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26.02.2016 13:43:29
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Kolumne

Halvers Woche: "Vergesst Grexit - Das wahre Düngemittel für die Eurosklerose ist der Brexit"



Halver sinniert darüber, was ein Ausstieg Großbritanniens vor allem für das Land selbst bedeuten würde.
26. Februar 2016. MÜNCHEN (Baader Bank). Nach dem EU-Gipfel sonnte sich der britische Premierminister David Cameron im vermeintlichen Glanz der erzielten Beschlüsse: Er, der kleine David habe im Kampf gegen den großen Goliath EU einen epochalen Triumpf für Großbritannien errungen. Jetzt könnten die Briten freudestrahlend ja zur EU und nein zum Brexit sagen.

Eine Lex Britannica für die EU sieht anders aus

Sind die Ergebnisse wirklich so toll für das Vereinigte Königreich? Die ihm zugesprochene "Notbremse", um Zuwanderung aus der EU Richtung UK über gekürzte Sozialleistungen und Kindergeldzahlungen einzudämmen, ist nichts Besonderes. Spätestens seit Margaret Thatcher hat Großbritannien mit sozialer Hängematte so viel gemeinsam wie Lieutenant Kojak mit Fönfrisuren. Die Menschen, die nach England kommen, wissen, dass sie dort sehr hart arbeiten müssen und tun dies ja auch. Wegen staatlicher "Stütze" kommt kaum einer auf die Insel. Überhaupt wird dieser Cameron gewährte, staatliche Kostenvorteil schnell einkassiert, da auch Frau Merkel z.B. die britische Kindergeldregelung auf Deutschland anwenden will. Selbst die Wünsche nach mehr nationaler Souveränität Großbritanniens und Ausnahmen vom Ziel einer immer engeren EU-Integration hätten sich auch ohne die Drohkulisse eines Brexit erreichen lassen. Denn mit der Extrawurst-Braterei für UK wurde spätestens mit der Gewährung des Briten-Rabatts bei Einzahlungen in den EU-Klingelbeutel - der übrigens bis heute noch gilt - begonnen.

Der EU-Gipfel hat leider in einem entscheidenden Punkt versagt. Gemäß dem früheren Hit von Manfred Mann’s Earth Band "Davy’s on the road again" hätte sich David Cameron auf den Weg nach Brüssel machen sollen, um dem in der EU ausgestorbenen Thema "Wettbewerbsfähigkeit" wieder Leben einzuhauchen. Doch außer Spesen nichts gewesen: Die EU solle ihre Anstrengungen für mehr Wettbewerbsfähigkeit verstärken, um Wachstum und Jobs zu schaffen. Geplant seien konkrete Schritte, um bessere Gesetzgebung zu ermöglichen sowie Verwaltungslasten und Bürokratiekosten zu beseitigen. Wow, klingt so, als würde die Mutter zu ihrem pubertierenden Kind sagen: Räum doch bitte mal dein Zimmer auf. Wir wissen alle, von welchem Erfolg diese Aufforderung gekrönt ist.

In den Umfragen pro bzw. contra Brexit stand es bislang Spitz auf Knopf. Ehrlich gesagt, sind die EU-Gipfelbeschlüsse für Großbritannien nicht mehr wert als die Tüten Pommes mit Mayo, die Frau Merkel sich und ihren Lieben während ihrer zwischenzeitlichen Flucht vom Brüsseler Verhandlungstisch gegönnt hat. Und damit glaubt Cameron seine Landsleute am 23. Juni 2016 überzeugen zu können, für den Verbleib von UK in der EU zu stimmen?

"David Cameron ist mit etwas mehr als Nichts vom EU-Gipfel zurückgekommen."
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Also Humor haben die Briten, leider manchmal einen sehr typisch englischen

Und jetzt legt auch noch ein Parteifreund Camerons, Boris Johnson, Spitzname "BoJo", seine Finger in die offene Brexit-Wunde Camerons. BoJo ist nicht irgendwer, sondern der Bürgermeister von London. Und dieser hat sich eindeutig für den Austritt der Briten aus der EU ausgesprochen. Aus BoJo wird BoGo. Jetzt verstehe ich die Steigerungsform von Feind, Erzfeind, Parteifreund.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Der oberste Repräsentant einer der weltoffensten und internationalsten Städte der Welt - als Standort eines der größten Handelsplätze für Wertpapiere und Rohstoffe ist London auf wirtschafts- und finanzpolitische Grenzenlosigkeit und Kapitalverkehrsliberalisierung ähnlich angewiesen wie der Fisch auf Wasser - will Großbritanniens Exodus aus der EU aus Angst vor Kolonialisierung durch Brüssel. Das British Empire ist ja in dieser Hinsicht historisch völlig unbefleckt, oder?

Die politischen und wirtschaftlichen Risiken liegen auf der Hand. Beim Brexit ist die Insel tatsächlich vom Kontinent isoliert. Gehört man nicht mehr zur - zugegebenermaßen oft knubbeligen - EU-Verwandtschaft, werden die Schotten, die die EU nicht als böse Kolonialmacht unter deutscher Führung betrachten, erneut ein Referendum über die Abspaltung von Großbritannien anstreben. Und dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass aus Great Britain Little Britain wird. In unserer Welt käme das "Kleinbritannien" schnell unter die großen globalen Räder.

""Kleinbritannien" käme schnell unter die globalen Räder."
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Hat man jemals gehört, dass Frösche für die Trockenlegung ihrer eigenen Sümpfe plädieren?

