19.11.21 19:55:00

Anleihen: Angst vor Zinserhöhung verfängt immer weniger

Buchstaben die zusammen das Wort "Anleihen" bilden, im Handelssaal

Zunehmender Glaube an anhaltend niedrigen Zinsen in der Eurozone trotz steigender Inflation stützen den Anleihemarkt. Gute Nachrichten kommen aus dem Unternehmenssektor, etwa von Thyssenkrupp. Einige zuletzt abgestrafte Schuldtitel können sich erholen.


19. November 2021. Frankfurt (Börse Frankfurt). Die Möglichkeit, dass die Zinsen in der Eurozone auf absehbare Zeit nicht steigen werden, hat den Rentenmarkt in dieser Woche gestützt. Händler berichten von einer positiven Grundstimmung. „Mittelfristig gehen wir aber aufgrund des freundlichen Konjunkturbildes von Belastungen für den Rentenmarkt aus“, kommentiert Ralf Umlauf von der Helaba.

Technisch, konkretisiert der Analyst, pendele der Bund-Future bereits die gesamte Handelswoche zwischen den 55- und 100-Tagelinien. Ausbruchsversuche über letztgenannte seien „trotz konstruktiver Indikatoren wie MACD, DMI, ADX mehrfach gescheitert“. Das mahne zwar zur Vorsicht. „Sollte der Sprung aber dennoch gelingen, entsteht Raum bis 171,95 und in diesem Fall rechnen wir mit einer beschleunigten Aufwärtsbewegung.“

Weiter niedrige Zinsen in Eurozone am Anleihenmarkt eingepreist

Arthur Brunner von der ICF  Bank sieht den Rentenmarkt ebenfalls nach wie vor gut gestützt – vor allem nachdem EZB-Chefin Christine Lagarde weiter niedrige Zinsen für die Eurozone bekräftigt hat. Der Bund Future sei mit 172,20 aktuell relativ stabil.

Arthur Brunner

Tim Oechsner von der Steubing AG ergänzt: Im Dezember wolle die EZB über das Anleihenkauf-Programm entscheiden. „Dann kommt wieder Phantasie in den Markt“. Bis dato bleibe der Tenor, dass ein Zinsschritt im Jahr 2022 unwahrscheinlich sei, erhalten. Derzeit rentiere die 10-jährige Bundesanleihe mit -0,25 Prozent.

Auch Rainer Petz von Oddo BHF verweist auf die News aus der EZB: „Auch heute Morgen hat Christine Lagarde bekräftigt, dass man geldpolitisch geduldig bleiben müsse und die Zinswende nicht zu früh einleiten dürfe – auch wenn die Inflation weiter steigt.“ Das wird am Markt inzwischen eingepreist. Allerdings kam der Euro weiter unter Druck.

„Zinserhöhungsängste verfangen immer weniger“

Die Zinserhöhungsängste scheinen mit Blick auf die Inflation „bei näherer Betrachtung immer weniger zu verfangen“, ergänzt Robert Halver von der Baader Bank: Auf beiden Seiten des Atlantik lege man nämlich Wert darauf, dass die Inflation oberhalb der Leitzinsen bzw. Anleiherenditen bleibe, „damit der Entschuldungseffekt greifen“ könne. „Die massiven Staatverschuldungen müssen weginflationiert werden, um ihre Tragfähigkeit künstlich zu erhalten. Und der grüne Umbau der Volkswirtschaften, die Förderung der Wettbewerbsfähigkeit und der Zusammenhalt Europas lassen keine Hoffnung aufkommen, dass neue Schulden zu einer aussterbenden Spezies werden.“ Wenn Christine Lagarde sage, die Preissteigerung werde mittelfristig wieder unter dem Zielwert liegen, „ist jede Frage nach wirklich restriktiver Zinspolitik klar beantwortet.“

Nutznießer von Inflationssorgen und Ölpreissteigerungen war laut Brunner ein 1,75%-Bond Norwegens (NO0010732555). „Die Norwegische Krone kann gegenüber dem Euro deutlich zulegen, weil sich die steigenden Ölpreise positiv auf den norwegischen Staatsfonds auswirken“, sagt Brunner. Schon in der Finanzkrise seien Norwegens Staatspapiere als „sicherer Hafen“ gegen Inflation gefragt gewesen.

 

thyssenkrupp: Börsen-Pläne und überraschend gute Zahlen

Seit der Ankündigung von thyssenkrupp, seine Elektrolyseeinheit Uhde Chlorine Engineers an die Börse zu bringen und den Wert auf bis zu 5 Milliarden Euro anstrebt, ist die thyssenkrupp-Anleihe (<DE000A2TEDB8>) Laufzeit bis Februar 2024 bei Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank „sehr gesucht“. Daniel sagt: Wir sehen hier nur Käufe und viel Umsatz.“ Verhalten hingegen sei die Nachfrage nach einer Lufthansa-Anleihe (XS2408458227) mit Laufzeit bis November 2023 und Kupon 1,625 Prozent. „Womöglich sind die Anleger mit 1,47% Rendite nicht zufrieden.“

Gregor Daniel

„Nach jahrelangen schlechten Nachrichten hat thyssentrupp neben der Ankündigung der Abspaltung der Wasserstoff-Sparte auch überraschend gute Zahlen vorgelegt“, berichtet Petz. Das habe den Anleihen geholfen. So sei thyssenkrupp-Anleihe (< DE000A14J587>) mit Laufzeit bis Februar 2025 und 2,5 Prozent Kupon in den vergangenen Tagen von 101,50 auf 103,50 gestiegen. „Das ist eine Rendite von 1,4 Prozent.“ Zugleich komme die Stückelung von 1.000 Euro auch für Privatanleger in Frage.

