche Sonderfaktoren bedingt war. Sie war fundamental begründet. Das reale Wirtschaftswachstum schoss 2016/2017 geradezu nach oben, von 1,5 Prozent auf 2,6 Prozent. Österreich hat mit dieser Rate den großen Bruder und ewigen Rivalen Deutschland hinter sich gelassen (siehe Grafik). 2018 setzte sich das Wachstum fort, obwohl der Rest Europas von einer Wachstumsschwäche befallen wurde. Erst 2019 wird es eine Normalisierung geben. Von einer solchen Entwicklung können andere nur träumen.

Auf der Überholspur


Reales Wachstum in % yoy, Quelle : IWF, eigene Schätzung


Die österreichischen Investitionen zogen schon 2016 preisbereinigt um über 10 Prozent an. Die Beschäftigung erhöhte sich um 1 Prozent. Die Arbeitslosigkeit ging um über einen halben Prozentpunkt zurück. Bei all dem stiegen die Preise kaum schneller als im Euroraum insgesamt. Die Entwicklung ging 2018 so weiter.

Wie kam es zu diesem ungewöhnlichen Wachstumsschub? Eine Reihe ganz unterschiedlicher Faktoren spielte hier eine Rolle. Auslöser war die Steuerreform, die zum 1. Januar 2016 in Kraft trat. Sie entlastete vor allem die kleinen und mittleren Einkommen um insgesamt 4 Milliarden Euro, das sind rund 1 Prozent des BIPs. Das hilft natürlich der Konjunktur. Es geschah aber weniger über das übliche Deficit Spending, das mit Steuersenkungen normalerweise verbunden ist. Das Defizit der öffentlichen Hand hat sich nur kurzfristig etwas ausgeweitet. 2017 ist es schon wieder deutlich zurückgegangen.

Entscheidend war der Anreiz, der von den niedrigeren Steuern auf die Stimmung der Konsumenten und Investoren ausging. Er führte zu höherer Nachfrage, mehr Beschäftigung, mehr Einkommen und damit wieder höherer Nachfrage. Gleichzeitig nahmen mehr Frauen und mehr Ältere Beschäftigung auf.

Es war ein klassischer, sich selbst gegenseitig ansteckender Aufschwung. Er zeigt, dass bei den gegebenen hohen Steuersätzen in den modernen Industriestaaten Steuersenkungen zu einer Freisetzung von marktwirtschaftlichen Kräften führen können. Das macht sie zu einem so wichtigen wirtschaftspolitischen Instrument. Die USA haben damit in diesem Jahr ähnlich gute Erfahrungen gemacht. Deutschland traut sich noch nicht. Wien plant für 2020 eine erneute Steuersenkung.

Bei der Wachstumsbeschleunigung spielten ferner die Ausgaben für die Flüchtlingswelle eine Rolle. Bei allen gesellschaftspolitischen Problemen des Flüchtlingsstroms wird vielfach übersehen, dass er auch ein Konjunkturprogramm ist.

Wichtig war, dass der Finanzsektor nach der großen Finanzkrise repariert worden war. Die Banken waren bereit und in der Lage wieder verstärkt Kredite zu geben. Selbst der Internationale Währungsfonds hat in seinem jüngsten Bericht zu Österreich hervorgehoben, wie sehr sich die Qualität der Finanzinstitute verbessert hat.

Natürlich profitierte die Wirtschaft auch von der günstigen weltwirtschaftlichen Lage. Es ist nach wie vor der Hub für die überdurchschnittlich schnell wachsenden Staaten Osteuropas. Seine Unternehmen profitieren von der Zunahme des Welthandels.

Schließlich kam Österreich auch die Stabilisierung der politischen Verhältnisse im Land zugute. Viele Jahre hatte der Streit innerhalb der Koalition in Wien das Land belastet. Im Oktober 2017 gab es schließlich Nationalratswahlen. Die daraus hervorgehende Regierung brachte kurz Ruhe in die Wirtschaft. Die turnusmäßige Übernahme der Ratspräsidentschaft in der EU durch Österreich stärkte das internationale Standing der neuen Regierung.

All das zeigt: Die marktwirtschaftlichen Reflexe funktionieren. Wenn ein Land die richtigen Anreize setzt, kann es auch im schwierigen regulatorischen Umfeld Europas und trotz aller demografischen Belastungen überdurchschnittliches Wachstum erzielen. Es ist allerdings klar, dass sich das nicht automatisch so fortsetzt. Auch Österreich kann sich den politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten in der Welt nicht entziehen. Es braucht weiter erhebliche Anstrengungen. Zusätzliche Reformen sind nötig, unter anderem im Renten- und Gesundheitssystem und bei der Reduzierung der Staatsverschuldung. Die letzten zwei Jahre haben aber gezeigt, dass Österreich in der Lage ist, den Schopf der Geschichte zu packen und die Gelegenheit zu nutzen.

Für Anleger

Schauen Sie sich den ATX an. Er wurde bisher oft zu Unrecht vernachlässigt. Anders als in anderen Aktienmärkten vollzog sich die Entwicklung hier in der Vergangenheit in sehr großen Schüben, die es allerdings nur alle paar Jahre gibt. Anleger brauchen also Geduld. Sie werden dann aber durch überdurchschnittliche Kursgewinne belohnt.

von Martin Hüfner
15. November 2018 © Assenagon



Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon. Viele Jahre war er Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG und Senior Economist der Deutschen Bank AG. Er leitete fünf Jahre den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung in Brüssel. Zudem war er über zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender beziehungsweise Vorsitzender des Wirtschafts- und Währungsausschusses des Bundesverbandes Deutscher Banken und Mitglied des Schattenrates der Europäischen Zentralbank, den das Handelsblatt und das Wallstreet Journal Europe organisieren. Dr. Martin W. Hüfner ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem "Europa – Die Macht von Morgen" (2006), "Comeback für Deutschland" (2007), "Achtung: Geld in Gefahr" (2008) und "Rettet den Euro!" (2011).

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