08.01.20 13:18:08

Marktstimmung: "Kaum Angst und keine Spur von Panik"

Aktienpreise sind angesichts der internationalen Spannungen vergleichsweise stabil geblieben. Dennoch haben institutionelle Investoren in Scharen die Seiten gewechselt. Analyst Goldberg vermutet eine eher taktische Positionierung als echte Skepsis.

Zusammenfassung

Neues Jahr, neues Glück? Autsch. Auf den fulminanten Schlusssprint folgt eine volatile Ernüchterung. Egal ob auf die Short-Seite oder an die Seitenlinie. 22 Prozent der professionellen Anleger haben ihre DAX-Aktien verkauft, 40 Prozent sind jetzt bearish eingestellt. Der Sentiment-Index dieser Anlegergruppe ist um 34 auf -10 Punkte gefallen. Joachim Goldberg ist sich aber nicht sicher, ob das an der geopolitischen Krise liegt. Der Verhaltensökonom vermutet, dass mit dem Reset zum Jahreswechsel, was die Performance angeht, institutionelle Anleger vorsichtiger geworden sind. Dafür spreche auch, dass der DAX wenig verloren hat.

Private Anleger reagieren zudem deutlich schwächer und schließen mit 6 Prozent auch etliche Short-Engagements. Gewinnmitnahmen, vermutet Goldberg. Der Jahreswechsel spiele für diese Anleger keine Rolle. Unterm Strich sei es gut möglich, sollte sich die geopolitische Lage im Nahen Osten nicht dramatisch verschlechtern, dass die heutigen Pessimisten bereits bei ab 12.820/12.850 wieder als Käufer aktiv würden.

8. Januar 2020. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Nachdem die Börsianer dies- und jenseits des Atlantiks zum Jahreswechsel vielerorts noch voller Optimismus gewesen sein dürften, wurde das neue Jahr sogleich von geopolitischen Verwerfungen überschattet. Angesichts der Tötung des iranischen Generals Qasem Soleimani durch einen US-Drohnenangriff und der iranischen Vergeltungsangriffe auf US-Stützpunkte im Irak ist bei vielen Anlegern allerdings die gute Stimmung getrübt worden. Zumindest scheint die positive Entwicklung im US-chinesischen Handelskonflikt derzeit von der kritischen Lage im Nahen Osten überschattet zu werden. Allein: Die Kursrückgänge beim DAX hielten sich bislang in Grenzen. Und das, obwohl bis zum Erhebungszeitpunkt des Börse Frankfurt Sentiment-Index noch unklar war, ob der Konflikt zwischen den USA und dem Iran weiter eskalieren würde. Während Kommentatoren mancherorts die Welt am Rande eines größeren Krieges wähnen, reagierten die Teilnehmer an den Aktienmärkten bislang vergleichsweise gelassen.

Ein solches Bild ergibt sich allerdings nicht bei oberflächlicher Betrachtung der Stimmungsveränderung unserer mittelfristig orientierten institutionellen Investoren. Hier ist unser Börse Frankfurt Sentiment-Index um 34 Punkte regelrecht abgestürzt und weist nunmehr einen Stand von -10 Punkte auf. So gesehen hat sich das Bullenlager um etwas mehr als 40 Prozent reduziert. Allerdings spiegelt diese Wanderung nicht etwa eine plötzlich aufgekommene Panik wider, sondern trägt im Großen und Ganzen auch dem Umstand Rechnung, dass mit dem Jahreswechsel vielerorts die Uhr gewissermaßen auf null gestellt wird. Deswegen dürfte dem letzten Referenzpunkt von 2019, dem Jahresschlusskurs von rund 13.249 Zählern, für die künftige Wahrnehmung von Gewinnen und Verlusten eine besondere Bedeutung zukommen. Und daran gemessen liegt der DAX zum Erhebungszeitpunkt lediglich 0,8 Prozent niedriger.

Privatanleger bislang relativ gelassen

Dass es bislang anscheinend nicht zu einer großen Angst oder gar Panik gekommen ist, zeigt sich auch an der Stimmungsentwicklung der Privatanleger, deren Börse Frankfurt Sentiment-Index lediglich um 10 Punkte auf einen Stand von -4 Punkte gefallen ist. Somit blieb der Handlungsbedarf der in der vergangenen Erhebung vom 18. Dezember ohnehin nur mäßig optimistischen Akteure ebenfalls überschaubar und könnte auch auf Gewinnmitnahmen in der Nähe des zwischenzeitlich beinahe erreichten Vorjahreshochs (rund 13.425 Zähler am 2. Januar) zurückzuführen gewesen sein.

Während der Bilanzstichtag insbesondere für institutionelle Anleger eine besondere Rolle gespielt haben mag, dürfte dieses Datum für die Privatinvestoren weitaus weniger von Bedeutung sein. Für erstere beginnt gewissermaßen ein neues Rennen, bei dem man möglicherweise gerade am Anfang etwas vorsichtiger agiert. Im gleichen Zuge ist der zuletzt große Abstand zwischen den Sentiment-Indizes der institutionellen und privaten Investoren deutlich geschrumpft und beträgt jetzt nur noch 6 Punkte. Dabei ist nicht einmal gesichert, ob gerade die etwas pessimistischeren institutionellen Investoren vornehmlich aufgrund der geopolitischen Gemengelage aktiv geworden sind. Tatsächlich könnte es auch sein, dass die pessimistischen Akteure ohnehin eine größere Abwärts-Korrektur des Börsenbarometers für überfällig halten. Denn die bisherigen Reaktionen des DAX sind – gemessen an der Rallye im vierten Quartal 2019 – bislang vergleichsweise dürftig geblieben. Und sollte sich die geopolitische Lage im Nahen Osten nicht dramatisch verschlechtern, dürften die Pessimisten von heute bereits bei einem Rücksetzer in Richtung 12.820/12.850 als Käufer aktiv werden. Zumal mit einer sinkenden Aufregung und Gewöhnung an die derzeitige Situation gleichzeitig die Angst wachsen dürfte, eine weitere Aufwärtsbewegung am Aktienmarkt zu verpassen.

8. Januar 2020, © Goldberg & Goldberg für boerse-frankfurt.de

 BullishBearishNeutral
Total31%41%28%

ggü. letzter Erhebung

-22%+12%

+10%

DAX (Veränderung zur vergangenen Erhebung): 13.150 (-120 Pkt.)
Börse Frankfurt Sentiment-Index Institutionelle Anleger: -10 Punkte (Stand ggü. vergangener Erhebung: +24 Punkte)

 

 BullishBearishNeutral
Total39%43%18%

ggü. letzter Erhebung

-4%+6%-2%

DAX (Veränderung zur vergangenen Erhebung): 13.150 (-120 Pkt.)
Börse Frankfurt Sentiment-Index Private Anleger: -4 Punkte (Stand ggü. vergangener Erhebung: +6 Punkte)

 

Ihre Meinung zählt: Markterwartungen von Investoren

Alle interessierten Anleger sind aufgerufen mitzumachen. Es dauert nur 15 Sekunden. Sie bekommen jeden Dienstag eine E-Mail mit einem Umfrage-Link. Die Ergebnisse der Analyse erhalten Sie per E-Mail zugesandt.





Der Börse Frankfurt Sentiment-Index bewegt sich zwischen -100 (totaler Pessimismus) und +100 (totaler Optimismus), der Übergang von positive in negative Werte markiert die neutrale Linie. 

Bitte warten...

Weitere Artikel dieses Kolumnisten

UhrzeitTitel

Anzeige