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EU-Boykott treibt Ölpreis an, Marktkommentar von Dieter Kuckelkorn

Frankfurt (ots) - Die Internationale Energieagentur IEA, die die westlichen

Industrieländer in Fragen der Energiepolitik berät, hat für ihre Zielgruppe eine

schlechte Nachricht. Wenn die Europäische Union wie geplant Anfang 2023 ihr

relativ weitgehendes Verbot der Einfuhr russischen Erdöls umsetzt, wird dies den

globalen Ölmarkt und in der Folge den Preis des Energieträgers in einer Weise

beeinflussen, der für die EU nicht vorteilhaft ist. Die IEA geht davon aus, dass

dem Markt dann rund 2 Mill. Barrel pro Tag (bpd) entzogen werden. Zuletzt hatte

Russland über Tankschiffe - dieser Bereich ist von dem EU-Verbot umfasst - rund

3,5 Mill. bpd exportiert. Sollte die IEA recht behalten, wird der EU zwar nicht

die vollständige Isolierung Russlands auf dem Ölmarkt gelingen, aber die Folgen

dürften deutlich spürbar sein. Es ist mit weiteren kräftigen Anstiegen des

Ölpreises zu rechnen.

Sieht man sich das Verhältnis von Angebot und Nachfrage an, so hat es bereits

zuletzt eine deutliche Angebotslücke gegeben, die mit rund 2 Mill. bpd zu

veranschlagen ist. Nun allerdings ist mit einer Rezession zu rechnen, in deren

Folge die Nachfrage nach Öl sinken wird. Der Markt bildet dies auch ab: In

kurzer Zeit ist der Brent-Ölpreis von rund 110 Dollar je Barrel auf zeitweise

unter 95 Dollar gesunken.

Für die 2 Mill. bpd an russischem Öl, die laut IEA fehlen werden, ist kein

Ersatz in Sicht. Die Opec plus, dieser Ansicht ist auch die Energieagentur, wird

kaum bereit und in der Lage sein einzuspringen. Für den September hat sich das

erweiterte Ölkartell trotz erheblichen Drucks der US-Regierung nur zu einer

symbolischen Anhebung um 100000 bpd durchringen können. Viele Opec-Länder

verfügen praktisch über keinerlei freie Kapazitäten mehr, um die Produktion

auszuweiten. Andere Staaten wie das Schwergewicht Saudi-Arabien sind dazu nur in

begrenztem Maß bereit, einerseits wegen des schlechten Verhältnisses zum Weißen

Haus und andererseits, um das für die Opec plus "wichtige Verhältnis zu Russland

nicht zu zerstören. Und die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran stecken

in der Sackgasse, größere Mengen iranischen Öls auf dem Weltmarkt sind daher

nicht zu erwarten.

Hinzu kommt, dass die von US-Präsident Joe Biden verfügte Alimentierung des

Ölmarktes aus der strategischen Reserve der Vereinigten Staaten um 1 Mill. bpd

am 31. Oktober zu Ende geht, was das Gesamtangebot zur Unzeit verkleinert. Dabei

ist noch nicht berücksichtigt, dass die USA ihre Reserve wieder auffüllen

müssen, dass also in den kommenden Monaten zusätzliche Nachfrage geschaffen

wird.

Nach Einschätzung der IEA wird noch ein weiterer Faktor für einen zusätzlichen

Ölverbrauch sorgen. Die durch den Ukraine-Krieg und die westlichen Sanktionen

ausgelöste Gaskrise hat diesen Energieträger so stark verteuert, dass Industrie

und Kraftwerksbe­treiber so weit wie möglich auf andere Energiequellen

ausweichen, unter anderem auf das relativ preisgünstigere Rohöl. Für das

laufende Jahr geht die Agentur jetzt von einem Wachstum der weltweiten

Ölnachfrage um 2,1 Mill. bpd aus, dies sind 380000 bpd mehr als bislang

erwartet.

Das kommende EU-Verbot sorgt noch auf andere Weise für einen steigenden Ölpreis.

Es kommt unweigerlich zu einer Neuordnung der weltweiten Lieferbeziehungen:

Europa kauft sein Öl bei neuen Lieferanten, Russland findet neue Abnehmer

vornehmlich in Asien, und überall halten neue Mittelsmänner zusätzlich die Hand

auf. Dies führt zu erheblichen Ineffizienzen und Friktionen auf dem Markt.

Dabei ist es zweifelhaft, dass Russland der gewünschte Schaden beigebracht und

damit die Finanzierung des Ukraine-Kriegs gefährdet wird. Die Angelegenheit

dürfte ungefähr so ausgehen wie bei Erdgas: Russland wird zwar weniger Öl

exportieren, dafür aber durch den höheren Ölpreis teilweise oder sogar ganz

entschädigt. Die Sanktionen werden über den steigenden Ölpreis vor allem die

europäischen Verbraucher zusätzlich treffen.

Wie stark wird aber der Ölpreisanstieg ausfallen? Im Frühjahr, als die

Diskussion über einen Ölboykott der EU und der G7-Länder aufkam, prognostizierte

J.P. Morgan bei vollständiger Umsetzung einen Brent-Ölpreis von 187 Dollar je

Barrel - damals zeichnete sich allerdings die nachfragedämpfende Rezession noch

nicht so klar ab. Unterstellt man eine Reduzierung der russischen Ölexporte

gemäß dem IEA-Szenario, so ist nicht auszuschließen, dass ein Öl­preis von 140

Dollar erreicht wird.

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