24.03.20 12:12:00

Was tun? Tipps zum Umgang mit turbulenten Marktphasen

Von den Erfahrungen anderer profitieren: Wir haben Händler, Anleger, Trader, Analysten und Wissenschaftler gefragt, wie sie mit der jetzigen Börsenphase umgehen.


Oliver Roth: "Kaufniveau, aber es wird seine Zeit dauern"


Die Preise im Moment sind auf Kaufniveau, seit einer Weile schon. Allerdings ist der Verfall strukturell und wird seine Zeit andauern. Jetzt tut es weh. Das geht dennoch irgendwann vorüber. Auch wirtschaftlich wird es uns weh tun und ebenfalls seine Zeit dauern, bis wir wieder zu alter Stärke zurückgekehrt sein werden. Wir kommen sicher zurück, die Frage ist nur wann. Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies: Selbst wenn der Markt noch 2.000 Punkte fällt, ist es jetzt viel attraktiver, einzukaufen als vor sechs Wochen. Punkt. Manche Werte stehen jetzt schon unter Buchwert und daran sehen wir die Übertreibung. Das haben Crashs an sich: Sie übertreiben nach unten.

Den Börsenhandel auszusetzen, wäre das Schlechteste, was wir jetzt machen könnten. Wir würden Investoren, die darauf vertrauen, jederzeit nach Wunsch Aktien kaufen und verkaufen zu können, dieses psychologische Pfund nehmen und die Panik vergrößern. Die Möglichkeit zu handeln, zeigt, dass wir in der Lage sind, mit Unsicherheiten umzugehen. Deswegen müssen wir aktiv den Handel unterstützen. Das bringt Stabilität und notwendige Sicherheit.

Oliver Roth ist Chefhändler bei Oddo Seydler: Er leitet den Spezialistenhandel auf dem Frankfurter Parkett und betreut die Orderbücher von 1.600 Aktien.

*Bildquelle: Trilenium22


Prof. Peter Gomber:  "Fairen und transparenten Handel aufrechterhalten"


Es ist keine alltägliche Situation, außergewöhnlicher als 9/11 und die Finanzkrise 2008. Deswegen macht es durchaus Sinn, zu fragen, ob die Wertpapiermärkte geschlossen werden sollten. Allerdings müssten dann alle Märkte gleichzeitig schließen und unter koordinierter Steuerung der Aufsichtsbehörden. Das betrifft dann jede Art von Handel.

Würde man in dieser Situation zuerst die großen Referenzmärkte schließen, die Märkte, auf denen die Preise ermittelt werden, an denen sich andere Handelsplätze der sehr fragmentierten Finanzwelt orientieren, dann stiege die Unsicherheit und der Verkaufsdruck dränge auf die kleinen und außerbörslichen Märkte. Die Folgen könnten dramatisch sein.

Bei der Diskussion um eine Schließung darf man auch zwei weitere Aspekte nicht vergessen. Zum einen, dass die Ankündigung einer Schließung direkten weiteren massiven Verkaufsdruck auslösen würde, weil jeder vor der Schließung noch aus seinen Positionen raus will. Zum anderen, dass man irgendwann auch über eine Wiedereröffnung entscheiden muss. Dieser Zeitpunkt kann massive und unkalkulierbare Einflüsse auf die Vermögensverteilung haben, je nachdem, wie man vor der Schließung positioniert war.

Dass die großen Börsenplätze weiterhin offen sind, ermöglicht, fairen und transparenten Handel aufrechtzuerhalten. Solange der Zugang für alle Teilnehmer und der technische Betrieb der Börsen sichergestellt ist, sollte der Handel weiterlaufen.

Prof Gomber, Professur für e-Finance, Goethe Universität Frankfurt.


Dr. Udo Wortelboer: “Der mediale Umgang mit der Krise überschwemmt uns“


Wuhan und Hubai waren weit weg, der Einfluss auf die Weltwirtschaft jedoch schnell spürbar. Mittlerweile haben die Auswirkungen der Pandemie jeden erreicht. Für die derzeitigen gravierenden Einschränkungen im privaten, öffentlichen und Arbeitsleben gibt es keine Vergleichswerte und Erfahrungen. Frühere wirtschaftliche und medizinische Krisen betrafen die meisten Menschen nicht so unmittelbar.

