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13.06.2017 09:37:19
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Kolumne

ETF Magazin: "Peking wird´s schon richten"



Das Potenzial chinesischer Aktien wird von den meisten Anlegern noch nicht ausgenutzt.
13. Juni 2017. München (ETF Magazin). Es ist ein Loch in der Kasse, ein großes Loch. Selbst Bundesbankpräsident Jens Weidmann und auch Finanzminister Wolfgang Schäuble würden bei solch einer Dimension ins Schwitzen kommen. Denn es geht um ein Minus von 14 Milliarden Euro. Zum Glück für unsere Politiker und Bundesbanker handelt es sich nicht um unser Loch, sondern um eines in China: um die Abflüsse von Kapital aus dem Reich der Mitte. Allein im März floss diese gewaltige Geldmenge aus China ab. Doch statt in Panik zu verfallen, freuen sich Chinas Notenbank und Regierung. Immerhin reduzierten sich die Abflüsse im ersten Quartal 2017 auf nur mehr ein Drittel im Vergleich zu den Abflüssen im vierten Quartal 2016. Gegenüber dem ersten Quartal 2016 lagen die Abflüsse sogar um 71 Prozent niedriger. Im Gesamtjahr 2016 summierten sich die Kapitalabflüsse auf satte 770 Milliarden Euro.

Starke Politik

Was steckt hinter der Verbesserung der Kapitalabflüsse im neuen Jahr? Die Führungsriege in Peking scheint die Zügel nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wirtschaft fester in die Hand genommen zu haben. Sichtbar wurde dies anhand von anziehenden Zinsen sowie von Kapitalverkehrskontrollen in den vergangenen zwei Jahren. Die Zentralbank hatte diese Anfang Januar 2017 weiter verschärft und die Geschäftsbanken angewiesen, auf Monatsbasis nicht mehr Yuan-Zahlungen ins Ausland fließen zu lassen als hereinkamen. Davon waren auch ausländische Unternehmen betroffen, die ihre Gewinne zeitweise nicht mehr außer Landes bringen konnten. Die Kontrollen beendeten jedoch den Yuan-Exodus und stabilisierten den Wert der chinesischen Währung.

Bereits Mitte April konnte die Peoples Bank of China ihre letzten Maßnahmen zurückschrauben. Dies ist den Zentralbankern wichtig gewesen, da sie einen liquiden internationalen Markt für die chinesische Währung aufbauen wollen. Das ist die Grundlage dafür, dass der Yuan weltweit mehr genutzt wird und somit in den Rang einer Reservewährung hineinwachsen kann.



Auch der Ministerpräsident des Landes, Li Keqiang, honorierte das Vorgehen der chinesischen Zentralbank mit einem Lob. Das Vertrauen in den Yuan habe sich signifikant verbessert, so Li. Dieses neue Vertrauen in die Valuta Chinas war wichtig, damit die Zentralbank nicht mehr so stark gegen eine Abwertung intervenieren musste. Die Währungsreserven des Landes, die weltweit größten, schrumpften nämlich von einem Hoch bei 3,993 Billionen US-Dollar im Juni 2014 auf 2,998 Billionen US-Dollar Ende Januar 2017. In den vergangenen Monaten haben sich die chinesischen Währungsreserven wieder knapp über der 3-Billionen-Marke stabilisiert. Nachdem sich der Yuan insbesondere gegenüber dem US-Dollar stabilisiert hat, dürften die großen Abflüsse aus den Währungsreserven ein Ende haben. Dies umso mehr, als ausländische Investoren zunehmend den Yuan-Anleihenmarkt entdecken. Bei einem stabilen Yuan und höheren Zinsen können Yuan-Bonds durchaus attraktiv sein.

Dabei dürfen Investoren nicht vergessen, dass China gerade wegen seiner teilweise hohen Schuldenquoten von vielen Volkswirten gescholten wird. Tatsächlich standen Mitte 2015 viele Unternehmen mit dem Rücken zur Wand. Speziell die staatlich kontrollierten Konzerne hatten Schulden in einer Höhe von 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) angehäuft.

Überkapazitäten brachten die Produzentenpreise zum Schrumpfen und ließen die Industrie inklusive Bau an den Rand einer Rezession gleiten. Somit wuchsen die Sorgen der Manager, wie sie die Schuldenberge abbauen sollten. Anfang 2017 sieht die Lage deutlich entspannter aus. Die Produzentenpreise ziehen wieder mit einer Jahresrate von rund zehn Prozent an. Damit werden die Unternehmen wieder profitabler und können die Kosten der Ausleihungen besser tragen.

Hinter der Entspannung im Industriesektor steckte wieder einmal die lenkende Hand des Staates in Form der Peoples Bank of China. Die Notenbank verbesserte die Rahmenbedingungen der Kreditvergabe und drückte günstiges Geld in das Wirtschaftssystem. Auf der anderen Seite sind die Verschuldungsquoten weiter gestiegen. Einige Marktbeobachter sprechen von Raten bis zu 270 Prozent des BIP im Unternehmenssektor. Der Staat versucht nun, überschuldete Gesellschaften auszusieben, ehe sie ein Problem für das gesamte System werden können. Auf Grund der Größe und der wirtschaftlichen Stärke des Landes ist es Peking durchaus zuzutrauen, dass es die Schuldenprobleme in den Griff bekommt.

