29.07.22 12:28:36

Anleihen: Renditerutsch wegen Konjunkturängsten

Die Leitzinsen steigen zwar vielerorts, die Marktrenditen sind aber wieder deutlich zurückgegangen – vor allem für langlaufende Papiere. Das spiegelt die Rezessionssorgen wider.


29. Juli 2022 Frankfurt (Börse Frankfurt). Frankfurt). Die Inflation bleibt hoch, allerdings wirkt sich am Anleihemarkt aktuell die Rezessionsangst stärker aus. Die Renditen sind wieder auf dem Rückzug. „Mit den jüngsten enttäuschenden Geschäftsumfragen sind die Euro-Zinsen zuletzt deutlich gefallen, obwohl der Inflationsdruck selbst in Deutschland trotz der Entlastungspakete bestenfalls eine kleine Pause einlegt“, bemerkt Anleiheanalyst Rainer Guntermann von der Commerzbank. Die Sorgen über die Gasversorgung seien eben hoch.

Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen liegt am Freitag bei 0,9 Prozent, gestern waren es sogar nur 0,8 Prozent. Zum Vergleich: In der Spitze Mitte Juni war die Rendite auf 1,92 Prozent geklettert. Die Kurve hat sich außerdem verflacht, Renditen langlaufender Papiere sind stärker gefallen. „Der Markt preist eine Stagflation ein“, stellt Arthur Brunner von der ICF Bank fest.
In den USA sieht es ähnlich aus: Zehnjährige US-Treasuries rentieren aktuell mit 2,70 Prozent nach 3,50 Prozent Mitte Juni. Dort machen sich auch die jüngsten Wachstumszahlen bemerkbar, die schlechter ausfielen als erwartet. Die USA befindet sich nun in einer technischen Rezession, definiert als BIP-Rückgang in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen.

„Hoffnung, dass der nächste US-Zinsschritt nicht ganz so groß wird“

Zumindest die US-Notenbank geht vehement gegen die Inflation vor: Am Mittwoch dieser Woche erhöhte sie den Leitzins abermals, und zwar um 75 Basispunkte auf eine Spanne von 2,25 bis 2,5 Prozent. Sie äußerte außerdem, dass „weitere Erhöhungen” angemessen seien, in Abhängigkeit der Daten. Die konkrete Ankündigung aus der Juni-Sitzung wurde allerdings nicht wiederholt. Das wurde am Markt als eventuell moderateres Vorgehen interpretiert. „Es machte sich die Hoffnung breit, dass der nächste Zinsschritt nicht ganz so groß sein wird“, formuliert es Brunner. „Die jüngste Zinserhöhung in den USA war zwar keine Überraschung, vor allem die Aussicht auf kleinere Schritte in Zukunft brachte aber Entspannung an die Kapitalmärkte“, erklärt
Tim Oechsner von der Steubing AG.

US-Anleihen bleiben interessant: Rege gehandelt wird Oechsner zufolge eine bis 2023 laufende US-Anleihe mit Kupon von 2,75 Prozent (US912828Y610) – in beide Richtungen.

Die EZB geht zurückhaltender vor und hat die Leitzinsen bislang nur um 50 Basispunkte angehoben. „Es herrscht Unmut über die zögerliche Reaktion“, bemerkt Oechsner.

Die Risikoaufschläge für Europas Peripheriestaaten bleiben unterdessen auf erhöhten Niveaus. „Zu einer deutlichen Ausweitung ist es zuletzt nicht mehr gekommen – auch nicht in Italien“, berichtet Analyst Ralf Umlauf von der Helaba. Dabei sei zu befürchten, dass die eurokritischen Rechtsparteien bei der Wahl Ende September weiter an Einfluss gewinnen würden.

 

Kursrutsch bei Eutelsat

Kräftig Federn lassen mussten diese Woche Anleihen des französischen Satellitenbetreibers Eutelsat (FR0013369493). „Eutelsat und der britische Satellitenbetreiber OneWeb wollen sich zusammenschließen“, erläutert Brunner. An der Börse kam das allerdings nicht gut an, auch weil Eutelsat nach der Fusion zwei Jahre lang keine Dividende zahlen will. Die Aktie brach ein, die
Anleihe ebenfalls.

Mittelstandsanleihen und High Yield-Bonds halten sich unterdessen gut, wie Karim Döring von Oddo BHF erklärt. „Die scheinen derzeit immun gegen schlechte Nachrichten zu sein.“

Arthur Brunner

Brunner

Grenke, SGL, PREOS, Knorr und PNE mit viel Umsatz

Rege gehandelt werden Brunner zufolge Papiere von Grenke mit Kupon von 3,95 Prozent und Fälligkeit 2025 (XS2155486942), SGL International mit 7,75 Prozent bis 2025 (SE0015810759) und PREOS Global Office Real Estate & Technology mit 7,5 Prozent bis 2024 (DE000A254NA6). „Bei PREOS gaben sich Käufer und Verkäufer die Klinke in die Hand.“

Laut Oechsner ging in einer Anleihe von Knorr-Bremse mit Fälligkeit 2025 und Kupon von 1,125 Prozent (XS1837288494) viel um. Gute Umsätze meldet Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank für die im Juni emittierte Anleihe des Windparkprojektierers PNE mit Kupon von 5 Prozent und Fälligkeit 2027 (DE000A30VJW3).

Ekosem weiter angeschlagen

Der vom Ukraine-Krieg stark betroffene, vor allem in Russland tätige Agrarkonzern Ekosem Agrar berichtete diese Woche von einer positiven operativen Entwicklung im ersten Halbjahr. „Das nützt den Anleihen aber nichts“, bemerkt Daniel mit Blick auf den 2024 fälligen Bond mit Kupon von ursprünglich 7,5 Prozent, der nur noch um 14 Prozent gehandelt wird (DE000A2YNR08). Die im August fällige Zinszahlung auf die Anleihe soll um ein Jahr gestundet werden. Damit würde Ekosem von einer Möglichkeit Gebrauch machen, die eine Gläubigerversammlung im Mai beschlossen hatte. Außerdem wurde der Kupon von 7,50 auf 2,5 Prozent reduziert.

Gregor Daniel

Daniel

JadeHawk neu am Markt

Neuemissionen gibt es derzeit kaum – die Ferienzeit ist spürbar. Noch bis Montag, den 1. August um 12 Uhr, kann die Anleihe von JadeHawk Capital (DE000A3KWK17) gezeichnet werden. Diese bietet 7 Prozent bis 2027. Das Unternehmen ist ein spezialisierter Finanzinvestor mit Fokus auf unterbewertete geschlossene Immobilienfonds.

von: Anna-Maria Borse, 29. Juli 2022, © Deutsche Börse AG

Über die Autorin

Anna-Maria Borse ist Finanz- und Wirtschaftsredakteurin mit den Schwerpunkten Finanzmarkt/Börse und volkswirtschaftliche Themen. 

Feedback und Fragen an redaktion@deutsche-boerse.com

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