09.03.22 13:01:00

Marktstimmung: "Die Angst, etwas zu verpassen"

Während die Profis trotz der hohen Unsicherheit in alle Richtungen eher Angst zu haben scheinen, eine Erholung zu verpassen, sind die Privatanleger erstarrt. Ingesamt stelle das Sentiment eine Belastung dar, vermutet Goldberg.

Trotz der Ratlosigkeit, die Joachim Goldberg im Aktienmarkt erkennt, und der hohen Handelsspanne von 12 Prozent im betrachteten Zeitraum, haben 12 Prozent der Profis Aktien gekauft und 11 Prozent ihre Short-Positionen geschlossen. Der Verhaltensökonom hält es für möglich, dass diese Akteure alle schlimmen Szenarien bereits eingepreist sehen und eher Angst haben eine "substantielle" Erholungsrallye zu verpassen. Jedenfalls steht der Optimismus mit +26 Punkten ziemlich hoch. Anders die Privatanleger, die sich kaum bewegt haben. 

Unterm Strich sieht Goldberg in dem Optimismus eine Belastung. Die Bullen von heute dürften schnell wieder wechseln, wenn sich der Erfolg nicht einstellt. Außerdem sei die Stütze nach unten dünner geworden.

9. März 2022. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Wenn Trader äußern, sie warteten auf die nächste Schlagzeile, um eine Idee zu bekommen, in welche Richtung sich die Märkte als nächstes bewegen könnten, dann zeugt das von einer gewissen Ratlosigkeit. Natürlich werden diese Schlagzeilen beherrscht von dem einen Thema, nicht nur für die Aktienmärkte: Die geopolitischen Spannungen, die sich aus dem Angriff Russlands auf die Ukraine ergeben – mit all seinen fürchterlichen und unabsehbaren Folgen, insbesondere für die Menschen in diesem Land.

Tatsächlich entstand an den Aktienmärkten dies- und jenseits des Atlantiks während der vergangenen Tage hohe Volatilität, bei der sich ursprünglich kleine Kursausschläge in heftige Swings verwandelten, oftmals ausgelöst durch Nachrichten, die sich nachträglich als veraltet, irreführend oder sogar falsch erwiesen. Selbst für Vollprofis und erfahrene Kommentatoren war es dem Vernehmen nach selbst im Nachhinein schwer, ein Narrativ für die Preisentwicklung eines Handelstages zu finden. Und so wundert es nicht, dass der DAX seit unserer vergangenen Stimmungserhebung vom höchsten Punkt bis zum Tief des Berichtszeitraums eine Spanne von fast 12 Prozent absolvierte. Im Wochenvergleich blieb – und dabei kann es sich nur um eine Momentaufnahme handeln – ein Minus von 3,3 Prozent.

Bullish aus unterschiedlichen Motiven

Wenig hat sich indes bei den Privatanlegern getan. Der Börse Frankfurt Sentiment-Index in diesem Panel ist nämlich erneut nur um 2 Punkte auf einen neuen Stand von +8 gestiegen; nicht zuletzt, weil ein paar Pessimisten Absicherungen gegen fallende Kurse zurückgenommen haben. Bemerkenswert ist in diesem Panel, dass es seit Ende Januar eine relativ robuste Mehrheit von Optimisten gibt, die auf den massiven Kurseinbruch des DAX – alleine stichtagsbezogen sprechen wir von einem Rückgang von über 2.000 Punkten – unter dem Strich nicht reagiert haben und offensichtlich längerfristig ausharren werden.

Die Wahl zwischen zwei Ängsten

Mit der heutigen Befragung hat sich die Stimmungskluft zwischen privaten und institutionellen Investoren deutlich erhöht. Dabei scheint vor allen Dingen bei den institutionellen Investoren die Angst vor einer substantiellen, möglicherweise „überfälligen“ Rallye größer zu sein als die Angst vor erneuten, möglicherweise massiven Kursverlusten. Ob man davon ausgeht, dass der sogenannte Worst Case bereits eingepreist ist? Oder hat allein die Tatsache, dass sich der DAX gegenüber dem Vortag auf Schlusskursbasis nur unwesentlich verschlechterte, zu den jüngsten Käufen verführt? Die geopolitische Nachrichtenlage war jedenfalls zum Erhebungszeitpunkt so unübersichtlich wie eh und je.

Unter dem Strich bleibt festzuhalten, dass der heute festgestellte Optimismus der institutionellen Investoren – die Privatanleger sind in ihren schal gewordenen Positionen gefangen – einerseits hausgemacht ist.

Fraglich ist außerdem, ob die Bullen von heute dem DAX auch die Treue halten werden, wenn sich die erhofften deutlichen Kursgewinne nicht schnell einstellen sollten. Zwar repräsentiert der heutige Stand des Sentiment-Index keinen übermäßigen Optimismus, aber doch ein Niveau, das für den DAX eine Belastung darstellt. Dies gilt insbesondere, wenn der jüngste Optimismus nicht von internationalen Kapitalströmen unterstützt wird. Wollen wir hoffen, dass im Falle eines erneuten DAX-Rückschlags die verbliebene mögliche Nachfrage der Investoren ausreicht, um Schlimmeres zu verhindern.

9. März 2022, © Goldberg & Goldberg für boerse-frankfurt.de

Video-Kommentar von Joachim Goldberg

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Sentiment-Index institutioneller Anleger

 BullishBearishNeutral
Total50%24%26%

ggü. letzter Erhebung

+12%-11%

-1%

DAX (Veränderung zu vergangener Erhebung): 13.300 (-450 Pkt.)
Börse Frankfurt Sentiment-Index Institutionelle Anleger: +26 Punkte (Stand vergangene Erhebung: +3 Punkte) 

Sentiment-Index privater Anleger

 BullishBearishNeutral
Total43%35%22%

ggü. letzter Erhebung

unv.

-2%+2%

DAX (Veränderung zu vergangener Erhebung): 13.300 (-450 Pkt.)
Börse Frankfurt Sentiment-Index Private Anleger: +8 Punkte (Stand vergangene Erhebung: +6 Punkte)

Über den Börse Frankfurt Sentiment-Index

Der Börse Frankfurt Sentiment-Index bewegt sich zwischen -100 (totaler Pessimismus) und +100 (totaler Optimismus), der Übergang von positive in negative Werte markiert die neutrale Linie. 

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