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18.12.2015 12:59:22
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Börse Frankfurt News

Anleihen: Zeit der Besinnung



Nach der positiven Reaktion auf die US-Zinserhöhung suchen Anleger nun Orientierung für das anstehende Jahr.

18. Dezember 2015. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Nach langer Vorbereitungszeit ist die Katze endlich aus dem Sack. Die US-Notenbank hat sich dazu durchgerungen, die Nullzinspolitik zu beenden. Der Zielkorridor für die Fed Fund Rate beträgt nun 0,25 bis 0,5 Prozent.

"Damit haben die USA das Ende der globalen Finanzkrise eingeläutet, was von den Märkten positiv aufgenommen wurde", meint Arthur Brunner von der ICF Bank. Auf Wochensicht tritt der Euro-Bund-Future bei einem Stand von 158,89 Prozent zwar mehr oder weniger auf der Stelle. Im Vorfeld der Notenbank-Sitzung hatte das hiesige Rentenbarometer aber bis auf 156,78 Prozent nachgegeben. "Die Märkte waren extrem nervös", fasst Sabine Tillmann von der Hellwig Wertpapierhandelsbank die Spannung in der ersten Wochenhälfte zusammen.

Was an den Finanzmärkten wirklich passieren wird, hängt nach Meinung von Klaus Stopp nun davon ab, wie Investoren mit diesem Zinsschritt umgehen werden. "Es kann also noch einige Tage und Wochen dauern, bis der Prozess der Meinungsbildung abgeschlossen sein wird", urteilt der Händler der Baader Bank.



An der nach wie vor aufgeblähten US-Notenbankbilanz oder den massiven Überschussreserven der Banken ändert die Entscheidung nach Ansicht von Patrick Franke zunächst nichts. "Die Fed nimmt den Fuß nur ein bisschen vom Gas", urteilt der Helaba-Analyst.

Im Gänseschritt voraus?
 

Die kommenden zwölf Monate werden Analysten zufolge vor allem von der Geschwindigkeit abhängen, mit der die Federal Reserve die geldpolitischen Zügel straffen wird. Aus heutiger Sicht halten die US-Währungshüter Ende 2016 einen Leitzins von 1,375 Prozent für angemessen. Das entspricht vier Erhöhungen um jeweils 0,25 Prozent, die laut Yellen abhängig von der konjunkturellen Entwicklung im Land auch durchaus geringer ausfallen könnten.

"Das Wort US-Zinswende klingt insofern dramatischer als es in der Realität ist", bemerkt Robert Halver von der Baader Bank. Im Übrigen liefere der Präsidentschaftswahlkampf in den USA ein Alibi, zinspolitisch wahlkampfneutral, also ruhig zu bleiben.

Robert HalverHalver
 
Niedriger Ölpreis bringt Hochzinsanleihen in Bedrängnis
 

Ein ins uferlose fallender Ölpreis rüttelt an den Fundamenten im Markt für Hochzinsanleihen, wie Brunner berichtet. "Ein Fonds des New Yorker Asset Managers Third Avenue hat die Auszahlungen an verkaufswillige Anleger ausgesetzt." Ein anderer würde aufgelöst. Zu den Hochzins-Portfolios gehören laut Brunner viele Anleihen von Ölfirmen, die angesichts eines WTI-Preises von 35 US-Dollar pro Barrel Probleme mit den Ausschüttungen Probleme bekämen. Das Marktsegment mit Hochzinsanleihen in den USA beziffert Brunner auf 212 Milliarden US-Dollar.

Arthur BrunnerBrunner
 
Thyssen-Anleihe beliebt
 

Den Handel mit Mittelstands-Anleihen beschreibt Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsgesellschaft als aktiv. "Wir hatten ansehnliche Umsätze, kurz vor Jahresende schichten viele Investoren noch um." Zu den meist gehandelten Werten gehörte dem Händler zufolge eine im Juli 2044 fällige, mit 5,25 Prozent verzinste Anleihe der Württembergischen Lebensversicherung (WKN A11QFG). "Hier überwogen die Abgaben. Nach 104,55 Prozent vor einer Woche notiert Wert aktuell bei 103,77 Prozent.

Mehrheitlich aus den Depots raus käme auch ein in diesem Jahr emittierter Bond von Stada (WKN A14KJP) mit einem Kupon von 1,75 Prozent und einer Laufzeit bis April 2022. Hingegen fänden Anleger überwiegend Gefallen an einer rege gehandelten, ebenfalls mit 1,75 Prozent verzinsten Anleihe von Thyssen (WKN A14J57), die im November 2020 zur Rückzahlung ansteht.

Gregor DanielDaniel
 

VW bleibt im Fokus

Nach wie vor überdurchschnittliche Bewegung macht Brunner bei einer VW-Anleihe (WKN A1ZE21) mit einem Kupon von 4,625 Prozent aus. Anleger reagierten damit auf die jüngsten Nachrichten bezüglich Ermittlungen gegen den Automobilkonzern in Brüssel oder China. Die ganz großen Umsätze würden aber nicht mehr erreicht. "Bei der ICF Bank verbuchen wir rund halb so viel Nachfrage wie zur Hochzeit des Abgasskandals", erklärt Brunner. Die Anleihe kostet derzeit 96,66 Prozent und hat sich damit von seinem Tiefpunkt Anfang Oktober wieder spürbar erholt.

Ungereimtheiten wirken auf Travel24-Anleihe

Zu den meist gehandelten Werten gehört bei der ICF Bank einmal mehr die im September 2017 fällig werdende Travel24.com-Anleihe (WKN A1PGRG), wie Brunner meldet. "Das Manager Magazin berichtet in seiner heutigen Ausgabe davon, dass es Fragezeichen rund um die Mittelverwendung von über die Anleihe eingesammelten knapp 20 Millionen Euro gibt."

Laut Wertpapierprospekt wollte die Online-Reiseagentur bis zu 25 Hotels im Segment "Budget Design Hotels" betreiben. Bis heute sei noch kein Hotel in Betrieb. Zudem hätten die Wirtschaftsprüfer von BDO den Jahres- und den Konzernabschluss der Muttergesellschaft Unister für das Geschäftsjahr 2014 versagt. Die Anleihe notiert aktuell bei 37,1 Prozent.

Von Iris Merker, Deutsche Börse AG
© 18. Dezember 2015
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