25.03.20 13:34:35

Marktstimmung: "Sichtlich erholt, aber nicht gesund"

Angesichts der extremen Kurskapriolen halten sich die hiesigen Anleger eher zurück. Der giftige Optimismus der Vorwochen ist zwar ziemlich abgeflaut, aber ob das reicht?

Zusammenfassung

Während sich längerfristig orientierte Anleger zurückhalten, springen kurzfristig aktive von einer Seite zur anderen. Und der DAX verliert und gewinnt im großen Stil. Unterm Strich waren die von uns befragten hiesigen Anleger eher passiv. Einige professionelle Anleger sind short gegangen, aber von der Seitenlinie aus. Beide Sentiment-Indizes stehen mit +6 bzw. +10 Punkten nach Ansicht von Joachim Goldberg relativ betrachtet eher im pessimistischen Bereich.

Der Verhaltensökonom vermutet, dass die Bullen auf der Long-Seite ihre erheblichen Verluste nicht realisieren möchten und den Pessimisten die Gewinne noch nicht reichen. Für einen tatsächlichen Ausbruch brauche es eine deutlich stärkere Bewegung, so bleibe es bei "Rallies im Bärenmarkt."

25. März 2020. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Eine weitere dramatische Börsenwoche liegt seit unserer vergangenen Erhebung hinter uns. Aber nicht einmal, weil der DAX seither noch einen weiteren großen Absturz erleben musste. Der vorübergehend bei knapp 4 Prozent liegende Kursverlust nimmt sich angesichts des vorangegangenen Absturzes seit dem Allzeithoch vom 19. Februar vergleichsweise moderat aus. Und die darauffolgende Erholungsrallye verdankt sich wohl der Tatsache, dass die Finanzmärkte am vergangenen Montag vor allem von der US-Notenbank das bekommen hatten, was sie brauchten. Die Ankündigung der Fed, sie werde unter anderem Staatsanleihen und mit Hypotheken besicherte Wertpapiere in unbegrenzter Menge ankaufen, also quasi ein quantitatives Lockerungsprogramm (QE) ohne jedes Limit auflegen, war sicherlich beispiellos.

Aber auch fiskalpolitisch wurden die großen Gelddruckmaschinen angeworfen. Nicht umsonst sprach etwa Finanzminister Olaf Scholz angesichts der geplanten Summe von 750 Milliarden Euro an staatlichen Hilfen zur Bewältigung der ökonomischen Folgen der Corona-Krise davon, dass „nicht gekleckert, sondern geklotzt“ werde. Und weil in den USA heute früh auch noch ein staatliches Hilfsprogramm in Höhe von 2 Billionen US-Dollar verkündet wurde, gab es temporär eine kräftige Rallye, die dafür sorgte, dass sich der DAX seit unserer vergangenen Erhebung (stichpunktbezogen) um knapp 17 Prozent erholen konnte.

Nur eine Bärenmarktrallye

Im Vergleich dazu stellen sich die Ergebnisse der heutigen Sentiment-Erhebung unter mittelfristig orientierten institutionellen Investoren fast schon als Spiegelbild einer stoischen Ruhe dar. Denn unser Börse Frankfurt Sentiment-Index ist gegenüber der Vorwoche gerade einmal um 5 Punkte auf einen neuen Stand von +6 Punkte gefallen. Nicht etwa, weil weitere Optimisten kapituliert hätten. Vielmehr gab es eine kleine Wanderung vormals neutral eingestellter Akteure in Richtung Bärenlager. Dabei handelt es sich um eine kleine Gruppe von Marktteilnehmern, die die jüngste Erholung des DAX eher als eine Rallye im Bärenmarkt denn als einen sogenannten Turnaround betrachten. Tatsächlich hat sich die Gruppe der Pessimisten nun zum dritten Mal hintereinander, wenn auch nicht markant, vergrößert.

Noch geringer stellen sich die Stimmungsveränderungen bei den Privatanlegern dar, deren Börse Sentiment-Index lediglich um 1 Punkt auf den Stand von +10 Punkte gefallen ist. Damit wird einmal mehr deutlich, dass die Befestigung des DAX für Optimisten aufgrund von deren massiven Verlusten offenbar nur einen Tropfen auf den heißen Stein bedeutet.

Warten auf größere Kursausschläge

Per Saldo liegen die Stimmungsbilder von institutionellen und privaten Anlegern nicht wesentlich auseinander. Während in der Vorwoche bei den institutionellen Investoren immerhin eine Teilkapitulation der Optimisten zu beobachten war, ließ sich Derartiges bei den Privatanlegern kaum feststellen. Aber auch noch etwas Anderes wurde deutlich: Während die Optimisten beider Panels auf weitaus bessere Zeiten am Aktienmarkt warten, hat es für die Pessimisten anscheinend keinen Grund gegeben, etwaige Absicherungen oder per Saldo gar bearishe Engagements aufzulösen. Trotz wahrscheinlich beträchtlicher Gewinne.

Nach der heutigen Erhebung stellen wir nur noch einen geringen Optimismus der Akteure fest, der in der relativen mehrmonatigen Betrachtung vor allen Dingen bei den institutionellen Akteuren sogar eher als leichter Pessimismus zu interpretieren ist. Wie bereits in der Vorwoche festgestellt, hat sich der ganz große Druck auf den Kessel auch durch die jüngsten Kursentwicklungen zumindest aus heimischer Sicht etwas verringert. Gleichzeitig wird aber auch sichtbar, dass sowohl Optimisten als auch Pessimisten – jede Gruppe für sich – noch größere Kursausschläge als bisher benötigen, um ihre Einstellung zu überdenken bzw. ihre Engagements auflösen zu können. Damit der DAX allerdings aus dem Gröbsten herauskommt, wären langfristige Kapitalzuflüsse erforderlich. Und die kommen erst, wenn sich die Überzeugung durchsetzt, dass die Corona-Pandemie einigermaßen überstanden ist.

25. März 2020, © Goldberg & Goldberg für boerse-frankfurt.de

 BullishBearishNeutral
Total40%34%26%

ggü. letzter Erhebung

-1%+4%

-3%

DAX (Veränderung zu vergangener Woche): 10.050 (+1450 Pkt.)
Börse Frankfurt Sentiment-Index Institutionelle Anleger: +6 Punkte (Stand Vorwoche: +11 Punkte)

 

 BullishBearishNeutral
Total47%37%16%

ggü. letzter Erhebung

-1%+1%+0%

DAX (Veränderung zu vergangener Woche): 10.050 (+1450 Pkt.)
Börse Frankfurt Sentiment-Index Private Anleger: +10 Punkte (Stand Vorwoche: +12 Punkte)

 

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Der Börse Frankfurt Sentiment-Index bewegt sich zwischen -100 (totaler Pessimismus) und +100 (totaler Optimismus), der Übergang von positive in negative Werte markiert die neutrale Linie. 

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