Richtungsweisender Herbst. Den positiven Einfluss der Eingriffe erkennen Beobachter vor allem im Bausektor. Dort gab es in den vergangenen Monaten einen regelrechten Boom. Immer mehr potenzielle Käufer kamen auf den Immobilienmarkt. Dies führte zu höherem Absatz von Bauausrüstungen und -material. Der Industriesektor zog so das Wachstum der gesamten chinesischen Wirtschaft mit.

Den Politbossen in Peking ist es sehr wichtig, dass das BIP zumindest nahe der angepeilten 6,5 Prozent pro Jahr wächst. Denn im kommenden November steht der 19. Parteikongress an. Dieser findet alle fünf Jahre statt und legt den Rahmen für die weitere politische sowie wirtschaftliche Entwicklung fest. Chinas Präsident Xi Jinping wurde 2012 am 18. Parteitag von den damals rund 2300 Delegierten zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas gewählt. 2013 wurde er Präsident und galt als Hoffnungsträger für Reformen und die Öffnung der chinesischen Wirtschaft. In den vergangenen Jahren wurde jedoch von Peking deutlich weniger umgesetzt als von westlichen Politikern erhofft worden war. Dies hatte zum einen in der schleppenden Weltkonjunktur, aber zum anderen auch in interner Parteiopposition seine Begründung.

Bei dem November-Polittreffen wird es daher für Xi Jinping besonders wichtig sein, seine Personalideen im Politbüro und in den Regionen durchzusetzen. Damit ihm dies leichter fällt, wird der Präsident sicherlich versuchen, das Wachstum der chinesischen Wirtschaft gut aussehen zu lassen. Im ersten Quartal 2017 ist dies für die meisten Marktbeobachter überraschend gut gelungen. Das BIP konnte in den ersten drei Monaten gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 6,9 Prozent erhöht werden. Die Stellschraube von Peking ist dabei die Fiskalpolitik. Mit Ausgaben für Infrastrukturprojekte kann Beschäftigung und somit Wachstum generiert werden. Hinzu kommen jetzt noch ein überraschend gutes Exportgeschäft, Lageraufbau und ein florierender Servicesektor, der um 7,7 Prozent wuchs.

Auf Wachstum getrimmt

Gelingt es Präsident Xi bis November, zumindest ein nur leicht abgeschwächtes Wachstumstempo der chinesischen Wirtschaft beizubehalten, dann stehen die Chancen gut, dass er mit noch mehr Macht aus dem 19. Parteikongress hervorgeht. Für die Reformbemühungen in China wäre dies wiederum ein positives Zeichen. Marode, überschuldete Staatsbetriebe könnten saniert oder liquidiert werden, was wiederum mehr Platz für die Privatwirtschaft schaffen könnte. Zwar würden bei einem Kahlschlag unter den Staatsbetrieben vier bis fünf Millionen Arbeitsplätze verloren gehen. Doch dies könnte wiederum durch ein substanzielles Wachstum einigermaßen abgefangen werden.

Anzeichen für ein zumindest mittelfristig anhaltendes hohes Wachstum in China gibt es ohnehin schon. So liegt der Einkaufsmanager-Index (PMI) für das verarbeitende Gewerbe weiterhin über der Expansionsschwelle von 50 Punkten. Zwar fiel der PMI im April auf 51,2 Punkte, doch im März hatte er immerhin ein 5-Jahres-Hoch bei 51,8 kreiert. Dafür, dass der PMI nicht auf politisches Drängen viel zu positiv ausfällt, sprechen weitere Konjunkturindikatoren. So zeigt auch der SpaceKnow-China-Satellite-Manufacturing-Index seit Mitte 2016 eine deutliche Zunahme der Aktivitäten im Reich der Mitte an.

Die Leistung der chinesischen Volkswirtschaft dürfte daher allen Unkenrufen zum Trotz auch im laufenden Jahr zumindest die von Peking angepeilten 6,5 Prozent erreichen. Die vom Finanznachrichtendienst Bloomberg befragten Volkswirte erwarten im Durchschnitt sogar eine Zunahme des BIP um 6,6 Prozent (s. Grafik links unten). Für die chinesischen Unternehmen bedeutet dies wiederum viel Spielraum für florierende Geschäfte. So prognostizieren die Analysten der italienischen Großbank Unicredit ein Gewinnwachstum der im MSCI-China-Aktien-Index vertretenen Unternehmen von jeweils 14,4 Prozent in den Jahren 2017 und 2018. Dieses zweistellige Gewinnwachstum sollte auch die Börsenkurse in Shanghai, Shenzhen und Hongkong unterstützen. Bei diesen Voraussetzungen dürfte die Kapitalflucht aus China tatsächlich aufhören.

