18.11.22 11:56:18

Anleihen: Dämpfer bei Zinshoffnungen

In einem risikoaverseren Umfeld haben Anleger sehr großes Interesse an Unternehmensanleihen mit kurzen Laufzeiten. Zugleich kommt der Markt für Mittelstandsanleihen wieder in Schwung.

 

18. November 2022Frankfurt (Börse Frankfurt). Nachdem sich einzelne Mitglieder der US-Notenbank FED für weitere Zinserhöhungen ausgesprochen hatten, sind die Renditen an den Anleihenmärkten wieder gestiegen. Die Risikoaversion nimmt zu. Am Freitagmorgen steht der Bund Future bei 140,21 Punkten. Zuletzt hatte sich James Bullard, Präsident der regionalen Notenbank von St. Louis, für weiter steigende Zinsen ausgesprochen.

„Die Hoffnung, dass die FED angesichts der jüngsten Inflationsdaten geldpolitisch deutlich behutsamer vorgehen könnte, erhielt einen Dämpfer“, kommentiert Tim Oechsner von Steubing. Die Inflation sei noch zu hoch. „Der Markt hängt an der FED, und diese hat sich mehrfach klar pessimistisch geäußert.“ Die jüngste Kurserholung am Anleihenmarkt könne nur eine kurze Rally im Bärenmarkt gewesen sein.

Rezessionssignale mehren sich

„Indessen ist eine Rezession wieder Thema an den Märkten“, sagt Arthur Brunner von der ICF Bank und verweist auf die Zinsstrukturkurve bei Bundesanleihen. Sie ist nun - wie seit längerem in den USA - invers. Das heißt, der Renditeabstand zwischen zehn- und zweijährigen deutschen Staatsanleihen drehte ins Negative. Zweijährige Bundesanleihen rentieren mit 2,15 Prozent, zehnjährige mit 2,04 Prozent. Die Renditen für 30 Jahre Laufzeit sind bei 1,95 Prozent. „Das sind deutliche Zeichen, dass die Märkte in Deutschland wie in den USA eine Rezession erwarten“, erklärt Brunner. Oechsner ergänzt, dass die Stimmung am Anleihenmarkt sehr abwartend und vorsichtig sei.

Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank weißt auf den deutlichen Unterschied zwischen zwei- und zehnjährigen US-Staatsanleihen (70 Basispunkte) und somit auf eine inverse Zinskurve hin, die als deutliches Signal für eine Rezession gilt.

„Die großen Renditeunterschiede lassen sich  einerseits damit erklären, dass die Notenbanken sowohl in der Eurozone als auch in den USA kurzfristig weiter ihre Zinsen anheben dürften, da die Inflationsraten weit entfernt von ihrem Zwei-Prozent-Ziel sind“, kommentiert die Deutsche Bank am Morgen. Daher rentierten kurzläufige Staatspapiere, die sich eher an den kurzfristigen Leitzinserwartungen orientieren, weiterhin auf hohem Niveau.

„Andererseits gehen Marktteilnehmer auch davon aus, dass die Notenbanken in der mittleren Frist die Leitzinsen auch wieder senken werden, da Preisdruck und Wachstum irgendwann aufgrund der als restriktiv einzuschätzenden Geldpolitik nachgeben sollten. Weitere auf eine nahende Rezession hindeutende Vorlaufindikatoren könnten daher die Rendite länger laufender Staatsanleihen drücken.“

Arthur Brunner

Brunner

Unternehmensanleihen: Kurze Laufzeiten bleiben gefragt

„Insgesamt sind die Umsätze bei Unternehmensanleihen gut“, berichtet Daniel. Bei mittleren Laufzeiten und 1.000er Stückelungen sei die Nachfrage besonders hoch. „Derzeit wird eine Mercedes-Anleihe neu entdeckt.“ Bei 0,625 Prozent Kupon beträgt die Rendite auf dem aktuellen Kursniveau der Anleihe (DE000A2R9ZU9) 2,82 Prozent. Verkauft werde hingegen ein Schaeffler-Papier (DE000A2YB7B5) mit 2,875 Prozent Kupon, das aktuell aber eine Rendite von 4,62 Prozent bringe.

Gefragt sind nach wie vor ausgewählte Unternehmensanleihen mit kurzlaufenden Fälligkeiten bis zwei Jahre, fasst Brunner das Interesse der Marktteilnehmer*innen zusammen. Gekauft werde eine Mutares-Anleihe (NO0010872864) sowie eine Anleihe der Ferratum Capital Germany-Anleihe (<SE0012453835>) nachdem deren Quartalszahlen die Erwartungen des Marktes übertroffen hatten. Ferratum will die Anleihe vorzeitig ablösen. „Die vorzeitige Rückkaufmöglichkeit liegt bei 100,5 Prozent.“ Derzeit notiert das Papier bei 94,50 Prozent. Außerdem ist laut Brunner seit Wochen die Nachfrage nach Fresenius Medical Care (XS2530444624) hoch. Die Anleihe mit Laufzeit 2027 ist mit 3,875 Prozent Kupon ausgestattet.

Sehr hoch hingegen ist die Nachfrage bei der Corestate Capital Holding (<DE000A19SPK4>) auf der Geld- wie auf der Briefseite. Die Restrukturierung der nun fälligen Anleihe, die aktuell 13 Prozent auf 10 Prozent verliert, ist nach Angaben Oechsners in der finalen Phase. Am 28. November entscheidet eine Gläubigerversammlung über eine Refinanzierung.

 „Der Immobilieninvestmentmanager kämpft um das Überleben“, kommentiert Oechsner. Die Neunmonatszahlen zeigten einen Umsatzeinbruch und höhere Verluste als bisher.

Mittelstandsanleihen: Mehr Papiere in Zeichnung

Inzwischen nimmt der Markt für Mittelstandsanleihen wieder Fahrt auf: So ist nach Brunners Angaben eine Anleihe von Katjes Greenfood (DE000A30V3F1) über 25 Millionen Euro mit 8 Prozent Kupon und 5 Jahren Laufzeit bis 22. November in der Zeichnung. In der kommenden Woche beginnt die Zeichnungsfrist einer 7,75-Prozent-Anleihe der Neue ZWL Zahnradwerk Leipzig (DE000A30VUP4), die ebenfalls fünf Jahre läuft. „Bei Neuemissionen werden vor allem Laufzeiten von drei bis vier Jahren gekauft“, ergänzt Oechsner. „Grundsätzlich setzen die Anleger wieder mehr auf Anleihen anstelle von hochvolatilen Aktien.“

von: Antje Erhard, 18. November 2022, © Deutsche Börse AG

Über die Autorin

Antje Erhard ist Journalistin und Moderatorin mit den Schwerpunkten Börse, Wirtschaft und Finanzen.

Feedback und Fragen an redaktion@deutsche-boerse.com.

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