18.10.21 10:55:47

pfp Advisory: "Die nahende Berichtssaison kann ausgesprochen interessant werden"

Für Fondsmanager Roger Peeters wird es bei seinen Anlageentscheidungen entscheidend sein, wie sich Unternehmen auf Lieferengpässe und höhere Preise vorbereiten.
 

18. Oktober 2021. FRANKFURT (pfp Adisory). Der Blick aus dem Fenster hin zu bunt belaubten Bäumen zeigt, dass der Herbst gekommen ist, und die nahende Umstellung auf die Winterzeit rückt uns ebenfalls ins Gedächtnis, dass wir mit großen Schritten auf das Jahresende zugehen. Die nahende Berichtssaison zum Verlauf des Quartals von Juli bis September beinhaltet also wie jedes Jahr nicht nur eine Dokumentation zum Verlauf dieser Berichtsperiode, sondern gibt Unternehmen (mit einem konventionellem Geschäftsjahr analog dem Kalenderjahr) letztmalig die Möglichkeit, in offiziellen Berichten die Erwartung für das laufende Jahr neu zu justieren.

Und dies ist 2021 spannend wie in wenigen Jahren, die ich persönlich an der Börse erlebt habe. Denn heruntergebrochen auf die einzelnen Unternehmungen sieht man im bisherigen Verlauf des Jahres ein Bild, das sich schnell und intensiv verändert hat. Wir sind ins Jahr gegangen mit einem intensiven, einschränkenden Lockdown, dessen Länge und Wirkung kaum jemand abschätzen konnte. Entsprechend waren die vorliegenden Berichte geprägt von einer seltenen Diffusität in den Ausblicken, vielerorts wurden die im ersten Corona-Jahr 2020 eingeführten Praktik, die Ausblicke sehr vage zu halten oder wegzulassen, einfach fortgeführt, häufig endeten Prognosen zudem mit einem Hinweis, dass die Aussagekraft wegen der Pandemie und der staatlichen Maßnahmen ausgesprochen ungewiss sei.

Auf diesen sehr scheuen Start folgte vornehmlich im zweiten Quartal ein rasanter Aufschwung auch im Wording. Prognosen wurden reihenweise erhöht, Ausblicke zunehmend auf ein durchaus erbauliches Niveau präzisiert. Die expansive Politik der Notenbanken und die global und zumeist auf Schulden basierten Konjunkturprogramme kamen in der Realwirtschaft an, so dass etliche Firmenlenker, übrigens auch in zahllosen persönlichen Gesprächen, die wir bei pfp Advisory erlebt haben, branchenübergreifend optimistischer wurden. Lediglich vereinzelt fanden sich Hinweise, dass die Beschaffung anspruchsvoller werde und die zunehmende Preissteigerung bei Rohmaterialien schon auffalle.

Wie stark sich dann das, was als Chipmangel und Überauslastung von Frachtrouten begann, ausgeweitet hat, überraschte viele, da schließe ich mich durchaus ein. Und dieser „Umgang mit gestressten Lieferketten“ im Umfang und in der Bepreisung ist schon jetzt das Leitthema eben für die laufende Berichtssaison samt ihrer Vorläufer in Form der einen oder anderen Prognoseanpassung via Ad-hoc-Meldung nun vornehmlich nach unten.

In der Tat ist das operative Geschäft in weiten Teilen der Wirtschaft, sei es Industrie oder Handel, durchaus zur Herausforderung geworden, wenn Materialien im Preis explodieren und Vorprodukte fehlen, so dass vielerorts die Bänder stillstehen. Die Nachfrage, das war und ist das mitunter trügerisch Positive, war und ist weiter vorhanden, aber sie alleine nützt nichts, wenn die Aufträge schlicht nicht abgearbeitet werden können, weil unterschiedliche, unverzichtbare Komponenten nur sehr schwer und teuer oder eben gar nicht erhältlich sind.

Es ist zu einem Problem gewachsen, das praktisch jedes Unternehmen in irgendeiner Form betrifft, seit Monaten drehen sich auch am Kapitalmarkt praktisch alle Unternehmensgespräche sehr zentriert um die Verfügbarkeiten von Vorprodukten und die Robustheit der Lieferketten. Aber es ist ebenso interessant festzustellen, dass auch innerhalb von Branchen die Auswirkungen divergieren und diese Beschaffungskrise eben nicht alle mit der gleichen Wucht trifft. Ähnliches gilt für das Überwälzen von Kosten auf die eigenen Kunden, auch dies gelingt unterschiedlich und offenbart sehr illustrativ die tatsächliche Marktpositionierung, besser als Studien oder Umfragen.

Und eben weil sich in dieser rauen See Unterschiede offenbaren und Schattierungen deutlicher werden, sollten Stock-Pickern das derzeitige Umfeld überhaupt nicht unbehaglich vorkommen. Es wird in den Berichten und Ausblicken filigrane, aber relevante Unterschiede geben. Und genau deshalb glaube ich, dass wir auf eine ausgesprochen interessante Berichtssaison zusteuern. 

von: Roger Peeters, 18. Oktober 2021, © pfp Advisory

Roger Peeters ist geschäftsführender Gesellschafter der pfp Advisory GmbH. Gemeinsam mit seinem Partner Christoph Frank steuert der seit über 25 Jahren am deutschen Aktienmarkt aktive Experte den DWS Concept Platow (WKN DWSK62), einen 2006 aufgelegten und mehrfach ausgezeichneten Stock-Picking-Fonds, sowie den im August 2021 gestarteten pfp Advisory Aktien Mittelstand Premium (WKN A3CM1J). Weitere Infos unter www.pfp-advisory.de. Peeters ist weiterhin Mitglied des Vorstands der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) e.V.. Roger Peeters schreibt regelmäßig für die Börse Frankfurt.

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.

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