15.01.20 13:26:43

Marktstimmung: "Keine Spur bislang von Euphorie"

Preise steigen, Stimmung steigt. Aber nicht alle sind dabei, was sie in Bedrängnis bringen könnte.

Zusammenfassung

Mit dem Kursschub an der Börse – deutsche Aktien sind seit vergangenen Mittwoch um 300 Punkte gestiegen – sind viele hiesige Anleger eingestiegen. 7 Prozent der Profis und 4 Prozent der privaten Investoren haben deutsche Bluechips gekauft, 6 bzw. 8 Prozent Short-Positionen geschlossen. Die Sentiment-Indizes stehen bei +3 und +8 Punkten wieder über der Nulllinie.

Nach Ansicht von Joachim Goldberg sind ein großer Teil der Käufer dem Markt hinterhergelaufen und die Mehrheit hält sich ohnehin weiter zurück, wartet auf eine günstigere Einstiegsmöglichkeit. Deswegen sieht der verhaltensorientierte Analyste an der Unterseite den Markt durch diese potentielle Nachfrage gut gestützt. Andererseits drohe etlichen Anlegern auf der Short-Seite die Gefahr, dass sich die Preise noch weiter nach oben bewegen. Dann müssten die Bären auf die Long-Seite, egal um welchen Preis.

15. Januar 2020. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Nun ist es also soweit: Heute Nachmittag soll nach hiesiger Zeit das Teilabkommen, der sogenannte „Phase-eins-Deal“ zwischen China und den USA, unterzeichnet werden. Ein Abkommen, um das sehr viel Rummel gemacht wurde, das aber das Zeug dazu hat, eher als politische Geste denn als ein groß angelegtes Commitment der Beteiligten in die Geschichte einzugehen. Der Absicht Chinas, von den USA in Zukunft in erheblich höherem Maße Waren und Dienstleistungen abzukaufen, steht auf den ersten Blick – Stand heute Morgen – nur eine vergleichsweise geringe Absenkung von Strafzöllen seitens der USA gegenüber. Tatsächlich dürfte der Großteil der US-Importe aus China (es geht wahrscheinlich um ein Volumen von 370 Milliarden USD) weiterhin und überwiegend in unveränderter Höhe mit Einfuhrzöllen belastet sein. Und schenkt man gestrigen Medienberichten Glauben, soll sich daran vor den US-Präsidentschaftswahlen im November nichts mehr ändern. Kurzum: Es besteht ein nicht unerhebliches Risiko, dass die Börsianer hinsichtlich des Teilabkommens möglicherweise zu große Hoffnungen gehegt haben.

Während vor allen Dingen Kommentatoren und auch viele Analysten den Eindruck erweckt haben, dass Aktien derzeit alternativlos seien und das Risiko einer Überhitzung des derzeitigen Aufwärtstrends vor allen Dingen in den USA nicht besonders hoch sei, sind die mittelfristig agierenden Investoren hierzulande immer noch recht zurückhaltend. Dies zeigt sich an unserem Börse Frankfurt Sentiment-Index, der zwar um 13 Punkte auf einen Stand von +3 Punkten zulegen konnte. Aber hemmungslose Euphorie sieht anders aus. Immerhin ist es bemerkenswert, dass sich seit unserer vergangenen Erhebung eine Wanderung von 6 Prozent aller Befragten direkt vom Bären- ins Bullenlager vollzogen hat, obwohl es seither keine günstige Einstiegsmöglichkeit mehr gab. Mit anderen Worten: Ein Teil der Akteure ist der Marktentwicklung hinterhergelaufen.

Dem Markt hinterhergelaufen

Eine Veränderung ähnlichen Ausmaßes gab es auch bei den Privatanlegern, deren Börse Frankfurt Sentiment-Index um 12 Punkte auf einen Stand von +8 Punkte gestiegen ist. In diesem Panel hat fast ein Fünftel der früheren Pessimisten das Handtuch geworfen. Dennoch hat sich nur die Hälfte dieser Akteure direkt zu den Bullen begeben, während der Rest nun an der Seitenlinie abzuwarten scheint.

Mit der heutigen Erhebung wird deutlich, dass sich die zu Jahresanfang erkennbare Vorsicht für einige Akteure nicht ausgezahlt hat und es stattdessen zu Käufen in den ohnehin steigenden Markt gekommen ist. Abgesehen davon, dass sich diese Unternehmung mancherorts möglicherweise recht teuer gestaltet haben könnte, bleibt zum wiederholten Male eine nicht ganz ungefährliche Erkenntnis: Wenn Vorsicht zu teuer wird und durch die Marktentwicklung immer wieder bestraft wird, dann kann dies in der Folge zu einer erzwungenen Sorglosigkeit führen.

Allerdings zeigen die Ergebnisse der heutigen Sentiment-Erhebung, dass noch längst nicht das Gros der Börsianer diszipliniert die Konsequenz aus dem jüngsten Kursanstieg des DAX von 2,3 Prozent im Wochenvergleich gezogen hat. Offenbar hofft man mancherorts insgeheim doch noch auf eine angemessenen Abwärtskorrektur des Börsenbarometers, um zumindest nicht die derzeit hohen Kurse bezahlen zu müssen. Und man kann sich gut vorstellen, dass manch schiefliegender, auf Absicherung bedachte Investor froh wäre, noch einmal den Einstandspreis der Vorwoche wieder zu sehen, der zwischen 13.050 und 13.150 liegen dürfte. Ob eine etwaige Korrektur so weit trägt? Nachfrage ist dem DAX also zumindest aus heimischen Quellen an der Unterseite recht sicher. Problematisch wird es allerdings, wenn die bestehenden Short-Engagements und Absicherungen nicht mehr zu vertreten sind, weil der DAX ein neues Allzeithoch (oberhalb von rund 13.596) markiert hat und weitere Investoren unter Kaufzwang geraten. Von Euphorie kann derzeit also noch keine Rede sein.

15. Januar 2020, © Goldberg & Goldberg für boerse-frankfurt.de

 BullishBearishNeutral
Total38%35%27%

ggü. letzter Erhebung

+7%-6%

-1%

DAX (Veränderung zu vergangener Woche): 13.450 (+300 Pkt.)
Börse Frankfurt Sentiment-Index Institutionelle Anleger: +3 Punkte (Stand Vorwoche: -10 Punkte)

 

 BullishBearishNeutral
Total43%35%22%

ggü. letzter Erhebung

+4%-8%+4%

DAX (Veränderung zu vergangener Woche): 13.450 (+300 Pkt.)
Börse Frankfurt Sentiment-Index Private Anleger: +8 Punkte (Stand Vorwoche: -4 Punkte)

 

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Der Börse Frankfurt Sentiment-Index bewegt sich zwischen -100 (totaler Pessimismus) und +100 (totaler Optimismus), der Übergang von positive in negative Werte markiert die neutrale Linie. 

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