Hüfners Wochenkommentar: Eurokrise - Jetzt wird's interessant für den Anleger
22. November 2012
22. November 2012. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Die Stimmung im Euroraum verschlechtert sich im Augenblick wieder. Griechenland braucht dringend Geld, die Gläubiger können sich aber nicht einigen, wie es zur Verfügung gestellt wird. Spanien ziert sich, einen Antrag auf Hilfen der Europäischen Zentralbank zu stellen. Frankreich kann sich nicht zu überzeugenden Reformen durchringen. In dieser Woche hat Moody's die Bonitätsnote für das Land (bisher AAA) gesenkt. Das Ganze könnte zu einer neuen Zuspitzung der Krise eskalieren. Manchmal hat man den Eindruck, als hätten wir in den letzten zwei Jahren nichts gelernt und stünden in der Krise schlimmer da denn je.
Das ist nicht richtig. Ich habe mir die Fundamentaldaten der Schuldnerländer im Euroraum etwas genauer angeschaut. Da zeigt sich, dass eine ganze Menge getan wurde und dass das Ganze auch wirkt. Die Haushaltsdefizite sind spürbar gesenkt worden. Konjunkturbereinigt liegen sie beispielsweise in Italien und Griechenland jetzt nur noch bei 1,3 Prozent des BIP, in Portugal bei 3,1 Prozent (in Spanien allerdings noch bei 6 Prozent). Auf den Arbeits- und Gütermärkten wurden wichtige Reformen in Angriff genommen. Als Folge davon ist die Wettbewerbsfähigkeit gestiegen. Die Leistungsbilanzdefizite sind zurückgegangen. In Irland und Griechenland sind die Lohnstückkosten, verglichen mit dem Beginn der Krise, inzwischen um fast 15 Prozent niedriger, in Spanien fast 10 Prozent.
Das ist natürlich noch nicht genug. Griechenland muss noch hart arbeiten – an einer Verbesserung seiner Konkurrenzfähigkeit und an der Effizienz des öffentlichen Sektors (nicht zuletzt bei der Steuererhebung). Spanien muss die Haushaltsdefizite und die faulen Kredite der Banken weiter verringern. Frankreich muss aufpassen, dass es nicht in den Strudel der anderen mitgerissen wird.
Insgesamt ist es jedoch ein Anfang. Es ist mehr als viele denken. Dies umso mehr, als es gelungen ist, einen stabilen institutionellen Rahmen zur Krisenbekämpfung fertig zu stellen. Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) ist mit einem Kapital von 700 Milliarden Euro ist inzwischen kein Provisorium mehr, sondern voll arbeitsfähig. Er ist vergleichbar mit dem Internationalen Währungsfonds auf globaler Ebene. Die Europäische Zentralbank verfügt mit dem OMT (Outright Monetary Transactions) über ein Instrument, mit dem sie an den Märkten Übertreibungen verhindern kann. Man kann darüber streiten, ob es sinnvoll war, das OMT bei der EZB anzusiedeln, ich hätte es lieber beim ESM gesehen. Dass es aber gebraucht wird, ist nicht zu leugnen.
Als Folge dieser Maßnahmen haben sich die Verhältnisse an den europäischen Kapitalmärkten normalisiert. Die vor allem von Professor Sinn so viel kritisierten Target-Salden sind nicht mehr gestiegen. Sie haben sich von 750 Milliarden Euro Ende August auf 719 Milliarden Euro Ende Oktober verringert (siehe Grafik). Das hängt vermutlich mit der Rückkehr von Fluchtgeldern zusammen.
Es fließt aber auch wieder neues Kapital in den Euroraum. Das Emirat Katar hat angekündigt, 2 Milliarden Euro in Italien zu investieren. Amerikanische Geldmarktfonds legen Geld in Europa an. Ausländer kaufen europäische Staatsanleihen. Banken leihen sich untereinander auch ohne Sicherheiten wieder Geld.
Natürlich kann sich diese Entspannung an den Märkten schnell wieder ändern. Es ist nach wie vor eine fragile Situation. Sie ist heute aber besser als vor einem halben Jahr, weil sie inzwischen vermehrt durch fundamentale Besserungen abgesichert ist.
Vorbei ist die Eurokrise in jedem Fall noch nicht. Worum es jetzt geht ist erstens dafür zu sorgen, dass der Elan der Haushaltskonsolidierung und der Strukturreformen in der Wirtschaft nicht erlahmt. Das ist angesichts der Rezession, der hohen Arbeitslosigkeit und der zunehmenden sozialen Unruhen außerordentlich schwierig.
Zweitens sollte man – ohne die Substanz zu verwässern, das ist wichtig – den Zeitplan der Reformmaßnahmen etwas strecken. Alles geht leichter, wenn die Menschen sehen, dass ihre Anstrengungen nicht permanent durch eine schlechte Konjunktur zunichte gemacht werden. Zudem sollten in einer langsamer wachsenden Weltwirtschaft von Europa nicht noch zusätzliche restriktive Wirkungen ausgehen. Der Kontinent steht international ohnehin am Pranger. Der Streit zwischen der EU und dem IWF, ob Griechenland seine Staatsverschuldung im Jahr 2020 oder erst 2022 auf 120 Prozent des BIP zurückführt, ist lächerlich, zumal beide Termine Fiktion sind.
Drittens müssen die Staats- und Regierungschefs jetzt das "Institution Building" in Angriff nehmen, also die Institutionen der Währungsunion handlungsfähiger machen, die Souveränität der Nationalstaaten beschränken und einen Schritt in Richtung auf die politische Union gehen. Das ist das Langfristziel, das nicht aus dem Auge verloren werden darf.
Für den Anleger
Jetzt wird es interessant. Ich hatte zum ersten Mal im Sommer (Hüfners Wochenkommentar: "Hartz IV in Italien?" vom 3. Mai 2012) darauf hingewiesen, dass man sich Aktien der Peripherieländer Italien, Spanien und Griechenland anschauen sollte. Sie müssten von den Reformmaßnahmen profitieren. Seit Juli haben die spanischen Börsen um 29 Prozent zugelegt, die italienischen um 22 Prozent, die griechischen um 40 Prozent (Deutschland dagegen nur um 12 Prozent). Sie haben damit aber bei Weitem noch nicht das Niveau von vor der Krise erreicht. Inzwischen gibt es immer mehr Empfehlungen für diese Werte. Auch Aktien der Kernländer müssten sich im internationalen Wettbewerb der Börsen besser stellen. Das Risiko: Bevor es mit den Kursen nach oben geht, kann es – wenn sich das gegenwärtige Hickhack fortsetzt – erst noch einmal nach unten gehen. Aber dann wären die Einstiegskurse günstiger.
Anmerkungen oder Anregungen? Martin Hüfner freut sich auf den Dialog mit Ihnen: redaktion@deutsche-boerse.com.
© 22. Novemer 2012 /Martin Hüfner
Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon Asset Management S.A. Er war viele Jahre Chefvolkswirt beziehungsweise Senior Economist bei der HypoVereinsbank und der Deutschen Bank. In Brüssel leitete er den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung. Hüfner schreibt für große internationale Zeitungen wie die Neue Züricher Zeitung oder die Schweizer Finanz und Wirtschaft sowie für große Zeitungen in Deutschland. Er ist Autor mehrerer Bücher, u. a. "Europa Die Macht von Morgen" und "Comeback für Deutschland".
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