18.03.20 10:24:56

ETFs – Vielseitig einsetzbar und zunehmend beliebter

20 Jahre nach Einführung in Europa werden ETFs zunehmend auch von Privatanlegern genutzt. Insbesondere die Zahl der Sparpläne wächst rasant.


von Hauke Stars, Vorstand Cash Market, Pre-IPO & Capital Markets, Deutsche Börse AG

18. März 2020. FRANKFURT (Deutsche Börse). Exchange Traded Funds (ETFs) sind im Mainstream angekommen. Längst nutzen nicht mehr nur Profiinvestoren passive Fonds, auch in der breiten Öffentlichkeit werden sie zunehmend beliebter. Am 11. April jährt sich die Einführung von ETFs in Europa zum 20. Mal. Vorreiter war und ist die Deutsche Börse mit ihrem Handelsplatz Xetra.

Diese Zahl hat es in sich, wenn es um die Themen Sparen und Altersvorsorge geht: Rund 1,3 Millionen ETF-Sparpläne haben Anleger in Deutschland mittlerweile abgeschlossen, wie eine Erhebung vom Jahresanfang zeigt. Das ist nahezu eine Vervierfachung innerhalb von drei Jahren. 

Diese Entwicklung klingt bemerkenswert. Denn sie zeigt, dass immer mehr Anleger die Auswirkungen der andauernden Nullzinspolitik und der aufgrund des demografischen Wandels zunehmend unter Druck geratenen gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland wahrnehmen – und sich bewusst für den Kapitalmarkt entscheiden. Mit Blick auf den Vermögensaufbau und die private Vermögensbildung kann nur der Kapitalmarkt mit seinen langfristig höheren Renditen eine verträgliche Lösung bieten.

Besonders ETFs eignen sich, um damit zu beginnen. Die als Einsteigerprodukte beliebten, breit gestreuten Indexfonds auf internationale Benchmark-Indizes sind ohne tiefes Börsenwissen zu verstehen und bieten einen unkomplizierten Zugang zum Kapitalmarkt. Noch dazu bieten sie geringe Managementgebühren und sind meist schon ab einer Rate von 25 Euro monatlich flexibel zu besparen.

Hauke Stars

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Trotz gestiegener Erkenntnis bei Anlegern bleibt nun die Frage, warum – insbesondere im Vergleich zu anderen Ländern – nicht noch mehr Menschen über Aktien und Fonds sparen. Warum also gibt es „nur“ 1,3 Millionen ETF-Sparpläne?

Drei dominante Vorurteile

Drei Vorurteile sind prägend für die geringe Aktienquote deutscher Anleger, wie eine wissenschaftliche Studie der Frankfurt School of Finance & Management im Auftrag der Deutschen Börse kürzlich eindrucksvoll gezeigt hat. Erstens: Die Deutschen denken, dass sie zu wenig Wissen haben, um sich am Kapitalmarkt zu engagieren. An zweiter Stelle wird das fehlende Kapital genannt, um an der Börse aktiv zu werden. Und drittens macht die Angst der Rendite einen Strich durch die Rechnung – die Befragten scheuen das vermeintlich hohe Risiko an den Finanzmärkten.

Um den Vorurteilen zu entgegnen, braucht es keine lange Argumentationskette, sondern zwei einfache, grundlegende Merksätze: Höhere Rendite geht immer auch mit höherem Risiko einher. Und: Breit streuen und ein langfristiger Anlagehorizont vermindern das Risiko erheblich. So haben Investments in den Dax über die vergangenen 50 Jahre eine jährliche Rendite von rund 7 % eingebracht. Und wem das noch nicht reicht: Die weltweit wichtigsten Aktienmärkte haben seit dem Jahr 1900 eine durchschnittliche jährliche Rendite von 5 % erzielt – obwohl Krisen, Kriege und Inflation zeitweise für teils herbe Rückschläge sorgten. 

