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12.07.2018 17:27:02
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Kolumne

Baader Bond Market: "Chaostage in London"



Klaus Stopp blickt umfassend auf die Wochen am Rentenmarkt zurück. Der Handelskrieg hat die Märkte fest im Griff, entsprechend zogen die Kurse für Bundesanleihen wieder leicht an
13. Juli 2018. MÜNCHEN (Baader Bank). Was sich da in den vergangenen Tagen in Großbritannien abgespielt hat, darf man getrost als Chaostage betiteln. Nachdem Regierungschefin Theresa May ihren Brexit-Plan, der eine relativ enge Bindung an die Europäische Union (EU) vorsieht, verkündet hatte, warfen mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung sowohl ihr Brexit- als auch ihr Außenminister das Handtuch. Das Britische Pfund fiel daraufhin prompt um rund ein Prozent, bevor es sich wieder leicht erholen konnte. Mit dem Rücktritt von David Davis und Boris Johnson ist sie nun immerhin zwei ihrer größten Widersacher im Kabinett los.

Es ist aber noch nicht einschätzbar, was dieser Schritt für die Mehrheitsfähigkeit der Regierung zu bedeuten hat. Denn viele an der Parteibasis der Torys träumen immer noch den Traum einer radikalen Trennung von Europa und sehen in der Kompromisslinie von May keinen echten Brexit. Damit stehen die Träumer den Realisten gegenüber. Letztere stellen sich angesichts des Drucks wirtschaftlicher Realitäten und der knappen Frist bis zum Austritt im März 2019 auf weitere Kompromisse mit Brüssel ein.

Wie diese aussehen mögen, könnte sich bereits am heutigen Donnerstag zeigen. Dann nämlich, wenn May ihren Brexit-Plan in einem "White Paper" der EU vorstellt. Zwar ist man in Brüssel froh, dass damit endlich eine Verhandlungsgrundlage von London vorgelegt wird. Dennoch dürften weite Teile von Mays Plan auf Ablehnung stoßen. Für die Europäische Union seien die vier Freiheiten des gemeinsamen Binnenmarkts - freier Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Freizügigkeit für Bürger - unteilbar, hat EU-Unterhändler Michel Barnier bereits signalisiert. May hat aber lediglich eine enge Zollkooperation und eine Freihandelszone für Waren vorgeschlagen und dafür die langfristige Einhaltung von EU-Standards in Aussicht gestellt. Bei Dienstleistungen und Freizügigkeit will Großbritannien nach dem EU-Austritt jedoch stärker selbst bestimmen als bisher - was wiederum nach Rosinenpickerei aussieht.



Man wird also abwarten müssen, ob die Premierministerin die Brexit-Erwartungen im eigenen Land weiter abbauen kann oder es riskiert, einen Brexit-Vertrag dem Parlament vorzulegen, den dieses ablehnen könnte. In beiden Fällen bewegt sich May weiterhin auf dünnem Eis, entspricht ihr Vorschlag doch dem eines "sanften Brexits", der weder die "Remainer" noch die "Leaver" zufriedenstellen dürfte.

Unter letzterer Gruppe befindet sich bekanntlich der unberechenbare Johnson, dem man zutraut, dass er seinen Rücktritt aus dem Kalkül inszeniert hat, bald die Nachfolge von May antreten zu können. Denn jetzt, wo er doch nicht mehr Mitglied der Regierung ist, kann er die "wahren Brexiteers" um sich scharen und gegen den weichen Kurs von May schießen. Sollte es also zu Neuwahlen kommen, was angesichts des Zeitdrucks eigentlich kaum zu organisieren wäre, könnte Johnson als Kandidat für das Amt des Premierministers ins Rennen gehen.

All diese Aspekte wird Barnier bei den Verhandlungen mit London im Hinterkopf haben. Immerhin kann man Mays Vorschläge nicht nur als Angebot an Brüssel deuten, sondern auch als Eingeständnis dafür, dass die EU eben doch eine sehr attraktive Veranstaltung sein mag, aus der man sich nicht einfach so mal verabschiedet, ohne Nachteile zu erleiden. So gesehen ist Mays Abschied vom harten Brexit auch ein kleiner Sieg für die Realisten in Großbritannien.

