29.07.20 13:22:01

Marktstimmung: "Verkehrte Welt"

Jetzt haben sich auch die Privatanleger gleich den Profis auf die Bärenseite geschlagen, was dem Markt nützlich sein könnte.

Wenig Reaktion haben die professionellen Anleger auf das leichte DAX-Minus seit vergangenem Mittwoch gezeigt. Mit -26 Punkten steht der Sentiment-Index dieser Anlegergruppe immer noch tief im Pessimismus und die Mehrheit der mittelfristig orientierten Investoren auf der Short-Seite. Nach Ansicht von Joachim Goldberg waren die Kursverluste im Verlauf nicht hoch genug, um diese Akteure ohne große Verluste aus ihrer Schieflage zu bringen. Anders die Situation der Privatanleger, von denen 13 Prozent Aktien verkauft ("Gewinnmitnahmen") und 11 Prozent auf die Short-Seite gewechselt sind. Der Sentiment-Index steht mit -28 Punkten ebenfalls im bearishen Bereich. 

Der Verhaltensökonom vermutet, dass beide Anlegergruppen jetzt auf negative Überraschungen und damit einhergehende fallende Aktienkurse warten. Erste Nachfrage an der Unterseite erwartet er bei 12.300 und 12.400 Punkten. Und an der Oberseite bei Überschreiten des Juli-Hochs mit 13.315 in Form von Bärenfallen.

29. Juli 2020. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Seit dem vielerorts als positiv empfundenen Abschluss des EU-Sondergipfels vor gut einer Woche ist dem DAX aus Sicht eines Optimisten nicht mehr allzu viel gelungen. Stattdessen machten andere Märkte von sich reden. Insbesondere der Euro, der seit jenem Tag um rund 2,6 Prozent gegenüber dem US-Dollar zulegen konnte, und vor allem der Goldpreis – mit einem Plus von rund 8 Prozent im gleichen Zeitraum! – schlugen sich bedeutend besser als deutsche Standardwerte bzw. Aktien der Eurozone insgesamt. Und seit vergangenem Freitag ist die Handelsspanne des DAX bis zum heutigen Befragungszeitpunkt gar auf 1,5 Prozent geschrumpft.

Nun kann man die momentane Trägheit der Aktienmärkte natürlich der Ferienzeit zuschreiben. Aber die abwartende Haltung der Akteure mag sich auch anderen Ursachen verdanken. Allerdings scheint das Überraschungspotenzial, das etwa von der heutigen Sitzung der US-Notenbank ausgehen könnte, auf der negativen Seite relativ begrenzt. Denn es ist kaum zu erwarten, dass die ohnehin durchweg taubenhaften Mitglieder des Offenmarktausschusses (FOMC) irgendetwas äußern werden, das den derzeitigen sehr großzügigen geldpolitischen Kurs der Fed infrage stellen könnte.

Hoffen auf böse Überraschungen

Aber so seltsam es klingen mag: Die Mehrheit der von uns befragten Investoren benötigt Risikoereignisse, die sich negativ in den Kursen niederschlagen. Dies vermittelt zumindest die heutige Stimmungsumfrage unter den mittelfristig orientierten institutionellen Investoren. Denn unser Börse Frankfurt Sentiment-Index hat sich mit einem Stand von -26 Punkten gegenüber der Vorwoche zumindest auf den ersten Blick nicht verändert. Allerdings hat sich die Polarisierung zwischen Bullen und Bären etwas verringert, weil sich deren Gruppen aufgrund von Gewinnmitnahmen bzw. Verlustbegrenzungen reduziert haben. Der Kursverlust des DAX – im Punktvergleich betrug dieser seit der vergangenen Sentiment-Umfrage -2,1 Prozent – ist indes erwartungsgemäß zu gering ausgefallen, als dass die seit nunmehr fünf Wochen in erheblicher Zahl auftretenden Pessimisten aus ihrer Schieflage auch nur mit halbwegs heiler Haut herausgekommen wäre.

Nun hat sich aber auch die vormals recht gute Stimmung der Privatanleger deutlich verschlechtert. In diesem Panel ist es nämlich zu breitangelegten Gewinnmitnahmen der Optimisten gekommen, die sich zu großen Teilen direkt auf die Bärenseite geschlagen haben. Das Resultat schlägt sich in unserem Börse Frankfurt Sentiment-Index nieder: Wir registrieren einen Rückgang von 24 Punkten auf ein Niveau von nunmehr -28 – dies ist der niedrigste Stand beim Sentiment-Index für dieses Panel seit Beginn unserer Aufzeichnungen Anfang 2013.

Mit vereinten Bärenkräften

Mit der heutigen Umfrage ist somit die deutliche Stimmungskluft zwischen Privatanlegern und institutionellen Investoren der vergangenen Wochen praktisch geschlossen worden. Beide Gruppierungen sind derzeit ähnlich pessimistisch eingestellt und warten nun auf einen deutlichen Rückgang des Börsenbarometers. Zum einen, damit sie es schaffen, aus alten Schieflagen mit möglichst geringem Verlust herauszukommen, oder, um es positiv auszudrücken, zumindest gegen größeres Ungemach abgesichert sind. Mit anderen Worten: Um profitabel zu sein bzw. aufgelaufene Buchverluste zu minimieren, benötigt die Mehrheit der von uns befragten Börsianer am besten negative Überraschungen und damit einhergehend weiter fallende Aktienkurse. Sollten sich diese tatsächlich einstellen, könnte sich erste größere Nachfrage an der Unterseite zwischen 12.300 und 12.400 DAX-Zählern einstellen. Ein Umstand, der dem DAX also auf niedrigerem Niveau zugutekommen dürfte. Stärkere Nachfrage dürfte allerdings auch nach Überschreiten des Juli-Hochs (rund 13.315) und spätestens jenseits des Allzeithochs aus dem Februar (rund 13.795) in Form einer oder gar mehrerer Short-Squeezes auftreten. Damit bleibt unter dem Strich zumindest das Sentiment-technische Umfeld für den DAX weiterhin günstig.

29. Juli 2020, © Goldberg & Goldberg für boerse-frankfurt.de

Video-Kommentar von Joachim Goldberg

Sentiment-Index institutioneller Anleger

 BullishBearishNeutral
Total25%51%24%

ggü. letzter Erhebung

-2%-2%

+4%

DAX (Veränderung zu vergangener Woche): 12.830 (-270 Pkt.)
Börse Frankfurt Sentiment-Index Institutionelle Anleger: -26 Punkte (Stand Vorwoche: -26 Punkte)

Sentiment-Index privater Anleger

 BullishBearishNeutral
Total25%53%22%

ggü. letzter Erhebung

-13%+11%+2%

DAX (Veränderung zu vergangener Woche): 12.830 (-270 Pkt.)
Börse Frankfurt Sentiment-Index Private Anleger: -28 Punkte (Stand Vorwoche: -4 Punkte)

Über den Börse Frankfurt Sentiment-Index

Der Börse Frankfurt Sentiment-Index bewegt sich zwischen -100 (totaler Pessimismus) und +100 (totaler Optimismus), der Übergang von positive in negative Werte markiert die neutrale Linie. 

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