An der Scheu der Deutschen haben diese beeindruckenden Renditen aber kaum etwas geändert – auch große Aufklärungskampagnen von Verbraucherschützern und seitens der Finanzindustrie haben nur bedingt geholfen. Und dennoch dürfen wir nicht müde werden, die Vorteile des langfristigen Sparens über den Kapitalmarkt zu erläutern und die Allgemeinbildung in Finanzfragen in Deutschland zu stärken. Der 20. Geburtstag von ETFs ist ein geeigneter Anlass, die breite Öffentlichkeit auf diese Themen hinzuweisen.

Für Anfänger wie Profis: Themen und Strategien

ETFs sind aber nicht nur etwas für Einsteiger. Durch den seit Jahren wachsenden Trend zu Passiv-Investments nutzen verschiedene Investorentypen ETFs, um ganz unterschiedliche Strategien abzubilden. Während zum Start des ETF-Handels in Europa im April 2000 gerade einmal zwei Produkte zur Verfügung standen, um an der Wertentwicklung der Unternehmen im Euro Stoxx 50 und des Stoxx Europe 50 zu partizipieren, ist das Produktuniversum 20 Jahre später auf mehr als 1500 Indexfonds gewachsen. Mit dieser Auswahl und einem durchschnittlichen Umsatz von zuletzt 11 Mrd. Euro monatlich ist der Handelsplatz Xetra der Deutschen Börse nach wie vor führend in Europa. Über ETFs lässt sich heute nahezu jede Region, Branche und Strategie abbilden.

In den vergangenen Jahren sind Angebot und Nachfrage insbesondere im Strategie-Bereich und bei Renten-ETFs stark angestiegen. Gerade die zuletzt genannten Produkte ermöglichen deutlich einfachere Investments als die zugrundeliegenden Anleihen selbst – in punkto Laufzeiten, Stückelung und Liquidität.

Jüngster Trend sind Themen-ETFs, die Investoren gezielt Zugang zu Megatrends wie etwa ESG (Environmental, Social, Governance), Robotics oder Cybersicherheit bieten. ESG-Produkte zählen darunter zur wachstumsstärksten Kategorie: Ein Zehntel aller handelbaren ETFs fokussieren sich mittlerweile auf Nachhaltigkeit.

Umfangreiches Informationsangebot

Um im sich immer weiter diversifizierenden ETF-Markt den Überblick zu behalten und die eben angesprochene Allgemeinbildung zu verbessern, bietet die Deutsche Börse Anlegern jeder Couleur ein umfangreiches Schulungs- und Nachrichtenangebot an. Dazu zählen Seminare und digitale Lernangebote unserer Capital Markets Academy bis hin zum Zertifizierten ETF-Spezialisten, Webinare, Newsletter und Handbücher. Das Anlegerportal der Börse Frankfurt bietet umfangreiche Stamm- und Handelsdaten, die Anleger bei der Produktauswahl und der Orderaufgabe unterstützen.

Auf der anderen Seite unterstützt die Deutsche Börse Anleger mit Initiativen im Handel. Seit dem vergangenen Jahr etwa verzichtet die Deutsche Börse im Xetra-Handel auf die Transaktionsentgelte bei der Ausführung von ETF-Sparplan- und Robo-Advisory-Orders. Damit wollen wir die Attraktivität von ETFs als langfristiges Anlageprodukt weiter erhöhen und zusätzliche Privatanleger für den Kapitalmarkt gewinnen. Das Angebot gilt für alle Banken und Broker, die sich dafür bei uns registrieren.

Kritikpunkte Abbildung und Marktmacht 

Trotz all der Erfolge von ETFs wurde auch immer wieder Kritik an den Produkten geübt. Lange Zeit wurden zum Beispiel synthetische ETFs kritisch beäugt, weil sie nicht die tatsächlich zugrundeliegenden Wertpapiere kaufen, sondern die Indexabbildung über einen Swap-Partner zusichern. Hier haben die Fondsanbieter auf die Kritik reagiert und entsprechende Sicherungsmechanismen für synthetische ETFs entwickelt. Dennoch hat die anhaltende Diskussion dazu geführt, dass Anleger und Investoren heute oftmals physisch replizierende Produkte präferieren.