Hinzu käme eine Wirtschaftsflaute wegen Abwanderung der britischen Industrie in den viel größeren Wirtschaftsraum der EU. Über 40 Prozent der britischen Exporte gehen immerhin in die EU. Die stehen im Feuer, wenn man andere "politische Steckdosen" einführt, die nur mit technisch, juristisch und politisch komplizierten Adaptern EU-systemkompatibel gemacht werden können. Warum dann noch in UK investieren? Warum nicht direkt in der EU? Und wo die Konjunktur lahmt, sind Rating-Abstufungen auch nicht weit. Schließlich wird die Bank of England gezwungen sein, staatsschuldenfinanzierte Konjunkturpolitik zu betreiben.

Während der Kontinent vor allem auf die ideologische Bedeutung eines gemeinsamen Europas schaute, hat Großbritannien die europäische Einigungsidee immer rational, als Chance-Risiko-Anlageobjekt betrachtet. Für die Insel war die EU immer eine Vernunftsehe nach dem Motto "Wie sieht die europäische Mitgift für uns aus". Aber jetzt sollte man den britischen Rationalismus nicht ins Heim schicken und ihn durch einen emotional übertriebenen EU-Skeptizismus ersetzen. Auch wenn man als Brite sicherlich oft eine Faust in der Tasche machen muss: Es spricht mehr für als gegen die EU. Die politische und wirtschaftliche Isolation Großbritanniens erinnert an Masochismus.

Die Abwertung des britischen Pfunds gegenüber dem US-Dollar und auch Euro zeigt, dass die Finanzmärkte von einem Brexit not amused wären.

"Die politische und wirtschaftliche Isolation Großbritanniens erinnert an Masochismus."
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Nach einem Brexit geht es nicht nur der EU nicht besser, sondern UK noch schlechter

Sagt Großbritannien der EU am 23. Juni Goodbye, spricht viel dafür, dass die (wirtschafts-)politische Zersetzung Europas zunehmen wird. Großbritannien könnte der erste umfallende Dominostein sein, der eine Kettenreaktion in puncto Renationalisierung lostritt.

Nach einem Exodus Britannica wird die Rest-EU noch mehr der Staatswirtschaft frönen. Denn der marktwirtschaftliche Widerstand der Briten wäre gebrochen. In der praktischen Ausprägung heißt das noch mehr Schulden, die von der Mutter aller Schlachten - jeder weiß, wer das ist - bezahlt werden. Der privaten Wirtschaft droht dann immer mehr ein ähnliches Schicksal wie den Dinosauriern nach dem Meteoriteneinschlag. Denn in einem "sozialromantischen" Europa, das wegen Reformfeindlichkeit keinen wirtschaftsfreundlichen Nährboden bietet, hat kaum ein Unternehmen Lust zu investieren. In unserer großen Investitionswelt werden die internationalen Kapitalströme Europa meiden wie die Regenwolken die Atacama-Wüste in Chile. Geostrategisch ist Europa seit 1990 ohnehin uninteressanter geworden. Die enorm zunehmende pazifische Ausrichtung der Welt gräbt dem früheren Atlantizismus immer mehr das Wasser ab. Und das gilt auch wirtschaftspolitisch. Im Gegensatz zu Europa herrscht in Asien das volkswirtschaftliche Leistungsprinzip. Damit zieht man nicht zuletzt europäische Unternehmen an, die im internationalen Wettbewerb stehen und sich keine Wirtschaftsstandorte erlauben können, in denen man zwar über Reformpolitik spricht, aber keine Reformpolitik macht. Für Arbeitsplätze, Konsum und Steuereinnahmen sind das keine guten Vorzeichen. Übrigens auch nicht für die europäischen Aktienmärkte.

Die EU würde sich wirtschaftlich immer mehr kastrieren und zwar selbst. Und dann wird Großbritannien noch mehr zu spüren bekommen, dass es eben keine Insel der Glückseligkeit ist. Geht England aus der EU heraus, sägt es über die Abschaffung europäischer Wettbewerbsfähigkeit noch mehr am Ast, auf dem es selbst sitzt. Denn ob mit oder ohne Brexit bleibt Großbritannien dem Kontinent schon rein geographisch immer noch sehr nah.

"Nach einem Brexit geht es allen, auch UK selbst schlechter."
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Als hätten wir nicht schon genug Probleme in der EU

Hätte Cameron in puncto Brexit geschwiegen, wäre er ein Philosoph geblieben. Aus reinem Polit-Populismus hat er Geister gerufen, die er nun nur noch schwer loswird: Jetzt muss er die EU-skeptischen Briten zu überzeugten Europäern machen. Das ist ein Kunststück ähnlich dem Versuch, aus Veganern Steakliebhaber zu machen.

Die Brexit-Kuh ist noch lange nicht vom Eis. Bis zum 23. Juni werden die europäischen Finanzmärkte von jeder Hochrechnung über den Ausgang der Brexit-Wahl verunsichert. Der Kontinent und vor allem Brüssel und Berlin sind gut beraten, den britischen Wählern entgegenzukommen, indem man z.B. in der Bewältigung der Flüchtlingskrise endlich keine dilettantische Figur mehr macht. Erst wenn der Kontinent hier Gemeinsamkeiten findet, kann man auch die Insel überzeugen.

Damit würde man dem Rindvieh zumindest schon einmal die Leine um Hals und Hörner legen. Dann muss man nur noch ziehen. Ich wünsche Merkel & Co. dicke, sehr dicke Muskeln. Sie sollten sofort in das EU-politische Fitness-Studio gehen.

"Der Kontinent muss die Brexit-Kuh, die auf das Eis gelaufen ist, wieder an das Ufer ziehen."
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von: Robert Halver
© 26. Februar 2016 - Baader Bank

Über den Autor

Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank und Halvers Woche Bestandteil des wöchentlichen Kapitalmarktmonitors.

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.

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