Bitte warten...

16.02.2017 12:22:39
A A | Drucken
Kolumne

Hüfners Wochenkommentar: "Die Anleger sind derzeit zu pessimistisch"



Hüfner sieht bei Anlegern ein breites Unwohlsein hinsichtlich der weiteren Entwicklung der Aktienmärkte. Manches spreche dafür, dass sie zu pessimistisch sind. Der Volkswirt sieht die Kursniveaus fundamental gut abgesichert und die politischen Risiken überschätzt.
15. Februar 2017. MÜNCHEN (Assenagon). In den vergangenen zwei Monaten war ich mit meinen Kollegen in verschiedenen Städten Deutschlands, der Schweiz und Österreich auf Roadshow. Wir haben mit vielen Kunden über die Lage nach dem Amtsantritt des neuen US-Präsidenten diskutiert. Meine These, dass in den nächsten Monaten sowohl das Wachstum als auch die Inflation und die Zinsen steigen würden, wurde von vielen Kunden akzeptiert. Eigentlich müsste das auch für die Aktien positiv sein.

Hier gab es aber skeptische Stimmen. Könnte es nicht sein, dass es nach dem Anstieg in den letzten Monaten doch zu einem Rückschlag kommt? Niemand hat das richtig begründet. Aber viele hatten ein ungutes Gefühl. Ist das gerechtfertigt?

Fundamental sicher nicht. Hier ist die Welt in Ordnung. Die Konjunktur läuft. Sie hat sich in den zurückliegenden Monaten sowohl in den USA als auch in Europa noch einmal verbessert. Für die EU wurden die Prognosen diese Woche erneut nach oben revidiert. Das wirkt sich auch in den Unternehmensgewinnen aus. Sie lagen im vierten Quartal nach den bisher vorliegenden Ergebnissen in Europa 9 Prozent über dem Vorjahr, im Euroraum sogar 12 Prozent. Das ist in dem gegebenen gesamtwirtschaftlichen Umfeld sehr viel.



Spareinlagen gehen zurück



Quelle: Bundesbank; Daten von 1. Januar 2010 - 1. Juli 2016

Hinzu kommt: Je mehr die Preissteigerung bei unverändert niedrigen Zinsen zunimmt, umso schwieriger wird die Lage der Anleger. Bei Festverzinslichen verlieren sie schon jetzt Geld. Damit steigt der Druck, Aktien zu kaufen. Die Spareinlagen sind in Deutschland zwar noch hoch, sie gehen aber zurück (Grafik). All das spricht dafür, dass sich die Aufwärtsentwicklung an den Börsen fortsetzt. In den vergangenen dreißig Jahren ist der DAX mit wenigen Unterbrechungen gestiegen. Im Durchschnitt betrug das Kursplus 9 Prozent pro Jahr (alle Rückschläge mit eingerechnet). Warum sollte das nicht so weitergehen?

Das ist aber nur die eine Seite. Dagegen steht das ungute Gefühl der Anleger. Es ist nicht eingebildet, sondern hat gute Gründe. Noch selten waren die Unsicherheiten in der Welt so groß. Sie reichen von den überraschenden Aktionen des US-amerikanischen Präsidenten, den Spannungen im Euro im Zusammenhang mit Griechenland, dem Brexit und den riesigen Ungleichgewichten im europäischen Zahlungssystem bis hin zu den bevorstehenden Wahlen in Europa.

Über Gefühle lässt sich nicht streiten. Kapital ist bekanntlich scheu wie ein Reh. Es ist klar, dass es auf eine so starke Häufung von Unsicherheiten reagiert. Dies umso mehr, als die Erfahrung des letzten Jahres lehrt, wie falsch die gängigen Wahlprognosen sein können. Ich habe allerdings den Eindruck, als werde hier im Augenblick etwas zu sehr zum Negativen übertrieben. So schlecht ist die Situation nicht.

Erstens sind die Märkte flexibler und anpassungsfähiger als vielfach gedacht. Natürlich mögen sie keine Veränderungen. Aber wenn es sie doch gibt, sind sie schnell dabei, die Situation zu analysieren und die positiven und negativen Effekte gegeneinander aufzuwiegen. Das war nach dem Referendum in Großbritannien der Fall, als der Markt schon kurz danach seine Meinung änderte und den Brexit nicht mehr als Katastrophe sah. Das war aber auch nach den amerikanischen Wahlen der Fall. Die Märkte trauerten Hillary Clinton nicht nach, sondern fragten, was Trump wohl für die Unternehmen bedeuten würde. Das sind ganz rationale Verhaltensweisen, die es auch in diesem Jahr wieder geben wird.

Zweitens ist nicht jedes politische Risiko zwangsläufig etwas Negatives. Jeder schaut derzeit auf die Möglichkeit, dass Marine Le Pen in Frankreich Präsidentin werden könnte und was das an Schrecklichem für den Euro und die Märkte bedeuten könnte. Daneben könnte es aber auch eine positive Überraschung geben. Dann nämlich, wenn der reformfreudige Emmanuel Macron die Wahl gewinnen würde. Das könnte Frankreich und der europäischen Idee einen Schub nach vorne geben. Objektiv gesehen ist die Wahrscheinlichkeit, dass Macron siegt, größer.

Drittens muss man zwischen Worten und Taten der Börsianer unterscheiden. Nach den Worten zu urteilen, müsste alles ganz schlecht werden. Tatsächlich ist aber seit Monaten zu beobachten, dass nach ein oder zwei schlechten Tagen am Markt plötzlich wieder Käufer auftauchen. Es gibt also Anleger, die Liquidität haben und die Chance niedrigerer Kurse nutzen wollen. Der Markt stabilisiert sich. Das ist ein positives Zeichen.

Viertens und ganz allgemein: Es hat noch nie einen größeren Einbruch an den Börsen gegeben, wenn die Fundamentalfaktoren gut waren. So irrational ist die Börse nicht. Daher ist es ein gewisses Sicherheitspolster, dass die Fundamentaldaten derzeit so gut sind.

Für Anleger

Die Lage an den Börsen ist in meinen Augen nicht so schlecht, wie sie oft gemacht wird. Die Fundamentalfaktoren sind insgesamt gut. Die politischen Unsicherheiten sind zwar gravierend. Sie werden derzeit aber übertrieben. Natürlich muss es nach den Kurssteigerungen der letzten Monate eine technische Reaktion geben. Sie muss aber nicht so tief ausfallen und nicht so lange dauern, wie das vor einem Jahr der Fall war.

Bleiben Sie vorsichtig. Aber vergessen Sie nicht, dass die Börsen dafür da sind, Geld zu verdienen, und nicht über die Zukunft zu klagen. Das wird aber nicht das ganze Jahr so bleiben. In den zweiten sechs Monaten könnten sich die gesamtwirtschaftlichen Bedingungen verschlechtern. Dann könnte es auch an den Märkten schwieriger werden.

15. Februar 2017, © Assenagon

Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon. Viele Jahre war er Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG und Senior Economist der Deutschen Bank AG. Er leitete fünf Jahre den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung in Brüssel. Zudem war er über zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender beziehungsweise Vorsitzender des Wirtschafts- und Währungsausschusses des Bundesverbandes Deutscher Banken und Mitglied des Schattenrates der Europäischen Zentralbank, den das Handelsblatt und das Wallstreet Journal Europe organisieren. Dr. Martin W. Hüfner ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem "Europa – Die Macht von Morgen" (2006), "Comeback für Deutschland" (2007), "Achtung: Geld in Gefahr" (2008) und "Rettet den Euro!" (2011).

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.

pagehit