Ein weiterer – aktuell viel diskutierter – Kritikpunkt an Indexfonds bezieht sich auf die Marktmacht der Produkte, insbesondere in turbulenten Marktphasen. Wenn Anleger ETF-Anteile zurückgeben, müssten die jeweiligen Anbieter Aktien im großen Stil verkaufen und würden dadurch einen Abschwung verstärken. Meist wird im gleichen Zuge argumentiert, dass Aktivfonds hingegen rechtzeitig reagieren könnten, weil sie nicht 1:1 einen Index abbilden. 

Sind wir ehrlich: Einen plötzlichen Kursrutsch können auch Manager von aktiv gemanagten Fonds nicht vorhersehen. Sie müssen sich in der Folge unter Umständen sogar schnellstmöglich von einzelnen Bestandteilen im Fondsportfolio trennen, um ausreichend Barmittel für eine Rückgabe von Fondsanteilen seitens der Anleger bereitzuhalten. Tatsächlich bieten ETFs hier einen wesentlichen Vorteil: Da die Produkte zusätzlich über einen Sekundärmarkt gehandelt werden, können Verkäufer ihren ETF direkt an einen Käufer veräußern. Zwar mag dies in turbulenten Zeiten mit erweiterten Geld-Brief-Spannen einhergehen, das Fondsportfolio des ETFs muss dabei aber nicht berührt werden.

Vorteile des börslichen Handels mit ETFs in turbulenten Börsenzeiten

An diesem Beispiel wird der Vorteil des liquiden Börsenhandels von Exchange Traded Funds deutlich. Xetra steht als Pionier von ETFs in Europa nicht nur für höchste Liquidität und Preisqualität, sondern auch für bewährte Schutzmechanismen in stressigen Marktphasen. An vorderster Stelle ist hier die Volatilitätsunterbrechung zu nennen. Sie verhindert unabhängig von der Marktrichtung große Preissprünge, ausgelöst etwa durch fehlerhafte Ordereingaben, illiquide Marktlagen oder die Eingabe unlimitierter Orders mit zu hohem Transaktionsvolumen.

Denn gibt es zu starke Preisveränderungen in einem Wertpapier, wird vom fortlaufenden Handel auf Xetra automatisch in eine mindestens zweiminütige Auktion gewechselt. Diese entschleunigt den Handel, gibt Marktteilnehmern Zeit zur Orientierung und verhindert, dass der Markt ungebremst in eine Richtung verläuft.

Eine weitere große Stärke: Wird eine Volatilitätsunterbrechung ausgelöst, so wird das betroffene Wertpapier nicht vom Handel ausgesetzt. Denn das führt in aller Regel zu einer noch höheren Unsicherheit bei den Marktteilnehmern und lässt die Volatilität weiter ansteigen. Dieser Schutzmechanismus hat sich in 20 Jahren zigfach bewährt und für Vertrauen bei Marktteilnehmern gesorgt.

Das Vertrauen der Marktteilnehmer in ETFs ist trotz vereinzelt kritischer Stimmen hoch. Das verwaltete Vermögen im ETF-Handel auf Xetra ist zum Jahresende 2019 auf einen neuen Rekord von 710 Mrd. Euro gestiegen – ein Zuwachs von 35 % gegenüber dem Vorjahr. Und auch Analysten trauen den Produkten in den nächsten Jahren noch viel zu: Bis 2024 könnte das Marktvolumen in Europa laut einem Report von Morningstar auf bis zu 2 Bio. Euro ansteigen.

von Hauke Stars, 17. März 2020, © Deutsche Börse AG

Über die Autorin

Hauke Stars ist im Vorstand der Deutsche Börse AG für den Bereich Cash Market, Pre-IPO & Growth Financing sowie Vorsitzende der Geschäftsführung der Frankfurter Wertpapierbörse.

Dieser Artikel ist in der Börsen-Zeitung vom 16. März 2020 erschienen.

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