11.03.22 10:36:32

Halver: "Nie war die EZB in einem größeren Dilemma"

Robert Halver analysiert die Notenbankpolitik der EZB im Angesicht des Ukraine-Kriegs

 

11. März 2022, München (Baader Bank). Wie ein Kampfhund hat sich der lupenreine Aggressor Putin in die Ukraine verbissen. Loslassen kann er nicht mehr, weil ihm ansonsten zumindest das politische Ende droht. Die insofern von ihm geschaffenen geopolitischen Tatsachen und die Reaktion des Westens darauf mit heftigen Wirtschaftssanktionen bringen die EZB in größtmögliche Verlegenheit: Bekämpft sie Inflation, verstärkt sie den abzusehenden Abschwung. Stützt sie dagegen die Konjunktur, lässt sie der Inflation freien Lauf.  

Rohstoffe aller Länder, vereinigt Euch!

Und das Ende der Fahnenstange steigender Energiepreise muss noch nicht erreicht sein, wenn Putin die Öl- und Gashähne für Europa zudreht. Damit hätte er zwar seinen letzten Trumpf ausgespielt. Doch entwickelt sich Tanken und Heizen dann zum Masochismus.

Berlin hat viel zu lange der immer erdrückenderen Energieabhängigkeit von Onkel Wladimir zugesehen. Immerhin, da man erkennen musste, dass diese Illusionen Energieversorgung zum Luxusgut machen, bewegt sich plötzlich etwas, wird Ideologie durch gesunden Menschenverstand ersetzt. Gibt es Hoffnung, dass Vater Staat seine Zwangsabgaben zumindest vorübergehend kräftig senkt? Tatsächlich, ohne administrative Kosten würde sich der Spritpreis glatt halbieren.

Für die Alternative Flüssiggas aus den USA, Australien oder Katar fehlen leider entsprechende Terminals in Deutschland. Unabhängig davon sollte man aber nicht erwarten, dass die USA uns aus Gründen transatlantischer Freundschaft preislich entgegenkommen. Jeder ist sich selbst der Nächste und Amerika steht unmittelbar neben sich.

Insofern bleibt Energie grundsätzlich teuer, zumal - Rohstoffe werden in US-Dollar notiert - der schwache Euro zusätzlich die Preise anheizt. Und so fressen sich höhere Energiepreise durch die Volkswirtschaft wie Motten durch Kleidung. Steigende Transport- und Logistikkosten machen vor Supermärkten und Industriebetrieben nicht Halt.

Und das ist noch nicht alles. Alle Rohstoffe haben sich verbrüdert: Kohle, Kupfer, Zink, Aluminium, Nickel, Weizen, Mais, Bauholz oder Edelmetalle marschieren in die gleiche Richtung, nach oben. Die Panik bei allen Industrieunternehmen weltweit ist groß, wegen der Sanktionen nicht mehr an Rohstoffe zu gelangen. Und die Tatsache, dass es die Finanzwelt bislang nicht geschafft hat, z.B. Hedgefonds - die keinen physischen Bedarf haben - Spekulationen auf (Agrar-)Rohstoffe zu verbieten, wirkt sich auf deren Preise aus wie Hefe beim Teig.

Hinzu kommen sanktions- und embargobedingte Einschränkungen der internationalen Arbeitsteilung, die die Produktionskosten alles andere als senken werden. 

Diese rohstoffseitige Himmelfahrt ist in den aktuell bereits hohen Inflationsraten noch gar nicht berücksichtigt. Wird bald der deutsche Inflationsrekord aus der Zeit der Ölkrise von 7,8 Prozent im November 1973 geknackt?

"Steigende Transport- und Logistikkosten machen vor Supermärkten und Industriebetrieben nicht Halt."

Die klassische Reaktion der Geldpolitik wären knallharte Zinserhöhungen, aber…

Normalerweise müsste die EZB auf dieses Inflations-Armageddon ohne Zögern und hart reagieren wie die Bundesbank zur Zeit der Ölkrise oder der deutschen Wiedervereinigung, als der deutsche Leitzins bei 7,5 Prozent bzw. 8,75 Prozent stand.