Chinesisches Börsenalphabet

Für Überschwang sind die Analysten der Credit -Suisse (CS) nicht unbedingt bekannt. Umso mehr lässt aufhorchen, was sie über Chinas Börsen schreiben: "A-Aktien: Diese Chance kommt nie wieder. "Begründung: Die chinesischen Behörden wollen ausländischen Anlegern peu à peu den vollständigen Zugang zu allen chinesischen Aktien und Börsen ermöglichen. Vor allem die an der Börse Shenzhen gehandelten sogenannten A-Aktien würden nach CS-Einschätzung durch die Senkung der Zugangsbarrieren stark gefragt sein. Fast zwangsläufig dürften die chinesischen Aktien dann auch in wichtigen Indizes, wie etwa dem MSCI-Emerging-Markets-Index, einen höheren Stellenwert einnehmen und deshalb häufiger von Fondsmanagern und ETFs gekauft werden.

Für Ausländer waren A-Aktien früher kaum zugänglich - im Gegensatz zu den in Hongkong frei gehandelten H-Aktien. 2014 wurden viele A-Aktien über eine Verbindung der Börse Hongkong mit Shanghai erreichbar. Seit Anfang Dezember 2016 gibt es eine ähnliche Verknüpfung der Börse Shenzhen mit der Börse Hongkong. Das heißt: Ausländer können jetzt über einen Broker in Hongkong direkt eine Auswahl von Aktien in -Shenzhen und Shanghai kaufen. Das Besondere an Shenzhen: Dort notieren wachstumsstarke Unternehmen, die in Zukunftsindustrien wie High Tech, Internet, Gesundheit und nachhaltigen Energien aktiv sind. Deshalb wird die Börse Shenzhen auch die "chinesische Nasdaq" genannt. In Shenzhen gehören über die Hälfte der Aktien zur New Economy, und über drei Viertel befinden sich in Privatbesitz. An der Börse Shanghai zählen nur 20 Prozent der Aktien zum Bereich der Zukunftstechnologien, und 70 Prozent der in Shanghai notierten Unternehmen befinden sich im Staatsbesitz.

Bei der Öffnung der Börse von Shenzhen scheint die Regierung in Peking alles vermeiden zu wollen, was zu große Euphorie - und damit einen künftigen Crash - hervorrufen könnte. Bisher sind erst weniger als 1,5 Prozent aller chinesischen A-Aktien in ausländischer Hand. Auch der Indexanbieter MSCI bleibt zurückhaltend: Statt 448 Aktien, wie ursprünglich erwogen, werden zunächst nur A-Papiere von 169 großen Unternehmen in die Berechnung des MSCI-Emerging-Markets-Index aufgenommen, wo sie anfänglich 0,5 Prozent ausmachen. Wenn der Wandel abgeschlossen ist und alle chinesischen A-Aktien in den Emerging-Markets-Index von MSCI aufgenommen worden sind, könnte ihr Anteil nach Schätzung der CS-Experten bis zu 20 Prozent betragen. In diesem Fall, so ihre Rechnung, müssten Fondsmanager, Indextracker und ETFs 300 Milliarden US-Dollar aufwenden, um ihre Positionen anzupassen.

Langfristig orientierte Anleger investieren in A-Aktien am besten mit physisch replizierenden ETFs wie dem ausschüttenden db x-trackers Harvest FTSE China A-H50 (DR) oder dem thesaurierenden iShares MSCI China A. Sinnvoll könnte auch ein Investment in H-Aktien (Hang-Seng-China-Enterprises-Index) sein. Dieser wird derzeit zu gut 70 Prozent von Finanzdienstleistern dominiert. Der Indexanbieter Hang Seng Indexes will dies aufbrechen.

Langfristig dürften daher deutlich mehr Aktien insbesondere aus dem Technologie- und Konsumumfeld in den H-Aktien-Index aufgenommen werden. Auf H-Aktien setzt unter anderen der Lyxor-China-Enterprise-(HSCEI-)ETF. Mögliche Neuaufnahmen sind zum Beispiel stark im iShares-Dow-Jones-China-Offshore-50-ETF gewichtet. Von einer H-Aktien-Index-Umstellung sollte daher dieser ETF stark profitieren. Zwei große Themen werden zudem Infrastruktur und Konsum bleiben. Peking wird Milliarden in die Infrastruktur investieren. Der iShares-Emerging-Market-Infrastructure-ETF enthält fast 40 Prozent chinesische Infrastrukturaktien. Der db x-trackers CSI300 Consumer Discretionary basiert auf den Konsumaktien im CSI-300-Index.

von Johannes Heinritzi © Juni 2017 - ETF Magazin


Dieser Artikel stammt aus dem aktuellen ETF Magazin.

Das ETF Magazin erscheint quartalsweise in Zusammenarbeit mit Focus Money und richtet sich an Berater, Vermögensverwalter und Portfoliomanager, ist aber sicher auch für informierte Anleger interessant.

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