Unternehmenstitel: Erholung von Kurseinbrüchen

Bei Unternehmensanleihen zeichnen sich mehrfach Erholungen nach vorangegangenen Kurseinbrüchen ab: So berichtet Oechsner von einem Preisanstieg der BDT Media Automation-Anleihe mit Laufzeit bis Juli 2024 (DE000A2E4A94), nachdem der Emittent mitgeteilt habe, dass ,keine unternehmensspezifischen Gründe‘ für den Kursrutsch der letzten Woche vorlägen und von einem stabilem Geschäftsverlauf 2021 berichtete. „Die Anleihe ist zurück bei ca. 93 Prozent, nachdem sie in der Vorwoche zeitweise unter 50 gehandelt wurde.“

R-Logitech S.A.M. mit 8,5 Prozent Verzinsung bei Laufzeit bis 2023 (DE000A19WVN8) legten laut Oechsner ebenfalls zu: „Nachdem die Anleihe in der zweiten Novemberwoche von 101 auf 96 gefallen war, da es zu diesem Zeitpunkt mehr Verkäufer als Käufer gab, kommen jetzt die Käufer wieder rein, aktuell steht sie wieder bei 99,25 Prozent.“

Vedes-Bonds (DE000A2GSTP1) mit Kupon von 5 Prozent und Laufzeit bis 2022 standen zuletzt wieder bei 100 Prozent. VEDES AG hatte zum 17. November das ausstehende Volumen der Anleihe durch vorzeitige Teilkündigung auf den Gesamtnennbetrag von 12,5 Millionen Euro reduziert, weiß Oechsner. Daraufhin ist  die Anleihe bis auf 103 Prozent gestiegen.

Brunner berichtet von deutlichen Erholungen und viel Umsatz sowohl bei der besicherten Anleihe des Immobilien-Unternehmens Eyemaxx Real Estate mit Laufzeit bis 2025 (DE000A289PZ4) und dem unbesicherten Titel (DE000A2YPEZ1) bis 2024. „Nachdem das Unternehmen einen Insolvenz-Antrag gestellt hat, spekulieren die Marktteilnehmer hier auf den weiteren Verlauf.“ Bei der Schlote Holding GmbH-Anleihe mit 6,75 Prozent Kupon (DE000A2YN256) sei der „Flash-Crash“ der Vorwoche ausgestanden. Der Titel habe sich zuletzt gut entwickelt.

Behrens-Anleihen gefragt: Erhöhung der Insolvenzquote

Deutliche Kursgewinne verzeichnen laut Brunner auch die Papiere der Joh. Friedrich Behrens AG mit 6,25 Prozent Kupon und Laufzeit bis 2024 (< DE000A2TSEB6>). „Die Insolvenzquote wurde auf 50 bis 75 Prozent erhöht.“ Das habe den Kurs innerhalb einer Woche um fast 20 Prozent erhöht.

Auch Oechsner berichtet von steigenden Kursen bei Titeln der Joh. Friedrich Behrens AG, hier von der 7,75 Prozent-Anleihe (DE000A161Y52) „Der Markt war von einer Quote von 40 bis 65 Prozent ausgegangen“, ordnet er ein. „Begründet wird die voraussichtliche Erhöhung dadurch, dass der Gläubigerausschuss der ersten Abschlagsverteilung an die Gläubiger voraussichtlich Ende Dezember zugestimmt hat und die fortgeschrittenen Verhandlungen mit der BeA GmbH, zu einer nach derzeitigen Stand zusätzlichen Kaufpreiszahlung in Höhe von 3 bis 4 Millionen Euro führen könnten.“ Die Anleihe stieg im Zuge der verbesserten Insolvenz-Quote um 13 auf 62 Prozent. „Der Markt war eindeutig auf der Käuferseite.“

Bei der ICF Bank waren außerdem mit großen Umsätzen. laut Brunner die Titel von Tempton Personaldienstleistungen gesucht(NO0011129496): „Wir sehen viele Käufer in kleinen Stückzahlen, hier sind auch Privatanleger eingestiegen.“ Die paragon-Anleihe (DE000A2GSB86): mit Laufzeit bis Juli.2022 habe sich erholt, nachdem das Unternehmen einen Teilverkauf seiner Beteiligung an Voltabox gemeldet hatte.

von: Antje Erhard, 19. November 2021, © Deutsche Börse

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