Allerdings verweist die EZB darauf, dass die explodierenden Preise nicht Produkt einer völlig überhitzten Konjunktur sind. Dafür hätte die EZB in ihrer Werkzeugkiste sicherlich die passenden Instrumente. Nein, es sind die geopolitisch bedingten Angebotsverknappungen von Grundstoffen und Transportkapazitäten, denen sie mit ihren klassischen Instrumenten nicht beikommen kann. Die EZB ist keine Reederin, die unter Führung von Kapitänin Christine Lagarde Rohstoffe nach Europa bringt. Und sie kann auch keine Trupps zusammenstellen, die weltweit nach Öl bohren oder Gas oder Metalle fördern. Auch wenn unsere Notenbank bereits viele unorthodoxe Finanzierungsaufgaben wie Klimaschutz und nun auch noch militärische Aufrüstung zu erledigen hat, stößt selbst der Tausendsassa hier an seine Grenzen.  

Natürlich, die EZB könnte zu einem neuen Gleichgewicht an den Rohstoffmärkten beitragen, indem sie die Nachfrage durch radikale Zinsrestriktionen abwürgt. Über Unternehmenspleiten und Arbeitslosigkeit würde sie dafür aber schwere Wohlstandseinbußen in Kauf nehmen. Da schon jetzt eine Rezession kaum zu verhindern ist, wird die EZB der Wirtschaft nicht noch weitere Knüppel zwischen die Beine werfen. 

Ohnehin weiß sie, dass in unserer kreditdrogenabhängigen Welt der kalte Entzug durch Zinsverteuerungen nachhaltig Wachstumspotenziale vermindert. Oder anders ausgedrückt, wenn wir nicht weiter zinsgünstig auf Pump leben, bricht die Konjunktur zusammen und ist der soziale Frieden gefährdet.

Wie bereits im Rahmen der Corona-Krise wird von „romanischen“ Kräften jetzt ebenso der konjunkturbedrohende Ukraine-Konflikt als willkommene Gelegenheit betrachtet, europäischen Stabilitätskriterien möglichst komplett den Garaus zu machen und die Schuldenunion zu zementieren. Ist die Hoffnung auf eine Rückkehr wirklich wahrscheinlicher als sechs Richtige im Lotto?

Zwischen Konjunktur- und Preisstabilität hat sich die EZB klar entschieden

Tatsächlich stellen ihr die wirtschaftlichen Folgeschäden des Ukraine-Kriegs einen Blankoscheck für grundsätzlich üppige Geld-„Realpolitik“ aus. Außerdem muss das europäische Bankensystem vor Kreditausfallrisiken geschützt werden. Bloß keine neue Finanzkrise riskieren, die schnell zu einer neuen Schuldenkrise und als Sahnehäubchen obendrauf zur Eurosklerose führt.

Man räumt der Preissteigerung einfach eine längere Zeitspanne ein, um nach Höhenflug wieder den Boden zu finden. Scheinheilig versucht man so zumindest langfristig die Stabilitäts-Fahne aufrechtzuhalten. Die EZB hat sogar noch das Ass im Ärmel, dass die Messung der Inflationsrate immer eine relative Betrachtung zum Vorjahr ist. Selbst wenn 2023 die Rohstoffkosten auf dem augenblicklichen Extremniveau verharrten, würde sich im nächsten Jahr eine geradezu dramatische Preisentspannung einstellen. Rückläufige Rohstoffpreise könnten sogar deflationär wirken. Dass das absolute Preisniveau dennoch gigantisch bleibt, wird man aus dem EZB-Turm kaum hören.

"Bloß keine neue Finanzkrise riskieren"

Insgesamt ist eine grundsätzliche Trendwende der Zins- und Liquiditätspolitik nicht zu erwarten, die der Inflationslage auch nur annähernd gerecht würde. Darüber können auch „Restriktiönchen“ kosmetischer Art nicht hinwegtäuschen.

Und wann kehrt die EZB zu ihrem Primärauftrag der Inflationsbekämpfung zurück? Konkreter gefragt, wann hören die Ausnahmen von den Stabilitätsregeln auf? Sind wir doch ehrlich: Die Ausnahmen sind längst zur Regel geworden.

von Robert Halver, Baader Bank

11. März 2022, © Baader Bank

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.

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