Der mediale Umgang mit der Krise überschwemmt uns mit vielen widersprüchlichen Informationen in einer großen Welle. Die so viele essentielle Ebenen berührt: Was wird aus meinem Job, der Altersvorsorge, wie kann ich mich schützen und gesund bleiben?

Wie schaffen es die Menschen, in dieser Situation ihre Besonnenheit zu bewahren? Indem sie die Problemebenen entflechten, individuelle Prioritäten setzen und neue Erfahrungen im Umgang mit sich selbst, mit Anderen und der eigenen Arbeit zu machen.

Die eigene Geldanlage, die Verluste der vergangenen zwei Wochen, sollte man als eigene Ebene betrachten, sich nicht auf die absoluten Verluste fokussieren, sondern den eigenen langfristigen Anlagehorizont im Blick behalten.

Dr. Udo Wortelboer ist Psychiater und Psychotherapeut.


Roger Peeters: "Es ist extrem, aber selbst das gehört dazu.“
 

Wir erleben zurzeit in fast jedem Moment unseres Alltags, dass die Zeiten besonders sind. Wir erleben es in der Einschränkung unseres Alltags, in der veränderten Arbeitswelt und in der Ungewissheit, wie es weiter geht. Sehr intensiv erleben es zurzeit etliche Unternehmer, denen von jetzt auf gleich große Teile des Geschäfts weggebrochen sind.

Als Aktionär sind Sie (Mit-)Eigentümer und somit auch Mit-Unternehmer. Deshalb ist es logisch und praktisch zwangsläufig, mit einem Aktienengagement momentan ebenso bemerkenswerte und auch schwere Zeiten durchzumachen. Der deutsche Leitindex DAX etwa notiert im Moment um satte 34 Prozent unter dem Niveau zum Jahreswechsel. Und dieser dramatische Verlust fiel binnen weniger Wochen an. Genauso wie Aktionäre immer wieder über Jahre an prosperierenden unternehmerischen Entwicklungen in Form von steigenden Kursen teilhaben, müssen sie nun signifikante Verluste hinnehmen.

Es ist nun mal eine Extremsituation, auch in der Geldanlage. Und genau dies sollte man sich immer vergegenwärtigen und deshalb nicht gerade jetzt dieses „unternehmerische Engagement“ generell in Frage stellen. Auch hervorragend laufende Geschäfte werden momentan temporär geschlossen und werden auch wieder öffnen, was gerade oft verdrängt wird.

Ich bin seit den neunziger Jahren beruflich am Aktienmarkt tätig, davon große Teile unternehmerisch. Krisen gehören nun mal zum Geschäftsleben dazu und treten auch wiederkehrend an der Börse auf. Man muss sie nicht mögen, aber als Teil des Ganzen hinnehmen, zumal jede Krise unstrittig auch sehr große Chancen eröffnet.

Roger Peeters ist geschäftsführender Gesellschafter der pfp Advisory GmbH. Gemeinsam mit seinem Partner Christoph Frank steuert der seit über 20 Jahren am deutschen Aktienmarkt aktive Experte den DWS Concept Platow Fonds (WKN DWSK62), einen 2006 aufgelegten und mehrfach ausgezeichneten Stock-Picking-Fonds. Weitere Infos unter www.pfp-advisory.de. Peeters ist weiterhin Mitglied des Vorstands der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) e.V..

 


Jessica Schwarzer: "In einem Jahr, vielleicht auch erst in zwei oder drei Jahren, haben wir die Kursverluste wettgemacht."


Was für ein Crash! In nun vier Wochen verliert der Dax 40 Prozent! Im Ernst? Es ist mein dritter Crash, aber keiner war so heftig, nie stürzten die Kurse so extrem schnell in die Tiefe – nicht als die Internetblase zu Beginn des Jahrtausends platzte und nicht zu Hochzeiten der Finanzkrise.