Bereits am vergangenen Donnerstag wurde das Sitzungsprotokoll des FOMC-Meetings der US-amerikanischen Notenbank (Fed) vom 12. und 13. Juni veröffentlicht. Hieraus ist zu entnehmen, dass auch darüber gesprochen wurde, wie u.a. mit Zinserhöhungen auf ein beschleunigtes Wirtschaftswachstum zu reagieren wäre. Am sinnvollsten erschien den Sitzungsteilnehmer in diesem Zusammenhang das Beibehalten gradueller Zinserhöhungen, also die Geldpolitik der ruhigen Hand. In diesem Sitzungsprotokoll wurde allerdings auch die Sorge der Notenbanker darüber dokumentiert, dass die Handelspolitik von Präsident Donald Trump Investitionen der Unternehmen behindern und das Wirtschaftswachstum schwächen könnte. Des Weiteren kann der US-Präsident an dieser Stelle auch noch den Hinweis finden, dass die Unsicherheit diesbezüglich zugenommen habe und dies durchaus die Wirtschaftsstimmung und die Investitionsneigung dämpfen könne. "Leider" umfasst dieses Protokoll aber mehr als 280 Unicodezeichen und wird somit dem US-Präsidenten nicht auf seiner Lieblingsplattform Twitter zur Verfügung gestellt. Denn dann würde er feststellen, dass nicht alle Elemente seiner "America-Only-Politik" als gut empfunden werden.

"Fed mit der Geldpolitik der ruhigen Hand."
 

Diese Infragestellung der bisherigen Umgangsformen zwischen Verbündeten und Handelspartnern bleibt allerdings auch nicht ohne Auswirkung auf die Gedankenwelt der europäischen Notenbanker. So besteht nach Meinung des Gouverneurs der Österreichischen Nationalbank (OeNB) Ewald Nowotny auch die Gefahr, dass der Handelskrieg in einen Währungskrieg münden könnte. Noch sieht er keine extremen Auswirkungen auf die europäische Wirtschaft, aber das kann sich noch ändern. Denn selbst Mario Draghi macht sich Sorgen über die zunehmenden protektionistischen Tendenzen. Deshalb sprach er bei seiner Anhörung vor dem Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europaparlaments davon, die Wachstumsrisiken genau zu beobachten.

"Draghi macht sich Sorgen."
 

Doch das war nicht die einzige Botschaft, die an den Finanzmärkten beachtet wurde. Mit dem Satz "Länder mit hoher Verschuldung müssen nachhaltige Finanzpolitik betreiben" hat er der neuen italienischen Regierung - ohne sie direkt zu erwähnen - den Hinweis gegeben, dass es jetzt an der Zeit ist, finanzielle Spielräume für die Zeiten zu schaffen, wenn Wachstumsraten sinken. Denn Draghi führte weiter aus, dass Länder mit einer guten finanziellen Position in der Krise ihre Banken heraushauen können. Andere Länder, bei denen sich Probleme bei den Banken abzeichneten, könnten das nicht, da die Märkte nicht glauben, dass sie das finanzieren können. In diese Kerbe schlug anschließend auch noch der Notenbank-Chef Italiens Ignazio Visco, der sein Land für krisenanfälliger als noch vor zehn Jahren hält. Denn der Reformwille sei abgeebbt und so warnte er davor, mit Haushaltssteigerungen die Staatsverschuldung in die Höhe zu treiben. Zum Jahresende 2017 hatte Italien bereits einen Schuldenberg angehäuft, der 131,8 Prozent des Bruttoinlandprodukts entsprach. Einem Wert der weit weg von den in den Verträgen von Maastricht vereinbarten 60 Prozent ist. Bei dieser Gelegenheit sollte nicht unerwähnt bleiben, dass es in Deutschland endlich mal wieder gelingen wird, diese Forderung zu erfüllen, was nicht überall in der Eurozone für Freudensprünge sorgen wird. Erhöht dies doch die Gefahr, erneut vom Lehrmeister belehrt zu werden.

