20.03.20 15:51:00

Anleihen: Keiner traut sich einzusteigen

Noch dringen die von Regierungen und Notenbanken angekündigten massiven Stützungsmaßnahmen für die Wirtschaft am Markt für Unternehmensanleihen nicht durch. Die Nerven der Anleger liegen weiterhin blank.


20. März 2020. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Beruhigungspillen nationaler Regierungen sowie der Europäischen Zentralbank zeigen im Handel mit Corporate Bonds laut Händler noch keine Wirkung. „Überall wird weiterhin viel Porzellan zerschlagen, trotz großer Abschläge traut sich keiner einzusteigen“, fasst Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank zusammen.

Am Beispiel einer Lufthansa-Hybridanleihe (WKN A161YP) erkennt man Daniel zufolge, wie blank die Anlegernerven mittlerweile liegen. Zwischenzeitlich verlor der nachrangige Wert bis auf 40 Prozent und erholte sich danach wieder auf über 60 Prozent. Der starke Einbruch stehe vermutlich auch im Zusammenhang mit der Herabstufung des deutschen Vorzeigeunternehmens durch die Ratingagentur Moody’s. Mit Ba1 liege die Note unter dem Investment Grade. Andere Bonds – dazu gehöre ein Thyssen-Wert – schwankten auf Tagesbasis um 10 Prozent.

Gregor Daniel

Daniel

„Vielleicht hält die gegenwärtige Stabilisierung am Aktienmarkt an und der Rentenmarkt zieht in einigen Tagen nach“, hofft Rainer Petz von der Oddo Seydler Bank. Derzeit zögen sich die Kursverluste jedenfalls durch den gesamten Markt und alle Branchen. „Manche Anleihen notieren nur noch um 50 Prozent.“

Vergleich mit Finanzkrise hinkt

Für die Händler unterscheidet sich die derzeitige Lage deutlich von der im Jahr 2008. „Die Banken kauften zwar damals auch nicht“, meint Petz. Dafür hätten während der Finanzkrise Privatanleger zunehmend in Corporate Bonds investiert. Das sei in der jetzigen Situation nicht der Fall. Aus welchen Gründen auch immer, wollen oder müssen viele Retail-Kunden aussteigen. „Einige brauchen vermutlich einfach das Geld.“

Das sieht Daniel ähnlich. „In unserem Team werden verschiedene Szenarien durchgespielt.“ Dazu gehörten Vergleiche mit dem Crash 1929.

Notenbanken halten dagegen

Auf eine Beruhigung an den Finanzmärkten zielten die angekündigten EZB-Corona-Notmaßnahmen. Im Rahmen dieses so genannten Pandemic Emergency Purchase Programms wollen die Währungshüter bis Jahresende mittels Anleihekäufen im Volumen von 750 Milliarden Euro Liquidität bereitstellen. Zunächst stünden Staatsanleihen – inklusive griechischer Bonds – auf der Einkaufsliste, gefolgt von Bonds der Privatwirtschaft. „Das hat am Markt zu einer leichten Gegenbewegung geführt“, stellt Arthur Brunner von der ICF Bank fest.

„Das hat am Markt zu einer leichten Gegenbewegung geführt“

EU offen für "Corona-Bonds"

Selbst die gemeinsame Ausgabe von speziellen Anleihen ist nach Ansicht von Ursula von der Leyen im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der Krise ein probates Mittel. "Wenn sie helfen, wenn sie richtig strukturiert sind, werden sie eingesetzt“, sagte die EU-Kommissionspräsidentin am Vormittag in einem Radiointerview. Den EU-Mitgliedstaaten sage von der Leyen maximale Freiheit zu, um ihren Unternehmen finanziell unter die Arme zu greifen. Dazu gehöre eine Lockerung der Verschuldungsregeln.

US-Langläufer im Gespräch

Ähnliche Maßnahmen will die US-Regierung scheinbar auf den Weg bringen. Donald Trump liebäugelt Medienberichten zufolge mit der Emission von Treasuries mit ultralangen Laufzeiten zur Finanzierung des angedachten 1,3 Billionen US-Dollar schweren Corona-Krisenpakets. Unter anderem spiele der US-Präsident mit dem Gedanken, jedem Steuerzahler einen Check in Höhe von 1.200 US-Dollar auszustellen, plus 500 US-Dollar für jedes Kind. Mit der seit gestern geltenden Ausgangssperre im bevölkerungsreichen Kalifornien habe die Corona-Krise in den USA eine neue Dimension erreicht.

von: Iris Merker, 20. März 2020, © Deutsche Börse AG

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