Der Unterschied zu damals? Ich bin heute sehr viel entspannter. Natürlich belasten mich die Kursturbulenzen. Und der Blick auf mein Depot ist auch nicht Vergnügungssteuer pflichtig. Im Gegenteil. Doch obwohl dieser Crash heftiger ist als alles, was wir in den vergangenen Jahrzehnten erlebt haben, komme ich besser klar. Das hat einen einfach Grund: Ich habe eine Strategie, eine langfristige Strategie, und klare Verhaltensregeln für den Fall der Fälle. Das sollten alle Privatanleger*innen haben. Eine klare Strategie und Regeln für alle Marktlagen helfen, die Nerven zu bewahren und nicht panisch (oder gierig) zu werden. Aktien waren, sind und bleiben langfristig (!!!) die erfolgreichste Anlageklasse überhaupt – allen Rücksetzern zum Trotz.

Jetzt sind starke Nerven gefragt. Wir müssen unserer Strategie treu bleiben, vielleicht kaufen wir sogar nach. Ich bin überzeugt, dass wir auch diese Krise und diesen Crash überstehen. In einem Jahr, vielleicht auch erst in zwei oder drei Jahre haben wir die Kursverluste wettgemacht. Alles wird gut!

Jessica Schwarzer ist Journalistin, Buchautorin und Moderatorin mit einer großen Leidenschaft für die Börse.


Christian W. Röhl: "Bloß nicht täglich ins Depot schauen, mehr an die Cash-Flows denken.“
 

Beobachten Sie besser nicht ständig an den Wert Ihres Portfolios. Ich mache das auch in guten Phasen nicht. Wenn man sich nicht reich rechnet, solange es läuft, macht sich jetzt nicht verrückt.

Betrachten Sie lieber die Cash-Flows – Dividenden, Zinsen, Mieteinnahmen. Auch wenn die Preise wie irre schwanken, kommen trotzdem Gewinne rein. Dividenden sind ein wichtiger psychologischer Faktor.

Es hilft beim Ertragen von Verlusten zudem sehr, sich mehr auf das Gesamtvermögen zu konzentrieren, einschließlich Rentenzusagen und Immobilen zum Beispiel. Viele produzieren weiter neues Kapital, etwa ihr Gehalt, während die Aktien gerade an Wert verlieren.

Wir können auch nach vorne schauen: Es steckt in dieser Situation auch viel Potential, unternehmerische Schwachstellen zu beheben und dadurch einen Investitionsboom auszulösen.

Christian W. Röhl ist Investor und Autor und seit über 20 Jahren an der Börse aktiv. Er publiziert u.a. auf dividendenadel.de.


Joachim Goldberg: "Langfristige Perspektive nicht verlieren“

Was Sie jetzt am besten machen, hängt ganz von Ihrem Anlagehorizont ab.

Kurzfristig orientierte Anleger sollten jetzt nicht mehr im Markt sein. Wer vernünftiges Money Management betreibt, ist schon längst ausgestoppt worden. Bei diesen Schwankungen sind selbst Profis überfordert. Nach Tiefstkursen stochern ist reines Glücksspiel.

Wer einen langfristigen Plan hat: weitermachen damit. Anleger, die regelmäßig in Sparraten anlegen, bekommen jetzt mehr Aktien fürs gleiche Geld. Und irgendwann werden sich die Kurse wieder erholen. In der Berechnung der langfristigen Renditen von Aktien mit  6 bis 7 Prozent jährlich sind Kurseinbrüche enthalten, auch die von 1886, 2000 und 2008. Wer vor drei Wochen Aktien langfristig noch für alternativlos in Vermögensaufbau und Altersvorsorge gehalten hat, sollte dies jetzt immer noch so sehen und die eigene Strategie nicht aus den Augen verlieren.

Joachim Goldberg ist profilierter Verhaltensökonom und befasst sich seit rund 40 Jahren mit Wertpapier- und Devisenmärkten. 


Schutzmechanismen im Handel

Die Volatilitätsunterbrechung zählt zu den wichtigsten Schutzmechanismen im Xetra-Handel an der Frankfurter Wertpapierbörse. Sie stellt sicher, dass der Börsenhandel auch in extremen Marktsituationen stabil bleibt. Das wirkt sich auch auf Indizes wie den DAX aus, die auf Xetra-Preisen basieren. Mehr

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