27.07.20 09:21:47

Wochenausblick: „Gefahr negativer Überraschungen ist höher“

Kurzer Rücksetzer oder Anfang einer Korrekturbewegung? Was der Kursrückgang am Freitag für die neue Woche bedeutet, darüber gehen die Einschätzungen der Analysen auseinander. Ein klares Signal kommt von der Krisenwährung Gold: Die notiert auf einem Allzeithoch.


27. Juli 2020. Frankfurt (Börse Frankfurt). Corona, einbrechende Konjunkturzahlen und neue Streitigkeiten zwischen den USA und China auf der einen Seite, Anlagenotstand und Hoffnung auf allmähliche Besserung auf der anderen Seite: Mal haben Bullen, mal Bären Oberhand. „Lange Zeit wurden die von der Corona-Pandemie verursachten, wirtschaftlichen Folgen von den Märkten ausgeblendet“, bemerkt Christian Schmidt von der Helaba. Am Freitag hätten aber die wieder gestiegenen US-Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe auf das Sentiment gedrückt. „Hinzu kommt, dass in den USA mittlerweile mehr als vier Millionen Menschen mit dem Coronavirus infiziert sind.“ Aus anderen Ländern seien ebenfalls beunruhigende Entwicklungen zu vermelden. Zudem könnte sich der Handelsstreit zwischen den USA und China wieder verschärfen, insbesondere nach den gegenseitigen Konsulatsschließungen. „Fragezeichen stehen auch noch hinter den EU-Gipfelbeschlüssen, die im Europäischen Parlament nicht unbedingt mehrheitsfähig sind.“

„Anlagenotstand immer größer“

Daniel Schär von der Weber Bank verweist aber auf die fehlenden Alternativen. „Die Staaten häufen weiter neue Schuldenberge an, die dann von den Notenbanken aufgekauft werden.“ Der Spielraum für Zinsanstiege werde dadurch weltweit immer kleiner und der Anlagenotstand immer größer. „Das treibt die Anleger weltweit in Sachanlagen wie Immobilien, Aktien, aber auch Gold.“

Am Montagmorgen steht der DAX nahezu unverändert bei 12.848 Punkten nach 12.838 am Freitagabend und über 13.300 Zähler im Wochenverlauf. Der Goldpreis kletterte am Freitag erstmals seit 2011 wieder über die Marke von 1.900 US-Dollar die Feinunze und über das damalige Allzeithoch von knapp 1.902 US-Dollar. In der Nacht zum Montag wurde mit fast 1.945 US-Dollar ein neues Rekordhoch erreicht.

„Gewinneinbruch im zweiten Quartal war Tiefpunkt“

Die Berichtssaison über das zweite Quartal ist in vollem Gange. Hierzulande legen in den kommenden Tagen unter anderem SAP, BASF, Deutsche Bank, Deutsche Börse, Fresenius und Fresenius Medical Care, HeidelbergCement, VW und Linde ihre Bücher offen. Für Markus Wallner von der Commerzbank ist die Berichtsperiode bislang sehr überzeugend ausgefallen – zumindest auf den ersten Blick. „Die Mehrzahl der deutschen Unternehmen übertraf die Erwartungen der Analysten deutlich.“ Das habe aber auch an den zuvor drastisch reduzierten Prognosen gelegen. „Dennoch ist der Einbruch im zweiten Quartal bei den deutschen Unternehmen massiv, sollte aber gleichzeitig den Tiefpunkt darstellen.“ Die Bank erwartet, dass die Analysten ihre Gewinnerwartungen bei vielen Unternehmen wieder anheben werden.

„Analysten werden Gewinnerwartungen wieder anheben.“

„Anschlusskäufe bis 13.263 Punkten“

Charttechnisch sieht es nicht so schlecht aus: Nach Einschätzung der technischen Analysten von der DZ Bank könnten die Bullen mit dem Beginn der neuen Börsenwoche eine neue Aufwärtswelle in Richtung des Tiefs vom 23. Juli bei 13.073 Punkten starten. Damit könne die technische Gegenreaktion der letzten Tage als beendet angesehen werden. „Sobald die Aufwärtsbewegung das Gap Closing vollzogen hat, sollten Anschlusskäufe die Kursentwicklung zum Tief vom 21. Februar bei 13.263 Punkte tendieren lassen.“

Wichtige Konjunktur- und Wirtschaftsdaten

Montag, 27. Juli

10.00 Uhr. Deutschland: ifo-Geschäftsklimaindex Juli.

Mittwoch, 29. Juli

20.00 Uhr. Zinsentscheid der US-Notenbank. Neue Maßnahmen werden mehrheitlich nicht erwartet. 

Donnerstag, 30. Juli

8.00 Uhr. Deutschland: BIP zweites Quartal. Die Helaba rechnet mit einem Minus von 7 Prozent gegenüber dem Vorquartal und knapp 9 Prozent gegenüber Vorjahr. Für diese recht optimistische Prognose spreche nicht nur der neue wöchentliche Aktivitätsindex der Deutschen Bundesbank, sondern auch der Einzelhandelsumsatz, der sogar das Vor-Corona-Niveau überschritten habe. „Im zweiten Halbjahr wirkt das deutsche Konjunkturprogramm mit der Mehrwertsteuersenkung und beispielsweise dem Kinderbonus“, ergänzt die Bank. Ein BIP-Rückgang von 5 Prozent im Gesamtjahr scheine damit erreichbar.

14.00 Uhr. Deutschland: Verbraucherpreise Juli. Die DekaBank erwartet die umfassendste Weitergabe der Mehrwertsteuersenkung bei Energiegütern, gefolgt vom Lebensmitteleinzelhandel. Aufgrund von Basiseffekten und gestiegenen Benzinpreisen prognostiziert sie für die Jahresrate des Verbraucherpreisindex aber nur einen Rückgang auf 0,6 Prozent. 

14.30 Uhr. USA: BIP zweites Quartal. Das BIP in den USA ist gegenüber dem ersten Quartal um rund 10 Prozent geschrumpft, meint die Commerzbank, was gemäß US-Konventionen auf Jahresrate hochgerechnet einem Minus von 35 Prozent entspreche. Allerdings zeigten Monatsindikatoren, dass sich die wirtschaftliche Aktivität seit Ende April wegen der Lockerung der Kontaktbeschränkungen wieder erhole.

Freitag, 31. Juli

11.00 Uhr. Eurozone: BIP zweites Quartal. Für den Euroraum erwartet man am Markt einen Einbruch des BIP um rund 10 Prozent.

Von: Anna-Maria Borse
27. Juli 2020, © Deutsche Börse AG

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