"Draghi und Visco sprechen offen die Probleme Italiens an."
 

Handelskrieg hat die Märkte fest im Griff

Die Sorgen um einen eskalierenden Handelskrieg belasten weiterhin die Kapitalmärkte. Nachdem in den vergangenen Tagen etwas Ruhe eingekehrt war, sorgte eine weitere Liste der US-Regierung mit möglichen Strafzöllen gegen China erneut für Unruhe. Folglich meiden viele Anleger die Aktienmärkte, um stattdessen auf der Rentenseite nach Sicherheit zu suchen. Entsprechend zogen die Kurse für Bundesanleihen wieder leicht an, was anhand eines zehnjährigen Titels (WKN 110244) mit Laufzeit 2/2028 deutlich wird, der aktuell bei ca. 101,80 Prozent notiert und nunmehr mit ca. 0,31 Prozent rentiert. Allerdings war die Marktbewegung einigermaßen gemäßigt, so dass man nicht von einer regelrechten Flucht der Anleger sprechen kann.

Nachdem Washington angekündigt hatte, weitere Zölle auf chinesische Produkte im Volumen von 200 Mrd. USD im Jahr zu erlassen, verfestigte sich am Kapitalmarkt die Meinung, dass es die Trump-Administration eindeutig auf einen Handelskrieg ankommen lässt. Zuvor hatte die US-Regierung bereits zusätzliche Zölle auf chinesische Waren im Wert von 34 Milliarden US-Dollar jährlich eingeführt. China hatte mit ähnlichen Strafzöllen auf US-Importe reagiert. Dass sich nun Washington und Peking mit Strafzöllen in Milliardenhöhe belegen, alarmiert nicht nur die EU und die Bundesregierung, sondern auch die Autobranche. Denn wiederholt hatte D. T., der Unberechenbare im Weißen Haus, damit gedroht, auch die Einfuhr von Automobilen mit Zöllen zu belegen. In diesem Zusammenhang ist allerdings auch bemerkenswert, dass just zu diesem Zeitpunkt dem US-Elektroauto-Pionier Elon Musk der Bau eines Werkes in Shanghai genehmigt wurde.

"Marktteilnehmer rechnen mit Handelskrieg."
 

Vor dem Hintergrund der Unkalkulierbarkeit rücken Deutschland und China notgedrungen, mag man sagen, enger zusammen. Dies wurde Anfang der Woche beim Besuch des chinesischen Ministerpräsidenten Li Keqiang bei Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin deutlich. Dabei bekannten sich beide einmal mehr zum freien Welthandel und gegen den Protektionismus. Merkel versäumte es aber nicht, darauf hinzuweisen, dass die gleichen Rechte beim gegenseitigen Zugang zu den Märkten Deutschlands und Chinas noch immer ein Thema seien. Oder anders ausgedrückt: Deutschen Firmen werden in China immer noch Steine in den Weg gelegt.

"Deutschland und China rücken enger zusammen."
 

Dennoch legte Merkel ein "Grundbekenntnis" zu chinesischen Direktinvestitionen in Deutschland ab. Unter anderem gibt es ja Bedenken im Zusammenhang mit der umstrittenen chinesischen Übernahme des Roboterbauers Kuka. Auch der Bau einer Batteriezellenfabrik für Elektroautos durch den chinesischen Hersteller CATL in Thüringen wirft ein Schlaglicht - diesmal allerdings auf die deutsche Automobilindustrie, die es bisher versäumt hat, sich dieser Technologie intensiv zu widmen. Also muss erst ausgerechnet ein chinesisches Unternehmen nach Deutschland kommen, um es der hiesigen Vorzeigebranche im eigenen Land zu zeigen, wie es geht. Man sieht, die Intensivierung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und China wird bis zu einem gewissen Grad immer ein Vabanque-Spiel bleiben.

"Wirtschaftsbeziehungen zum Reich der Mitte werden ein Vabanque-Spiel bleiben."
 
von Klaus Stopp.
13. Juli 2018, © Baader Bank

Über den Autor

Klaus Stopp ist Head of Market Making Bonds der Baader Bank.

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.
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