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10.11.2017 19:35:43
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Börsen-Zeitung: Auf dem Niveau vor Lehman, Marktkommentar von Kai

Johannsen

Frankfurt (ots) - Von den Staatsanleihemärkten dies- und jenseits

des Atlantiks kommen derzeit keine ermutigenden Signale hinsichtlich

der Konjunkturentwicklung. Sowohl die Zinsstrukturkurve in den USA

als auch die Renditekurve der Bundesanleihen, die allgemein als sehr

verlässlicher Ratgeber in Sachen konjunktureller Dynamik gelten und

damit den Pfad der Geldpolitik der jeweiligen Notenbank vorzeichnen,

geben recht klare Richtungen vor. Am US-Markt hat sich die Kurve

stark verflacht, bei der Bundkurve läuft diese Tendenz seit rund zwei

Monaten.

Unter einer normalen Zinsstrukturkurve versteht man, dass die

langfristigen Zinsen über den kurzfristigen Zinsen liegen. Beim

Laufzeitenband wählt man gemeinhin den Abstand zwischen den zwei- und

zehnjährigen Fälligkeiten der jeweiligen Staatsanleihen. Läuft die

Konjunktur rund - und droht sie vielleicht in eine Hochkonjunktur mit

Überhitzungserscheinungen überzugehen -, muss die Notenbank auf

längere Sicht mit höheren Zinsen dagegen ansteuern. Das zeigt die

normale Kurve am Markt dann schon an, indem die langen Zinsen eben

über den kurzen Sätzen sind. Umgekehrt sieht es bei einer inversen

Zinsstruktur aus, bei der die langfristigen Zinsen in Gestalt der

zehnjährigen Staatsanleiherenditen unter den kurzfristigen, d.h.

zweijährigen Staatstitelrenditen liegen. Die Wirtschaft geht in die

Rezession über oder befindet sich in derselben, weshalb die Notenbank

mit Zinssenkungen/niedrigen Zinsen gegen die konjunkturelle Schwäche

ankämpfen muss, d.h. die Wirtschaft via Geldpolitik stimuliert. Das

bildet der Markt vorab über die inverse Zins-/Renditestruktur ab. Von

der normalen zur inversen Zinsstruktur gelangt der Markt über die

Verflachung der Zinsstruktur, d.h. die langfristigen Zinsen fallen,

und die kurzfristigen Zinsen/Renditen fallen nicht so stark oder

steigen leicht an.

Der Gradmesser der Verflachung ist der Abstand der Anleiherenditen

zwischen dem kurzen und langen Laufzeitenende. Am

US-Staatsanleihemarkt beträgt dieser Abstand nun knapp unter 70

Basispunkte (BP) oder 0,7 Prozentpunkte, denn die zehnjährigen

US-Rentenpapiere werfen um die 2,33% ab, die zweijährigen US-Titel um

die 1,64%. Man muss schon lange suchen, bis man einen derartig engen

Abstand zwischen diesen beiden Laufzeiten in der Vergangenheit

findet: Es ist die geringste Differenz dieser beiden Renditewerte

seit einem Jahrzehnt, letztmalig im November 2007, also knapp ein

Jahr vor der Lehman-Pleite zu beobachten. Die Anleger stellen sich

demzufolge darauf ein, dass die US-Wirtschaft in nächster Zeit in den

Abschwung übergeht - nach neun Jahren Aufschwung vielleicht nicht die

allergrößte Überraschung. Das würde dann auch bedeuten, dass sich die

US-Notenbank Fed mit ihrem nächsten Zinsschritt nach oben etwas

beeilen sollte, denn für den Abschwung muss sie sich wieder

(Zins-)Pulver zur Seite legen, damit sie der Wirtschaft später über

Zinssenkungen wieder unter die Arme greifen kann. Allerdings läuft

sie bei weiteren Zinserhöhungen verständlicherweise auch Gefahr, dass

sie sich dem Vorwurf ausgesetzt sieht, die Wirtschaft über

Zinserhöhungen abgewürgt zu haben. Wobei in diesem Zusammenhang immer

noch zu berücksichtigen ist, dass sie bislang offenkundig keinen

aggressiven Kurs in der Zinsanpassung nach oben gefahren ist.

Eurozone zieht nach

In der Eurozone ist es nicht so drastisch wie in den USA, aber die

Entwicklung ist auch nicht von der Hand zu weisen. In den vergangenen

knapp zwei Monaten hat sich auch hier die Bundkurve abgeflacht.

Betrug der Abstand zwischen zwei- und zehnjährigen Bundrenditen in

der zweiten Septemberhälfte noch knapp 120 BP oder 1,2 Prozentpunkte,

sind es etwas weniger als 110 BP bzw. unter 1,1 Prozentpunkte. Rund

10 BP sind gewiss nicht die Welt und noch lange kein Grund, in Panik

zu verfallen und die Rezession auszurufen. Aber man sollte es

vielleicht auch nicht auf die leichte Schulter nehmen. Geht es

nämlich unter die 100 BP oder 1-Prozent-Marke, ist der Markt auch

hierzulande offensichtlich nicht mehr weit vom US-Niveau entfernt.

Für die Europäische Zentralbank (EZB) wäre das gewiss keine

wünschenswerte Entwicklung. Kommt es nämlich zum Abschwung -

vielleicht sogar im Sog der US-Wirtschaft -, wird es mit dem Ausstieg

aus der ultralaxen Geldpolitik (Quantitative Easing) wohl so schnell

nichts werden. Vielmehr wäre die Wirtschaft darauf angewiesen,

weitere Unterstützung durch die Währungshüter zu bekommen. Eine

Fortsetzung von QE wäre somit wahrscheinlich. Kurzum: An dem

mittlerweile Jahrtausende andauernden Zins-/Renditeverfall wird sich

wohl auch in naher Zukunft wohl kaum etwas ändern.

OTS: Börsen-Zeitung

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